Neu im Kino

Aufstieg und Fall der Gangsta-Rap-Rebellen aus der Vorstadt

Brisantes Hip-Hop-Zeitgemälde: "Straight Outta Compton" blickt zurück auf die Karriere von N.W.A. Ein Überraschungserfolg in den USA.

Bio-Pic über die Achtiziger-Gansta-Rapper N.W.A.: Aldis Hodge als MC Ren, Neil Brown Jr. als DJ Yella, Jason Mitchell als Eazy-E, O'Shea Jackson Jr. als Ice Cube und Corey Hawkins als Dr. Dre in „Straight Outta Compton“

Bio-Pic über die Achtiziger-Gansta-Rapper N.W.A.: Aldis Hodge als MC Ren, Neil Brown Jr. als DJ Yella, Jason Mitchell als Eazy-E, O'Shea Jackson Jr. als Ice Cube und Corey Hawkins als Dr. Dre in „Straight Outta Compton“

Foto: Jaimie Trueblood / dpa

Ein junger Schwarzer geht auf die fahl beleuchtete Eingangstür einer schäbigen Vorortbude zu. Er klopft. Er wird mürrisch eingelassen. Er steht einem bulligen bärtigen Kerl gegenüber. Auf dem Sofa lümmelt eine Frau mit stoischem Blick. Die Atmosphäre knistert. Der Junge will seine Kohle für das Dope, das er auf der Straße vertickt hat. Der Bärtige will es ihm nicht geben.

Um das zu untermauern, werden hörbar Knarren entsichert. Auch die Frau zielt auf den kleinen Dealer. Die Situation ist brenzlig. Da kachelt unter Sirenengeheul ein Polizei-Rammbock die Straße entlang, fährt mit voller Wucht gegen das Haus. Ein Einsatzkommando stürmt die Bruchbude. Der Kleindealer kann gerade noch entkommen.

Funklastige Beats und rüde Reime

Actiongeladen wie ein Thriller aus dem kalifornischen Drogenmileu beginnt F. Gary Grays imponierender Film über die so stilbildende wie umstrittene Hip-Hop-Formation N.W.A., die in den 80er-Jahren den Hip-Hop an der amerikanischen Westküste etablierte, die zu den Gründervätern des Gangsta-Rap zählte und mit funklastigen Beats und rüden Reimen ihre Wut gegen Armut, Ungerechtigkeit und staatliche weiße Willkür in die Welt bellten. Die 1988 zu Stars wurden mit genau genommen nur einem einzigen Album: „Straight Outta Compton“, das diesem Film den Titel gab.

Rap sei das „CNN der Schwarzen“ hatte einst Chuck D. gesagt, der mit seiner Truppe Public Enemy an der US-Ostküste eine noch weitaus politischer motivierte Gangart des Hip-Hop propagierte hatte. N.W.A. aber galten in den wenigen Jahren ihres Bestehens als die härtesten, kompromisslosesten und gefährlichsten Vertreter des Genres. Und packten das, was sie um sich herum sahen, in grobe Texte, die freilich auch vor gewaltverherrlichenden, frauenfeindlichen und selbstverliebten Suadas nicht Halt machten.

Bandenkriege und Polizeiwillkür

Der kleine Dealer vom Anfang ist Easy-E (Jason Mitchell). Er steht im Zentrum dieses aufwühlenden Bio-Pics. Er gründet mit dem Geld, das ihm seine Drogengeschäfte eingebracht haben, sein eigenes Plattenlabel Ruthless Records. Und gemeinsam mit seinen Homies Dr. Dre (Corey Hawkins), Ice Cube (O’Shea Jackson, Jr.), DJ Yella (Neil Brown, Jr.) und MC Ren (Aldis Hodge) formt er N.W.A. Als der weiße Manager Jerry Heller (Paul Giamatti) dazustößt, fragt er Easy E, was denn N.W.A. eigentlich bedeute, „No Whites Allowed“ etwa? Easy blickt ihn nur cool an und sagt: „Niggaz Wit Attitudes“.

In epischer Breite begleitet „Straight Outta Compton“ so nüchtern wie wenn nötig auch sensibel Aufstieg und Fall der Formation von 1986 bis 1995. Er zeigt Teenager in Compton, jenem gefährlichen Vorort von Los Angeles, der eine der höchsten Arbeitslosenquoten und eine der höchsten Mordraten der USA hat, in dem ein tödlicher Bandenkrieg zwischen den Crisps und den Bloods wütet, in dem polizeiliche Willkür gegenüber Schwarzen an der Tagesordnung ist.

Angst, Unsicherheit und Rassismus

In solch einem Klima entstehen Stücke wie der N.W.A.-Hit „Fuck the Police“, der der Truppe Aufführungsverbote bis hin zu einem Drohbrief des FBI einbrachte. Das Album wurde dennoch mehr als drei Millionen Mal verkauft.

Regisseur F. Gary Gray, der selbst mit der Musik von N.W.A., Dr. Dre und Ice Cube aufwuchs, versucht erst gar nicht, die Musiker als glamouröse Helden zu stilisieren, auch wenn er einige herbere Episoden aus der Vita seiner Protagonisten ausspart.

Er richtet den Blick immer wieder auf die Zeitumstände, auf eine von Angst, Unsicherheit und Rassismus geschürte Gewalt. Er gibt den Rap-Elaboraten der Crew ein geradezu prophetisches Element, indem er von „Fuck The Police“ aus den späten Achtzigern auf die Rassenunruhen 1992 in Los Angeles verweist.

Der echte Dr. Dre lieferte den Soundtrack

Die Darsteller sind durchweg großartig, allen voran Jason Mitchell als von Leben und Erfolg überforderter Easy-E. Eine enge Beziehung entwickelt sich zwischen ihm und Manager Heller, der sich energisch für Band und Plattenlabel einsetzt, aber dennoch versucht, dabei sein Schäfchen ins Trockene zu bringen.

Easy will das bis zuletzt nicht wahr haben. Wie er später, kurz vor der geplanten Wiedervereinigung von N.W.A., auch nicht akzeptieren will, dass er an Aids erkrankt ist. Easy-E stirbt 1995 mit nur 31 Jahren.

Dass Realität und Fiktion freilich nicht immer voneinander getrennt marschieren, legt schon die Tatsache nahe, dass der echte Dr. Dre und der echte Ice Cube den Film produziert haben. Und der geschäftstüchtige Dr. Dre hat „Straight Outta Compton“ auch gleich den passenden Soundtrack verpasst. O’Shea Jackson, Jr., der Ice Cube im Film spielt, ist der Sohn von Ice Cube.

Actionreich und gefühlsbeladen

Dennoch besticht der Film durch ein hohes Maß an Authentizität, wechselt stimmig zwischen gefühlsbeladenen Ausbrüchen und den Katastrophen des Alltags. Ist politisch und sozialkritisch. Ist laut, kann aber auch sehr leise sein.

Die gut zweieinhalb Stunden lange musikalische Biografie vergeht wie im Flug. „Straight Outta Compton“ ist nicht das typische Aus-dem-Ghetto-zu-Starruhm-Pic, sondern ein mit großem Herzen ausgebreitetes Zeitgemälde. Ganz Old School, aber von brisanter Aktualität.

Straight Outta Compton, USA 2015, 147 min., von
F. Gary Gray, Jason Mitchel, O’Shea Jackson Jr., Corey Hawkins