Literatur

Der sich selbst optimierende Mann

Der Berliner Autor Karl W. Flender hat in seinem Debütroman einen moralisch heiklen Helden aus der PR-Branche erschaffen

Foto: Amin Akhtar

Matthias Wulff

Thomas Hessel beschreibt seinen Arbeitsplatz, als mache er ein Geständnis: „Genau genommen sitzen wir die meiste Zeit auf Tranquilizern im Flieger und saufen.“ Er arbeitet in einer Public-Relations-Agentur. Wo Thomas hinreist, ist die Krise schon da. Die Kunden der Agentur haben ein problematisches Portfolio, ihre Produkte sind giftig, Arbeitnehmerrechte unwichtig. So fliegt er an die Orte, in denen noch nach altem Brauch und Sitte ausgebeutet wird: Amazonas, Indien, Afrika. Die Kunden „wollen ihr Geld in nachhaltige, gut aussehende Erfolgsgeschichten investieren, wir liefern sie“, erklärt er. Das ist die nette Variante. Falls das Ansehen des Kundens dann doch in Mitleidenschaft gerät, dann erinnert sich Thomas an eine andere PR-Weisheit: „Wenn du dich selber nicht retten kannst, ziehe alle anderen mit in die Scheiße.“

„Greenwash Inc“ heißt das Debüt des Berliner Autors Karl Wolfgang Flender, Jahrgang 1986. Es ist genau so, wie man sich ein Erstling wünscht: Ungestüm, überbordend, ambitioniert. Hätte es einen fähigen Lektor gehabt, wären die letzten 40 Seiten nicht erschienen. Das Ende ist konstruiert, hölzern, getrieben von dem Wunsch, die Enden zu verbinden, die auch unauserzählt hätten verbleiben können. Daher an der Stelle dieser Rat: Machen Sie sich das Leben nicht schwer, beenden Sie den Roman auf Seite 345. Der britische Autor Tim Parks hat vor ein paar Jahren in einem Essay („Why finish books“) in der „New York Times“ über das optimale Ende geschrieben. Er bemerkte, dass er nicht daran zweifelt, dass er eine schlechtere Meinung von vielen Romanen hätte, hätte er sie bis zum Ende gelesen.

Intelligent und narzisstisch. Ein Tablettenproblem hat er außerdem

Karl Wolfgang Flenders Held ist Mitte 30, früher war er Journalist, seine Freundin Marina hat er in „einem berufsvorbereitenden ‘Besuche aus der Praxis-Seminar’“ kennengelernt, von dem idealistischen Reporter von einst ist nicht viel übrig geblieben, das weiß er selbst. Thomas ist intelligent, narzisstisch, stetig am Selbstoptimieren und Selbstkontrollieren. Ein Tablettenproblem hat er außerdem.

Er arbeitet bei der Agentur Mars & Jung, die wohl kaum zufällig wie die Hamburger Agentur Jung von Matt klingt. Jens Mars ist der Chef einer Firma, die mit Nullsätzen wie „Mit steigendem Wachstum steigt auch die Verantwortung unseres Unternehmens“ ihr Geld verdient und die Außendarstellung Unternehmen mit „Corporate Social Responsibility Reports“ aufhübschen. Mars & Jung passt zu der gegenwärtige Phase des Kapitalismus, in der die meisten Menschen mit schlechtem Gewissen konsumieren - ohne bereit zu sein, ernsthaft auf irgendetwas zu verzichten. Es sind also gute Zeiten für Neusprech: „Man kann nahezu alles behaupten, solange man es mit “nachhaltig”, “schonend”, “sparsam” oder “nachhaltig” verschlagwortet,“ bemerkt Thomas.

Weißes Hemd mit Haifischkragen aus Organic Cotton, keine Krawatte

Manchen Kritikern missfällt die „zynische“ Darstellung des Kapitalismus, so wie die „Welt“ schrieb. Bei Flender ist alles zu kaufen, selbst die ökologisch korrekte Haltung – was ist daran falsch beobachtet? Das Elend der Welt ist eine Wachstumsbranche. Und der linkssoziologische Jargon über „Body politics,postcolonial conflict, gender studies“ wird irgendwann von der werbenden Wirtschaf übernommen, so wie das Konterfei jedes Revolutionärs am Ende auf einem T-Shirt landet.

Während Thomas im sonstigen Leben maximalen Wert auf stilvolle Ausstrahlung legt, gibt es auf der Arbeit nur eine Währung, die ihm etwas bedeutet, die knappste Ressource der Welt: Anerkennung vom Chef. Wird Thomas von seinem Vorgesetzten zum Squash-Spiel aufgefordert, geht für ihn eine kleine Sonne auf, wenn Jens ihn dann auch noch „Tiger“ nennt, erstrahlt das Universum. Thomas liebt es, zur Arbeit zu gehen: „Die Umkleide ist den Locker-Rooms aus Collegefilmen nachempfunden, und jeden Morgen genieße ich es, mein Trikot - dunkelblaue Baumwollhose, weißes Hemd mit Haifischkragen aus Organic Cotton, keine Krawatte - anzuziehen und mich dabei so aufgeputscht zu fühlen, als stünde ein großes Spiel bevor.“

Er lebt für die Firma, und er ist ein Profi, der es versteht, Botschaften zu übermitteln: „Das verwackelte Handykamerabild ist die neue Ästhetik der Authenzität. Mit dem Smartphone gefilmt, der Ton schön übersteuert, dann bei Youtube hochgeladen. Quelle: Internet, so sehen echte Nachrichten aus. Je gröber das Bild, desto besser.“

Die beiden Männer messen ihre Kräfte über eine „Push-Up-App“

Karl Wolfgang Flender lässt Thomas zwischen Deutschland und Dienstreisen im Ausland pendeln, je nach Verlauf des Aufenthalt verändert sich die Stimmung. Nach Lateinamerika ist er der Held, nach Indien verrichtet er die Tätigkeiten eines Praktikanten. Mit Kollege Christian verbindet ihn eine kompetitive Freundschaft. Die beiden Männer messen ihre Kräfte über eine „Push-Up-App“, die die Anzahl der Liegestütze anzeigt. Wenn Thomas in einem Hotel sein Hemd auszieht, dann wendet er Christoph den Rücken zu, „denn diesem habe ich beim Training doppelte Aufmerksamkeit gewidmet“.

Thomas Leben ist ein moderner Snob. Es dreht sich um die richtigen Zigarren, die richtigen Drinks, die richtigen Anzüge, die richtige Radmarke und was von französischen Rahmen zu halten ist. Stellenweise klingt der Roman, in der die Gegenstände das Übersinnliche sind, als habe der Autor einmal zu oft Christian Kracht gelesen. Ein anderer Einfluss ist noch offensichtlicher: Karl Wolfgang Flender hat in Hildesheim studiert, wo der Berliner Autor Thomas Klupp unterrichtet. Der hatte 2009 mit „Paradiso“ einer der besten Debüts der deutschsprachigen Literatur (und danach nichts mehr veröffentlicht), in der der Erzähler ein ambivalenter Typ ist, der als Sonnenscheinchen beginnt und als Dreckskerl endet.

Perfekte Brüste, aber leider auch Mundgeruch

Flanders Held traut man nicht von Seite Eins an, aber er traut sich auch nicht. So gefestigt sein Materialismus, so verloren und ohne belastbare Bindung erscheint er auch. Die konstante Tabletteneinnahme macht ihn zu einem bedingt glaubwürdigen, zuweilen komischen Erzähler. So ist der durchgehend scharf auf die Praktikantin, die „perfekte Brüste hat”, aber leider auch einen nicht zu leugnenden Mundgeruch. Eine tragische Konstellation.

Bei einer Party lernen sich die Praktikantin und Freundin Marina kennen: „An übertriebenen Konsensbestreben, das sich in wechselseitigen Komplimenten und verbindlichen Armberührungen äußert, sehe ich, dass die beiden Frauen sich schon jetzt hassen.“ Mit Marina verbindet ihn immer weniger, sie entzieht sich ihm, betrügt ihn mit Jens oder auch nicht, sie hält ihn auf Distanz, ist aber auch sein letzter Anker aus der Wirklichkeit. Als er vorschlägt, gemeinsam abzuhauen, weist sie ihn zurecht. Er solle sich zusammenreißen. Denn vor dem Kapitalismus kann man nicht fliehen.