Nach dem Film zeigt sich Toms Mutter nicht begeistert. Was sie gesehen hatte, war eine Montage mit dem Titel „Ein Fluss aus Fleisch“, zwei 16-Milimeter-Filmausschnitte, in der Bilder aus einem Schönheitswettbewerb mit dem Leiden einer Kuh, deren Existenz mit einem Schlachtschussapparat beendet wird, gegengeschnitten werden. Sie hätte schon einige schwere Tage hinter sich, sagt Toms Mutter. „Aber ich glaube, das war der schlimmste Tag meines Lebens.“ Vielleicht sollte man an dieser Stelle noch erwähnen, dass ihr Lieblingsfilm „Dr. Schiwago“ ist.
Verantwortlich für diesen experimentellen Kurzfilm ist Anabel, die Freundin von Tom. An der Universität hatte sie für Aufsehen gesorgt, weil sie sich braunes Schlachterpapier um ihren nackten Körper gewickelt hatte, auf dem „Ihr Fleisch“ stand, und in diesem Zustand in dem Büro des Dekans gefunden wurde. Auf diese Weise wollte sie gegen die Benachteiligung von Studentinnen protestieren.
Insgesamt ist das Urteil der Welt gegenüber Anabel gespalten: Sie selbst begreift sich als Opfer, während der Rest sie als „Tornado der Selbstgerechtigkeit“ sieht, wie eine Freundin sagt. Ihrem komplizierten, starrsinnigen, rechthaberischen und selbstmitleidigen Wesen erliegt Tom, nicht ein Leben lang, doch lang genug, um sein Leben zu prägen.
Ist der große Autor auch ein großer Reaktionär?
Die Zutaten, die in Jonathans Franzen letztem Roman „Freiheit“ an den Rändern erkennbar waren, sind bei seinem neuen Werk „Unschuld“, der am heutigen Freitag erscheint, in das Zentrum geraten: Die Verbindung zwischen Mann und Frau ist grundsätzlich ein Konflikt, der sich durch das Aufkommen des Feminismus noch verschärft hat. Männer befinden sich in der Defensive, getrieben von der unzähmbaren Lust am Weibe. Zur Vernunft kommen sie nur erst dann, wenn die Frauen zu offensichtlich einen an der Waffel haben.
Dass die Welt außer Rand und Band geraten ist, ist für Jonathan Franzen mit dem Aufkommen des Internets bewiesen, das für ihn nicht mehr ist als Masturbationshilfe und Werkzeug für Geheimnisverrat darstellt. Im Übrigen führe der moralische Relativismus dieser Tage dazu, dass wir Menschen des Westens unter permanenten Schuldgefühlen und Selbstvorwürfen leiden (gegenüber dem Partner, gegenüber dem Ex-Partner, gegenüber den Kindern des Ex-Partners und so weiter). Nach gut über 800 Seiten fragt man sich, ob der „Great American Novelist“, zu dem die „Time“ ihn gekürt hat, auch ein großer amerikanischer Reaktionär ist.
Mit dem Leben von Pip Taylor beginnt Jonathan Franzen seinen Roman. Sie ist Anfang 20, lebt in Kalifornien und erscheint wie die reifere Schwester von Emily The Strange, der dunkelhaarigen Comicfigur. Pip Tayler ist eigenbrötlerisch, hat wenig Freunde, lebt in einem besetzten Haus, ist schlagfertig, wenngleich etwas ziellos. Ihr Gefühlshaushalt zwischen Nihilismus und Selbstüberschätzung ist gut ausbalanciert, auf ihre verschrobene Weise ist sie, deren wahrer Name Purity, also Reinheit, die Figur, deren Weg man am liebsten verfolgt. Sie arbeitet im Direktmarketing von Renewable Solutions, einer Energiefirma, die „nichts herstellt, nichts baut und nichts installiert“ und trotzdem existiert.
Sie vermarket mutmaßlich „sauberen“ Strom, der mit Steuervergünstigungen und Subventionen beworben wird. Oder wie es ein potenzieller Kunde formuliert: „Mit anderen Worten, mit meinen Steuern werden diese Initiativen bezahlt und vielleicht kriege ich was davon zurück.“ Pip führt eine innige, wenngleich nicht unkomplizierte Beziehung zu ihrer Mutter: „Kein Telefonat war komplett, bevor sie einander nicht unglücklich gemacht hatten“, schreibt Franzen.
Pips Mutter weigert sich, den Namen des Vaters zu nennen. Als sie jünger war, erzählte sie der Tochter, dass sie, also die Mutter, körperlich und psychisch misshandelt worden sei, ein sehr gefährlicher Mensch sei Pips Vater gewesen und sie sei mit der Tochter geflüchtet. Nachdem Pip zufällig erfährt, dass diese Geschichte auch in einem Buch so gestanden hatte, glaubt sie der Version ihrer Mutter weniger.
Cliffhanger Eins ist also die Frage, wer ihr Vater ist. Cliffhanger Zwei folgt, wenn Jonathan Franzen über einen Mord in der DDR erzählt. Der Amerikaner mag sich im Westen auskennen, in den 80er-Jahren hatte er in München und West-Berlin gelebt, über das Leben in der DDR weiß er weniger Bescheid. Aus einem Gespräch im „Guardian“ wie auch aus dem Roman erfahren wir, dass Jonathan Franzen die DDR mit dem Internet gleichsetzt, beide seien sie „totalitär“, man konnte demnach nicht keine Beziehung zur DDR gehabt haben, auch das Internet könne man entweder ignorieren oder unterstützen.
Für die Bürger des untergegangenen Staates sicherlich ein interessanter Hinweis, hatten sie doch einige Jahrzehnte gebraucht, um den Schalter zu finden, um das System herunterzufahren. Anders formuliert: Es ist sicherlich heute eine leichtere Übung, das Internet zu ignorieren, als es für die DDR-Bürger einst war, ihren Staat zu ignorieren.
Die Kritik in Amerika spricht von „hemmungslosem Unsinn“
In Franzens Roman wächst Andreas Wolf in der DDR auf, der später als Bürgerrechtler gefeiert wird und noch später als eine Art Julian Assange einen ähnlichen Internetdienst wie Wikileaks aufbaut. Er ist wie, wie wir an mehren Stellen erfahren, ein unglaublich gut aussehender Mann, der auch „charmant“ und „ironisch“ sein soll, wenngleich er in dem Buch nicht einen einzigen liebenswerten oder spöttischen Satz formuliert, sondern zu seinen Eltern, die zur Elite der DDR gehören, genauso brüsk und abweisend ist wie zu den Menschen in der Kirche, bei denen er Unterschlupf findet.
Aber den Frauen ist das alles egal, sie verzehren sich nach ihm: „Die jungen Mädchen standen praktisch Schlange vor seinem Büro, um die Hose für ihn auszuziehen, und wenn sie glaubhaft versichern konnten, mindestens 16 zu sein, half er ihnen bei den Knöpfen.“ Andreas Wolf begeistert sich für „Teenager-Muschis“, seitenlang wird über seine Masturbationssucht berichtet, und weist selbst seiner Mutter, als er 15 ist, die Tür, weil er jetzt onanieren müsse.
Für Informatik oder Mathematik oder Journalismus interessierte er sich nie und kaufte erst Jahre nach dem Fall der Mauer einen Computer, den er vor allem für sein liebstes Hobby nutzt. Um so phänomenaler ist, dass er wie aus dem Nichts eine globale Enthüllungsplattform erschafft. Und zum Mörder wird er in der DDR dann auch noch, kurz nachdem er sich in eine 15-Jährige verguckt, als diese erzählt, sie werde von ihrem Stiefvater missbraucht. Als wäre das nicht unplausibel genug, beichtet er die Tat nach dem Mauerfall auch noch dem Amerikaner Tom, der Mann mit der schwierigen Frau – und das, obwohl Andreas Wolf weiß, dass Tom Journalist ist.
„Trotz all seinem außergewöhnlichen Ehrgeiz ist das Buch voll von hemmungslosem Unsinn“, hat das „National Public Radio“ geurteilt. Von „Unschuld“, das deutlich gegenüber den „Korrekturen“ und „Freiheit“ abfällt, bleibt ein zwiespältiger Eindruck. Streckenweise liest sich das Buch wie ein Schmöker von Ken Follett: Handlungsreich, spannend, clever strukturiert in den Zeitsprüngen, aber auch flach in den Charakteren. Tom und Pep beschreibt er facettenreich, für Andreas und Anabel hat Jonathan Franzen nur Verachtung übrig.
In einem Essay im „New Yorker“ hatte Jonathan Franzen 2012 geschrieben, er sei, je älter er werde, desto mehr überzeugt, dass das fiktionale Oeuvre eines Romanciers ein Spiegelbild des Charakters des Schreibers sei. Nach der Lektüre von „Unschuld“ kann man nur hoffen, dass er Unrecht hat.

