Literatur

Katerina Poladjans Roman: Reisen mit unbestimmtem Ziel

In „Vielleicht Marseille“, dem Buch der Berliner Autorin, haben die Einen schon etwas verloren, die Anderen werden etwas verlieren

Das zweite Buch der Schriftstellerin Katerina Poladjan ist erschienen, „In einer Nacht, woanders“ hieß ihr Debüt

Das zweite Buch der Schriftstellerin Katerina Poladjan ist erschienen, „In einer Nacht, woanders“ hieß ihr Debüt

Foto: system / Christine Fenzl

Kurz vor dem Gebäude, in dem er gleich seine Antrittsrede halten soll, dreht sich Luc um und geht zurück. Er geht wieder ins Hotel. Morgen, sagt er sich, da sei er vielleicht bereit für seine Zukunft, seine neue Position, die damit verbundenen Verantwortung. Aber heute eben nicht.

Ann hingegen geht nach vorn. Sie verlässt das Haus, in dem sie mit ihrem Mann gelebt hat. „Sie wird sich um nichts mehr kümmern.“ Ann ist mit ihrem Sohn in Schwabing zum Abendessen verabredet, aber stattdessen fährt sie nach Salzburg. Sie geht in ein Hotel. Dasselbe, in dem auch Luc untergekommen ist.

Katerina Poladjans neuer Roman „Vielleicht Marseille“ ist die Geschichte einer Begegnung von Menschen, die in unterschiedliche Richtungen unterwegs sind. Der Blick eines Unbekannten auf sich selbst macht den Protagonisten deutlich, dass alles auch ganz anders sein könnte.

Vier Perspektiven auf die Geschichten von zwei Familien

Als Setting ist das nicht außergewöhnlich. Seit ihrer Erfindung lebt die Literatur schließlich davon, dass sich Unbekannte begegnen, gemeinsam innehalten, und dass sich durch ihre Begegnungen ihre jeweiligen Geschichten ändern, oder dass eine neue, eine gemeinsame entsteht. Und doch schafft es Katerina Poladjan, das bekannte, neu zu erzählen.

Im Falle von „Vielleicht Marseille“ sind es die Geschichten von Ann, deren Mann vor wenigen Monaten verstarb, von Luc, der einen neuen Posten in Den Haag antreten soll, von Anns Sohn Theo, der die Trennung von seiner Freundin nicht überwindet, und Miyu, Lucs Frau, der ihr Mann langsam entgleitet. Ann und Theo haben schon etwas verloren, Miyu und Luc werden etwas verlieren.

Vier Perspektiven auf die Geschichten von zwei Familien und ihren Erinnerungen. Und das alles nochmal gespiegelt im Blick des Fremden: Ann trifft Luc, Theo trifft Miyu. Poladjan spielt hier mit Balancen und Gegenläufigem. Die Mehrstimmigkeit ihrer Protagonisten ist kunstvoll durchkomponiert und dennoch leicht vorgetragen in abwechselnden Tempi. Fast wie eine Sonate von Bach.

„Vielleicht Marseille“, das ist das unklare Ziel von Anns Reise. Aus Marseille stammt Luc, und er muss dorthin zurück, seine Familie wartet dort auf ihn. Seine Frau, die beiden Kinder. Sein Sohn hat Geburtstag am nächsten Tag. Aber Luc verbringt die Nacht mit Ann. Karriere und Kinder, beides scheint ihm plötzlich – ein bisschen sehr plötzlich vielleicht – egal. Ann wiederum klaut am Morgen sein Auto und verschwindet.

Etwas unmotiviert sind jedoch gegelegnegtlich die Handlungen der Personen. Warum wirft Ann ihr Handy weg und das ausgerechnet in den Mülleimer im mit Luc geteilten Zimmer? Warum sucht Luc sie ausgerechnet in den Bergen? Er weiß doch, dass sie sein Auto hat.

„Vielleicht Marseille“ ist der zweite Roman von Katerina Poladjan. Ihr Debüt „In einer Nacht woanders“ handelt von einer Familiengeschichte, auf die es verschiedene Perspektiven gibt. Im Zentrum stehen drei Frauen aus drei Generationen und eine Kindheit in Russland. Das Sujet ist Poladjan vertraut: Die Autorin ist 1971 in Moskau geboren worden, 1979 kam sie nach Deutschland. Heute lebt sie in Berlin, hier ist sie auch aufgewachsen und wurde als Schauspielerin bekannt. 2004 spielte sie in „Der Untergang“ von Oliver Hirschbiegel , 2014 in „The Cut“ von Fatih Akin. Von einem Einfluss des Schauspiels auf ihre Erzählstimme kann man dennoch nicht reden. Zum Glück nicht. Wenn Darsteller zu Autoren werden, dann werden ihre Werke allzu oft nur ausformulierte Drehbücher.

Die Autorin hat auch beim diesjährigen Bachmann-Wettbewerb gelesen. Ihr Text hieß: „Es ist nicht weit bis Marseille“, im Wesentlichen ein Auszug aus dem jetzt veröffentlichten Roman, in dem sich jedoch ein dramatischeres Ende andeutet, weswegen er für Jury-Vorsitzenden Hubert Winkels auch zu stark aufgeladen war. Doch im veröffentlichten Roman bekommt die Handlung den Platz, den sie braucht. Auf Sex und Tod reduziert der Auszug die Geschichte, aber genau das wird der Erzählerin Poladjan nicht gerecht. Am Ende löste die Lektüre bei der Bachmann Jury vor allem eine Diskussion darüber aus, wann Sex eigentlich beginnt. Auch nicht uninteressant, aber wenig zum Thema.

Katerina Poladjan beherrrscht das leicht schwebende der sich abwechselnden inneren Monologe, der genau Aufbau ihrer Figuren. In Klagenfurt wurde bemängelt, dass es keine klar erkennbare Hauptfigur gibt. Die Beobachtung ist richtig, doch gerade das macht die Spannung der Erzählung aus. Nicht immer kann der Leser sofort zuordnen, wessen Geschichte er gerade liest, so fließend sind oft die Übergänge. Das wiederum wirft Fragen über die Geschichte selbst auf, die uns da gerade erzählt wird, in der auch die Übergänge zwischen Erinnerung und Gegenwart nicht immer klar zu erkennen sind. Aber so sind Menschen und ihre Geschichten.

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