The Libertines

Pete Doherty beim Lollapalooza - Solide und unspektakulär

The Libertines und ihr Frontmann schaffen es beim mainstreamlastigen Lollapalooza in Berlin nicht, die Alternative-Kultur zu behaupten.

Pete Doherty: Einigermaßen gesund und einigermaßen träge

Pete Doherty: Einigermaßen gesund und einigermaßen träge

Foto: Gregor Fischer / dpa

Kein Festival außer Woodstock stand so sehr für die Sehnsucht einer jungen Generation nach alternativer Musik und alternativen Lebensentwürfen wie das Lollapalooza. Perry Farrell, selbst Sänger der versponnenen Rock-Formation Jane’s Addiction, hatte den tourenden Musikzirkus 1991 ins Leben gerufen, damit die Gegenkultur sich und ihre Helden feiern konnte, sarkastische Indie-Slacker wie Pavement oder sendungsbewusste Revolutionäre wie Rage Against The Machine.

Farrell legte Wert auf Integrität. Als seine Mitorganisatoren 1996 Metallica ins Boot holen wollten, rebellierte er – zu berühmt und machohaft für den sensiblen Idealisten. Heute ist der Mainstream längst kein Feindbild mehr im Lollapalooza-Kosmos. In Berlin, wo das Event seine Europa-Premiere feiert, werden auf vier Bühnen so unterschiedliche Künstler wie Sam Smith, FFS, Muse oder Macklemore unter einen Hut gezwungen - was auch gut funktioniert, da alle großen Acts sowieso zur gleichen Zeit auftreten, das Booking ist eine einzige Überschneidung.

>> Konzerte, Schlangen und gute Stimmung beim Lollapalooza <<

Man muss sich früh entscheiden, bei wem man vor der Bühne feststecken will, wie man überhaupt über ein ausgezeichnetes Zeit-Managment verfügen muss, um den ersten Festival-Tag auf dem Tempelhofer Feld genießen zu können. Die Schlangen vor den Toiletten und Essensständen sind von morgens bis abends so lang, dass man unter 30 Minuten Wartezeit unmöglich weg kommt.

The Libertines nur 10 Minuten zu spät

Dass „Alternative“ heute nur eine von vielen Alternativen darstellt, zeigt sich am besten am Auftritt der Indie-Rock-Idole The Libertines, die zeitgleich mit den Chartstürmern Macklemore & Ryan Lewis und dem Big-Beat-Veteran Fat Boy Slim spielen. Viele Fans sind für den einzigen Deutschland-Auftritt von weit angereist, erst am Freitag hatten die vier Briten ihr unverhofftes Comeback „Anthems For Doomed Youth“ veröffentlicht, das erste Album in elf Jahren.

Wider Erwarten kommt die Band um den notorischen Querulanten Pete Doherty nur 10 Minuten zu spät (nach abgesagten Auftritten in Großbritannien glaubten viele bis zur letzten Minute, sie würden gar nicht erscheinen) und startet krachend mit dem Klassiker „Horrorshow“. Doherty und sein alter Sparringspartner Carl Barat verstehen sich blendend, was man daran sieht, dass sie sich erst das Mikrophon und dann sogar eine Zigarette teilen. Endlich zelebrieren sie wieder ihre legendäre Freundschaft, die durch Dohertys Drogeneskapaden so lange auf Eis lag. Dieser wirkt nach seinem letzten Entzug rundlich, einigermaßen gesund und einigermaßen träge.

Barat übernimmt die Rockstar-Posen, kreiselt auf einem Bein oder fährt sich beim singen sinnlich durchs Haar. In manchen Momenten wirkt Doherty daneben so unscheinbar wie der Bassist, von dem selbst die meisten Fans nicht mal den Namen kennen (er heißt John Hassall). Routiniert gespielte Hits wie „What Katie Did“ werden vom Publikum mit Chören gefeiert, die Band selbst taut vor allem bei neuen Songs wie „Gunga Din“ oder „Fame And Fortune“ auf. Nach nur einer Stunde ist Schluss, die verhaltenen Zugabe-Rufe gehen im Geboller von Macklemore unter, der sich offenbar gerade auf der Hauptbühne in sein Finale steigert.

Zugaben vor ausgedünnten Reihen

Der Großteil des Publikums hat sich entschieden, den Abend mit seinem Auftritt ausklingen zu lassen, die Reihen vor der kleinen Alternative Stage sind bereits ausgedünnt, als die Libertines noch für zwei energetische Zugaben, - das neue „Barbarians“ und den frühen Hit „Don’t Look Back Into The Sun“ - zurückkommen. Auch wenn sich die vier anschließend in Manschaftsfoto-Pose beklatschen lassen, als hätten sie gerade die größte Rockshow aller Zeiten abgeliefert - im Angesicht von Macklemore und Mainstream sind sie wohl doch nur eine Schrammel-Band mit drogensüchtigem Sänger.

Als das Licht angeht, fällt der Blick auf einen Slogan: Be different! Be alternative! prangt es in großen Lettern von der Bühnenmarkise. Vor 20 Jahren hätte man das keinem Lollapalooza-Besucher sagen müssen. Auch das Gerücht, dass sich Festival-Gründer Perry Farrell noch am Nachmittag in verspiegelter Limousine durch die Massen auf dem ausverkauften Gelände kutschieren ließ, hätten sie nicht geglaubt.