Festival in Berlin

Konzerte, Schlangen und gute Stimmung beim Lollapalooza

Premiere in Berlin: Erstmals kommt das Lollapalooza nach Europa - mit Konzerten auf vier Bühnen. Nur das Gratiszahlen klappt nicht.

Willlkommen im Luminarium: Beim „Lolla Fun Fair“ kann man farbenprächtige Erfahrungen machen

Willlkommen im Luminarium: Beim „Lolla Fun Fair“ kann man farbenprächtige Erfahrungen machen

Foto: Alexander Koerner / (Credit too long, see caption)

Lollapalooza war mal ein Versprechen. Als Perry Farrell das Festival Anfang der 90er-Jahre aus der Taufe hob, wollte er die Welt zum Besseren verändern. Eine Art Woodstock für eine neue, aufgeklärte Generation schwebte ihm vor, Informationsstände zur politischen Bildung gehörten zwischen Tätowier,- Piercing- und Imbissbuden zur Grundausstattung.

Statt wie in den 60ern naiv Parolen nachzuplappern, konnte man hier gleich vor Ort seine Unterschrift unter Tierschutz und Free-Tibet-Petitionen setzen und danach bei Bands wie den Smashing Pumpkins komplexere Sehnsüchte verhandeln als „Love, Peace & Understanding“.

Dass der Wille zur Weltverbesserung längst kein Privileg der „alternativen“ Jugend mehr ist, weiß auch Gründer Farrell. Heute möchte er neben urbanen Hipstern vor allem die gebildete Mittelschicht über 30 ansprechen. In Berlin kennt man diese Zielgruppe als Stereotyp vom Prenzlauer Berg. Vielleicht hat Farrell von ihnen gehört, als er für die Europapremiere seines Events Berlin auswählte.

Sobald man aus der Flughafenhalle tritt, erblickt man schon von Weitem das Zirkuszelt der Kidszapalooza-Area, wo man nur reinkommt, wenn man wirklich Nachwuchs dabei hat. Im umzäunten Areal gibt es Schminkstuben, Kinderkino und eine kleine Halfpipe für die etwas Älteren.

Das Zelt selbst ist mit unheimlichem Plunder dekoriert, das Licht gedimmt, nicht optimal für den Überblick auf die duplo-Spielwiese. Dafür gibt es gratis Windeln und Feuchttücher, „eine positive Überraschung“, wie ein Elternteil versichert.

Außerhalb davon wird es dagegen schwierig, sich mit Kinderwagen fortzubewegen. Kabel, Sonnenanbeter und unzählige Schlangen machen die langen Wege zwischen den Bühnen nicht gerade familienfreundlich. Erkenntnis: Das bargeldlose Bezahlsystem mit aufladbarem Chip am Handgelenk führt nicht zu kürzeren Wartezeiten.

Dafür hat man einige Schlangen hinzugewonnen, nämlich jene vor den Containern, wo man anstehen muss, um sich das Bezahlband wieder aufzuladen. Die längsten Schlangen befinden sich indes vor den Toiletten, endlose Reihen.

Insgesamt wirft das Flughafengebäude den Schall von vier Bühnen auf das Gelände zurück, eine bisweilen verwirrende Kakophonie. Im Publikum hört man viel Spanisch und Englisch, trotz des Credos, einen „generationenübergreifenden Erfahrungsort“ schaffen zu wollen, sieht man viele blutjunge Coachella-Fashionistas mit Blumen im Haar und Glitzer auf den Wangen, ebenso die üblichen feuchtfröhlichen Junggesellen in Tier-oder Bananenkostümen.

Zwischen den Reihen schlängeln sich Steampunks auf selbstgelöteten Gefährten. Und der utopische Grundgedanke? Der findet nur im sogenannten „grünen Kiez“ statt, einem aus Paletten gezimmerten Dörfchen in der Mitte des Geländes, wo der Berliner Tierschutzverein neben Peta Broschüren verteilt. „Perry ist ein Berliner“ steht auf den Banderolen der Außenzäune. Es könnte stimmen.