Theater

"Amadeus" - ein Bühnenreißer ohne Schärfe

Shaffers „Amadeus“ ist ein Bühnenreißer. Im Schlosspark Theater allerdings fehlt den Figuren die Schärfe, die den Konflikt ausmachen.

Mozart (Johann Fohl, ganz links) und Salieri, sein Gegenspieler (Marko Pustišek, 3. v.r.), lauschen der Musik

Mozart (Johann Fohl, ganz links) und Salieri, sein Gegenspieler (Marko Pustišek, 3. v.r.), lauschen der Musik

Foto: Schlossparktheater / Urbschat / Der Dehmel / BM

Der Mann war ein Genie. Eins, das geräuschvoll Furze imitieren konnte, und eins, das sich im Schlosspark Theater miauend und auf allen Vieren einer Frau hinterherjagend den Weg auf die Bühne bahnt, ein Kindskopf. Aber ein Genie. Bloß, dass das zu Lebzeiten keiner kapierte. Bis auf einen. Der aber wusste zu verhindern, dass sonst noch jemand Wind davon bekam. Das ganze Ausmaß der Künstlerfehde zwischen dem Hofkapellmeister Antonio Salieri, dem musikalisch nur mittelmäßig Begabten, aber politisch Einflussreichen, und Wolfgang Amadeus Mozart, dem respektlosen Wunderknaben, hat Peter Shaffer in seinem Erfolgsstück „Amadeus“ niedergeschrieben. Miloš Forman verfilmte das Spektakel 1983, wurde dafür mit Oscars und Golden Globe Awards überhäuft und machte Mozart endgültig zum Popstar.

Antonio Salieri ist die Hauptfigur des Abends

Mehr als 35 Jahre nach der Uraufführung in London eröffnete Dieter Hallervorden mit dem Stück am Sonnabend seine siebte Spielzeit an seinem Schlosspark Theater. Mit rotem Teppich vor dem Haus. Den gab es hier zuletzt vor fünf Jahren, zur Uraufführung von „Alexandra“, aber einer wie Mozart hat ihn natürlich verdient und einer wie Hallervorden erst recht.

Der feierte zeitgleich seinen 80. Geburtstag und begrüßte die Besucher am Eingang höchstpersönlich, nahm Glückwünsche von Weggefährten wie Katrin Sass, Oliver Mommsen, Brigitte Grothum, Daniela Ziegler oder Michaela May entgegen, wurde geherzt und gedrückt verbunden mit dem Wunsch, er möge uns noch lange so heiter erhalten bleiben. Genau dies, so hörte man ihn antworten, habe er vor.

Ganz im Gegensatz zu dem gebrochenen Mann, der kurz darauf drinnen in einem historischen Korbrollstuhl auf die Bühne rollt. Der wäre lieber früher als später tot. Der will nicht länger seine eigene musikalische Bedeutungslosigkeit miterleben, während die Werke des verstorbenen Mozarts überall bejubelt werden. Dabei dachte Salieri, dass er selbst es wäre, der einen Deal mit Gott habe, auf dass dieser sein Talent unterstütze und er zum Dank ihn in seinen Werken lobpreise. Es scheint, als habe Gott sich die Sache anders überlegt, doch der schweigt, ist nur als schlichtes kleines Holzkreuz auf kahler weißer Wand zugegen, dem Salieri seine Enttäuschung entgegenschleudert.

Nicht Mozart, sondern Antonio Salieri ist die Hauptfigur des Abends, in Rückblenden erzählt er dem Publikum, wie sich das damals zutrug, vertraut uns an, wie Mozarts Harmonien sich ihm wie Netze aus Klängen überwarfen, wie die makellose musikalische Schönheit ihn zu Tränen rührte. Und wie er beschloss, sich das nicht bieten zu lassen. Nicht von Mozart. Vor allem aber nicht von Gott: „Wozu sonst sollte der Mensch taugen, wenn nicht dazu, Gott eine Lektion zu erteilen?“ Hat, wie wir wissen, nicht geklappt. Salieris Name fällt höchstens im Zusammenhang mit der Vermutung, er selbst habe den Widersacher umgebracht.

Mozart, der melancholische Grübler

Sei es drum, um die historischen Fakten soll es in diesem Spektakel ja gar nicht gehen, obwohl sie, auch jenseits der gepuderten Perücken und samtenen Gehröcke, versprengte Auftritte haben. Das hat Regisseur Thomas Schendel geschickt eingearbeitet.

Die drehbaren Wandelemente von Daria Kornysheva geben größtmögliche Freiheit fürs jeweilige Setting und nach hinten den Blick frei auf Projektionen historischer Fotos, zum Beispiel aufs kaiserliche Schloss oder glanzvolle Innenansichten großer Opernhäuser. Natürlich gibt’s auch reichlich Mozart-Musik, die hier kommentierend zur Handlung eingesetzt wird. Das schaut man sich vergnügt an, der ganz große Wurf ist Regisseur Schendel trotz des überzeugenden Bühnenaufbaus dennoch nicht gelungen. Zu deutlich erspürt man vor allem am Anfang die Unentschiedenheit zwischen Drama und Komödie, das Bemühen, alle Figuren übergenau auszutarieren. Doch dadurch verlieren die Figuren an eben jener Schärfe, die den Konflikt ausmachen.

Erst gegen Ende wird das schlüssig, als das Ganze zur handfesten Tragödie wird, als der erst 35-jährige Amadeus verarmt und einsam dann tatsächlich zu jenem melancholischen Grübler geworden ist, als den Johann Fohl ihn etwas zu früh einführt. Überzeugend an seiner Seite: Katharina Schlothauer als Mozarts Gattin Constanze Weber, die sich vom vergnügten Mädchen zur verhärmten Frau wandelt. Das Leben zur Hölle macht ihnen beiden ein Salieri, der bei Marko Pustišek ein souveräner Strippenzieher ist, mit allen politischen Tricks vertraut. Als Sieger geht er am Ende trotzdem nicht vom Platz, so will es die göttliche Gerechtigkeit.

Schlosspark Theater, Schloßstr. 48. Noch bis Mittwoch und wieder vom 4. bis 10. November, 20 Uhr.

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