Schlager

22.000 Menschen träumen mit Andrea Berg in der Waldbühne

Schlagerstar Andrea Berg inszeniert in der ausverkauften Berliner Waldbühne die perfekte Show. Nur richtig heiß ist es nicht.

Eher angenehm luftig: Andrea Berg in der Waldbühne

Eher angenehm luftig: Andrea Berg in der Waldbühne

Foto: Paul Zinken / dpa

„Es ist eine heiß in Berlin, habt ihr Bock auf eine riesige Sommerparty?“ fragt Andrea Berg, die – in Zahlen – erfolgreichste Musikerin des Landes, in die ausverkaufte Waldbühne. Das mit der Hitze muss an den Feuerkanonen liegen, an denen vorbei sie auf einer fetten Harley Davidson auf die Bühne gefahren kommt. Die Erotikfantasie eines jeden angegrauten Automechanikers – oder Staatsministers, wer weiß.

Sie wiegt sich wie ein Cowgirl in den Knien, eine Coolnesschnute, streckt die Hand zum Victory-Zeichen aus. Ihre Beine, die sie gern zeigt, können sich mit Ende 40 gut sehen lassen. „Ihr dürft Euch heute alles erlauben! Es ist die geilste Nacht des Jahres und ihr seid da“, ruft sie den Leuten zu. Was stellt sie dar, wenn sie vor 22.000 Menschen im Scheinwerferlicht steht: freiheitsliebende Rockerin, Pin-up-Girl, gestrenge Chefin? Vermutlich alles zusammen.

Richtig heiß jedenfalls ist es eigentlich nicht. Eher angenehm luftig. Berg aber rackert ganz schön auf der Bühne. Sie rennt von einem Ende zum andern, den Laufsteg vor und zurück. Mick Jagger: nichts dagegen. Alle paar Songs wird das Kostüm gewechselt, vom Tarzan-meets-Jane-Style übers blaue Minikleid zum wallenden Nixendress. Am allerwahrscheinlichsten liegt es jedoch an der schlüpfrigen Pointe (heiß – heiß), dass Andrea Berg so was sagt. Eine Form von direkter, irgendwie kumpelhafter Erotik liegt über allem, was Berg tut. Auch über ihren eher schlampigen Tänzerinnen und Tänzern, die sich spärlich bekleidet Wasser auf Waschbrettbäuche und Bikinis spritzen.

„Kult Open Air“ steht auf den Tour-Plakaten. Da sieht Berg aus wie ein Bond Girl in engem schwarzen Leder, tiefes Dekoltée inklusive. Ein Wesen aus einer anderen, fast perfekten Welt. So ein Versprechen auf Sexyness jenseits der 45 muss man live erstmal einlösen. Das ist Arbeit, da darf Frau Berg durchaus in Schwitzen geraten. Da verschmiert auch mal der Eyeliner. Das ist nach dem nächsten Umkleiden natürlich wieder behoben. Denn wenn Andrea Berg irgendwas ist, dann Vollprofi: Videoprojektionen, Lichteffekte, Leinwände galore. Alles durchgeplant. Die Band spielt fehlerlos. Andrea Berg, wie man einem Publikum liefert, was es erwartet.

Zwischen 17 und 70

Und das ist – im Alter zwischen 17 und 70 – feierfreudig erschienen. Viel Berlinern hört man. Viele Bockwürste sieht man, viel Bier. Sich abenteuerlich fühlende Damen tragen Neonklamotten zum grell gefärbten Haar. Biker mit verblassten Tattoos lehnen an dünnen Mädels. Daneben haben Herren Mitte 60 eine Kollektion Kurzer zwischen sich aufgereiht. Kerle mit untergegangen geglaubten Backenbart-Formen machen Fotos von einander. Später liegen sie sich in den Armen, springen immer wieder auf, um lautstark mitzusingen. Vom Nachbarn bekommt der Rezensent einen Schluck Selbstgebrannten aus der Seltersflasche gereicht – „da schreibt sich’s nachher besser“. Und, verdammt noch mal: der ist stark, und das Ganze wirklich rührend.

Gesungen und geklatscht wird viel an diesem Abend. Schon bevor Frau Berg auf die Bühne kam wurde von einem versteckten Conférencier die Applausfähigkeit des Publikums gecheckt. Drei Lautstärkestufen, bitte. Dann zählt auf den Videoleinwänden einen Countdown runter. Man sieht Berg sich zum Auftritt bewegen, in Zeitlupe, als ginge sie durch einen Western zum Showdown. Und auf die Sekunde genau beginnt die Show. Man kann einen Höhepunkt kaum besser inszenieren. Wie im Fernsehen, nur halt in echt. Alle Gefühle von der ersten Minute auf 180.

Traum, Ewigkeit, Wunder, Paradies

Und wenn man sich fragt: wie kann eine manchmal doch ein wenig verbraucht wirkende Frau mit einer eher dünnen Stimme eigentlich so viele Platten verkaufen (allein ihr „Best of“-Album von 2010 war das erfolgreichstes deutsche Album des Jahrzehnts), ist man mit dem Stichwort „Gefühl“ gut bedient. Denn darum – und nur darum – geht es in den Songs von Andrea Berg. Kein einziges Lied, das von etwas anderem handelte als einer klassischen Liebesbeziehung. Mal frecher als Affären-Angebot („Wenn du mich willst, dann küss mich doch“), mal als Abschiedsschmerz mit Wut („Ich schieß dich auf den Mond“), in den allermeisten Fällen jedoch in der großen Pathos-Ausgabe: „Wir beide, schwerelos, auf der Reise zur Unendlichkeit“. Wow.

Das scheint in einer Zeit sich vervielfachender Werte und Normen – nicht zuletzt in der Liebe – ein sehr attraktives Ideal zu sein. Ein „Traum“, wie Andrea Berg sagen würde. Ihr Lieblingswort, die Songtexte wimmeln davon. Dicht gefolgt von: Ewigkeit, Wunder, Himmel, Paradies. Neben dem Hang zum Überlebensgroßen und – schau an – verdeckt Christlichen mag das daran liegen, dass Andrea Berg genau weiß, was sie da tut. In einem Interview sagt sie: „Wir machen Unterhaltungsmusik, ganz banal, da sollte sich niemand was drauf einbilden.“ Vielleicht ist „Traum“ nicht zuletzt ein Bild für ihre eigene Arbeit: Schlager als Illusionsfabrik, die „große Liebe“ als Quasi-Religion hochhält gegen den vermaledeiten Alltag mit seinen Ängsten, Routinen und Pannen.

Inszenierung eines Ausnahme-Abends als Service am Kunden

Aber, hey – wollte das Kunst, zumal Musik, nicht immer schon: die Sehnsucht nach dem Unbedingtheit stillen, nach Tiefe und Bedeutung? Ist Andrea Berg vielleicht so was wie die Richard Wagner von heute? Naja – ihre Songs ähneln sich auch musikalisch derart, dass man, zusammen mit der Bühnenshow, mit etwas Wohlwollen von Gesamtkunstwerk reden könnte. Ein redundanter, doch stimmiger Kosmos, in dem Gefühle Urgewalten sind und jedes Lied so gebaut ist, dass es prima mitgesungen werden kann. Leider fehlt dem Ganzen jede Form von Herausforderung, von Vielschichtigkeit.

Also doch nicht Wagner? Warum auch. Freundliche Konsensatmosphäre allein zu schaffen ist gar nicht so einfach. Und vermutlich ist das die eigentlich Kunst der Andrea Berg: die Inszenierung eines Ausnahme-Abends als Service am Kunden. Alles sei „unbeschreiblich schön“, sagt sie zwischen zwei Liedern – „genau für diese Momente lebe ich“. Über einen Mangel an Arbeitsmoral kann man sich da nicht beschweren. Berg spielt „Auf zu neuen Abenteuern“. Ganz oben vorm Brezelstand, außer Sichtweite der Bühne, tanzt ein älteres Paar für sich allein unterm Flutlicht. „Das Gefühl hätt ich auch gern“, sagt sie zu ihm. Und auch das ist wirklich rührend.

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