Berlin-Konzert

Helene Fischers großer Auftritt im Olympiastadion

Helene Fischer ist in ihrer Show im Olympiastadion vor allem wieder eines: perfekt. Und kanariengelb. So lief das Konzert am Sonnabend.

Es gibt einen Knall, Helene Fischer wird von unten auf die Bühne geschossen. Dann steht sie da. Im kanariengelben Gladiatorinnen-Kostüm mit kanariengelbem Umhang, der gleich im Wind flattern wird. Goldene Hotpants blitzen unter dem knappen Röckchen hervor. Die ebenfalls goldenen Schnürsandalen reichen bis knapp unters Knie. High Heels? Bei der Hitze die Hölle. Aber sie trägt sie tapfer. Eine Kämpferin in der Arena der guten Laune. „Hallo Berlin“, ruft sie. „Das ist nur unser Tag. Ich freu mich auf Euch!“

Das muss der Moment sein, in dem die ersten ohnmächtig werden. Heiß genug ist es auf jeden Fall dafür, in dem mit 60.000 Plätzen ausverkauften Olympiastadion. Ein nicht zu verachtender Anteil an Frauen trägt trotzdem wacker „Helene-Ultra“-T-Shirts in allen Neon-Farben, die die Industrie hergibt. Ein paar Männer haben sich Handtücher auf den Kopf gelegt. Die Ränge schwitzen um die Wette. Schon die Fahrt in der S-Bahn hierhin war ein einziges Gedränge. Aber jetzt sind wir da und Helene auch, alles wird gut.

Der Mythos der Mutter

18 Monate Vorbereitung hat die Tournee gefordert, bevor sie überhaupt losging. 18 Monate, fragt man sich, und es fiel ihr kein besserer Text ein als „Hallo Berlin! Das ist nur unser Tag!“? Aber um Text geht es bei Helene Fischer nicht, es geht um Show. Und die ist gigantisch. Helene Fischer turnt über die Bühne wie im High-School-Musical. Sechs Mal wird sie die Kostüme wechseln. Sie wird im Glitzerkleid und mit bodenlanger Schleppe durch den Gala-Teil der Show führen. Sie wird im Jeans-Overall rocken. Sie wird eine fahrbare Showtreppe rauf und runter schreiten und von Tänzern auf Händen über die Bühne getragen werden. Sie wird aus einer sich öffnenden rosa Blüte geboren. Wie Venus und Tinkerbell in einer Person. Ungefähr so muss der Traum einer Vierjährigen von ihrem Kindergeburtstag sein.

Am Anfang ist es so heiß, dass Helene Fischer trotz Windmaschine heftig schwitzt. Man ist fast überrascht. Sie ist doch sonst immer so perfekt. Aber es ist gut. Das Schwitzen steht ihr. „Wenn sich 60.000 Menschen bei 38 Grad versammeln, um das Leben zu feiern, dann muss das Liebe sein“, ruft sie in die Menge. Überhaupt ist viel Platz auf der 52 Meter breiten Bühne für die ganz großen Gefühle. Fischer redet gern mit ihrem Publikum. „Lasst Eure Sorgen zu Hause“, sagt sie. „Wenn es uns heute gelingt, nicht nur Eure Augen, sondern auch Eure Herzen zu öffnen, was will man mehr.“

Helene Fischer ist omnipräsent auf den Show-Bühnen dieser Republik, das Internet quillt über mit Clips, Videos, Selfie-Filmchen auf ihren Konzerten. Und Helene Fischer ist immer gleich. Blond, braungebrannt und fröhlich. Wie gut, dass die Hitze sie heute mal etwas anders aussehen lässt.

Ein bisschen Geschmuse ist dabei

Diesen Abend im Olympiastadion hat sie für die Aufzeichnung ihrer neuen DVD gewählt, und sie hätte nicht besser entscheiden können. Das Lichtspiel der Scheinwerfer wirkt wie ein Symbol für den Namen ihrer Tournee; „Farbenspiel“. Zweieinhalb Stunden dauert das Konzert. Sie covert Bette Middler und Peter Maffay, Tina Turner und Herbert Grönemeyer. Im engen Overall bringt sie die unsexieste Version von Marius Müller Westernhagens „Sexy“. Als sie sich sogar an den White Stripes vergreift, da wünscht man sich, dass von der ganzen Perfektion, die sie für ihren Auftritt verwendet, nur einmal ein kleines bisschen für ihre Musik abfallen würde. Stattdessen gibt es viel Schlager, auf fast alles kann man mitstampfen oder Discofox tanzen. Ein bisschen Geschmuse ist auch dabei.

Der Name kam übrigens erst später dazu. Eigentlich haben Peter und Maria Fischer ihre Tochter Jelena Petrovna Fischer genannt, als diese 1984 in Sibirien zur Welt kam. Die Familie ist wolgadeutsch. Dann wurde sie zu Helene Fischer. Die bekannteste Frau der Republik. Neben Angela Merkel vielleicht. Eine Aufsteigerbiografie, ein Migrationstraum. Dabei sagt sie von sich, sie sei sehr geerdet. Ob sie auch mal ungeschminkt einkaufen gehe, hat man sie einmal gefragt. Da muss sie lachen. Nein, also Wimperntusche habe sie schon immer drauf.

Wie ein Double ihrer selbst

Im Olympiastadion ist inzwischen etwas Wind angekommen. Helene Fischer ist so überzeugend Helene Fischer, dass man manchmal nicht sicher ist, ob sie sie sich nicht gerade selber doubelt. Ob sie sich zu Hause Aufnahmen ihrer Auftritte anschaut, ihre eigenen Gesten nachspielt, um noch perfekter sie selbst zu werden? Die größte Sensation bei Helene Fischer ist nicht irgendeiner ihrer Schlager, es ist auch nicht ihre Stimme, ihr Tanzstil, ihre Kostüme. Conchita Wurst läuft für Jean Paul Gaultier. Helene Fischer ist Werbebotschafterin für Tchibo.

Um die Faszination Helene Fischer zu verstehen, muss man aber in eines ihrer zahlreichen Konzerte gehen, so wie das im Olympiastadion. Sie setzt immer noch einen drauf. Noch mehr Glitzer, nInoch mehr Akrobatik, noch mehr rosa. Irgendwann fliegt sie über ihr Publikum zu einer zweiten Bühne. „Von hier bis unendlich“ singt sie dabei. Letztendlich ist sie auch ein bisschen irre. Irgendwie sympathisch.

Das wird nur unser Abend, hat Helene Fischer am Anfang versprochen. Sie hat Wort gehalten. Zum Schluss singt sie „Atemlos“ als Instrumentalversion. Berlin singt erst zart mit. Und dann flippt sie nochmal so richtig aus