Konzert in Berlin

Al Bano und Romina Power schmachten im Rampenlicht

Al Bano und Romina Power feiern ihr Comeback in Berlin. Zwei Reporter-Generationen besuchen das Konzert.

Verblasste Erinnerungen

Von Peter E. Müller

Die Neugier ist groß, auch wenn es nicht für eine ausverkaufte Waldbühne gereicht hat. Was erwartet mich hier, außer diesem einen großen Hit? Nach mehr als 20 Jahren stehen Al Bano und Romina Power, das italienische Schlager-Traumpaar der 80er-Jahre, wieder gemeinsam auf einer deutschen Bühne. Und rund 8000 Fans von einst feiern das große Open-Air-Wiedersehen. Amore und Dolcefarniente schweben durch das Amphitheater.

Es war ja vor allem ein Lied, an dem man einfach nicht vorbeikam in den Achtzigern. Auch nicht im eingemauerten West-Berlin. Das damals freilich ganz anders klang. Hier machten Spliff und Interzone, PVC und Die Ärzte die Musik. Hier tobten sich die Genialen Dilettanten aus. Hier schabten die Neubauten. Hier wurde zwischen SO36 und Dschungel die Nacht zum Tag.

Und dennoch schlich sich diese musikalische Liebelei ein in jede Radio-Playlist. In jede Fernsehshow. Sie drängte sich mitten in das Party-Tape. Und erwischte mich eiskalt beim Lieblingsitaliener. „Felicità“ war damals einfach da. Dieses leichte Stück vom Glück der Zweisamkeit. Der Soundtrack zum Rotweintrinken und Händchen halten. Widerstand zwecklos.

Sie werden es in der Waldbühne auch gleich für uns singen. Aber zunächst erscheint Al Bano allein auf der spartanisch bestückten Bühne, eine Rockband samt Streichergruppe und vier Chorsängerinnen im Rücken. „Il mio concerto“ singt er zu Tschaikowsky-Klängen in diesem sirenenhaften Pizzabäckertenor, kraftvoll und emphatisch. Gefolgt von „Nel Sole“, seinem ersten Hit von 1967. „Nel Sole“ hieß auch ein kleiner Film, in dem er sang und bei dem er eine junge Kollegin kennen und lieben lernte: Romina Power, die Tochter des Hollywood-Haudegens Tyrone Power. Drei Jahre später waren sie verheiratet.

Weil Adriano Celentano sein großes Vorbild war, wie er bekennt, setzt er noch dessen „Azzurro“ hinterher. Die Waldbühne klatscht und tanzt, bevor Al Bano nach dem neapolitanischen Evergreen „Funiculi, Funicula“ seine erblondete Ex-Ehefrau ankündigt. Romina Power, im weißen Wallegewand, singt „I’m On My Way“, während auf den Leinwänden auf der Bühne Bilder von amerikanischen Highways das leichtgängige Lied illustrieren.

Ein neues Stück hat sie auch mitgebracht, „A Message“ von ihrer aktuellen Soloplatte. Und sie rezitiert ein Gedicht, das sie geschrieben hat. „Eine Mutter, ein Kind, die Zeit und ich“ heißt es. Sie liest es auf Deutsch vor, bevor Al Bano und Romina Power bei „Libertà“ endlich aufeinander treffen. Darauf haben wir gewartet. Über die Leinwand ziehen Bilder von Gandhi und Mutter Teresa, von Krieg und Zerstörung, und von den Menschen, die auf der Berliner Mauer tanzen. Der Jubel um mich herum ist euphorisch.

„Felicità“ wurde zu ihrem Markenzeichen. Es verkaufte sich fast zehn Millionen Mal. Nun schmachten sie sich im Rampenlicht an fast wie früher, wenn auch merklich auf professioneller Distanz. Noch einmal singen sie „Felicità“ als Zugabe, polieren verblasste Erinnerungen auf. Die meisten Fans gehen glücklich nach Hause. Ob dieses Comeback eine Zukunft haben wird, steht in der Sternen, die über der Waldbühne leuchten.

Peter E. Müller (61) ist langjähriger Musikkritiker der Berliner Morgenpost

Eine Zeitreise zum Genießen

Von Johanna Ewald

Das Publikum ist größtenteils doch deutlich älter als ich – kurze Lederröcke und knappe Hotpants sucht man hier vergeblich. Meine Anwesenheit senkt den Altersdurchschnitt hier erheblich. Möge ein Abend mit reichlich Kitsch und Retro-Charme beginnen!

Die Musiker kommen auf die Bühne. Romina Power strahlt in ihrem weißen wehenden Kostüm, was nicht mehr ganz zeitgemäß erscheint, während die vier Backgroundsängerinnen floral gemusterte, lange Kleider tragen. Damit beginnt für mich eine kleine Zeitreise, zurück in die 80er-Jahre. Eine Zeit, zu der ich nicht mal das Licht der Welt erblickt hatte. Nachdem ich mir auf Youtube ein paar Videos angeschaut habe, erwarte ich Luftballons in Grün, Weiß und Rot – die Farben der italienischen „Trikolore“ – Glitzer und jede Menge Romantik. Und tatsächlich, besagter Glitzer und Romantik fehlen an diesem Abend nicht. Während Al Bano und Romina einen ihrer Hits, „Sharazan“, singen, beginnen Mann und Frau paarweise zu tanzen. Ein Phänomen, welches mir in der modernen Konzertkultur eher selten begegnet. Das Miteinander erscheint respektvoller.

Ich fange an, die Zeitreise ein bisschen zu genießen. Anstatt fliegender Teddybären, Unterwäsche und Liebesbriefchen regnet es für Romina rote Rosen. Nebenbei werden alte Fotos des geschiedenen Ehepaares eingeblendet. Die 80er-Jahre-Atmosphäre wird nur ein bisschen getrübt durch die vom Publikum gezückten Smartphones. Als Al Bano ankündigt, eine Arie von Giuseppe Verdi anzustimmen, kommt ein Chor auf die Bühne und begleitet den 72-Jährigen in den folgenden Stücken. Dabei dürfen natürlich auch Puccinis „Nessun Dorma“ und Schuberts „Ave Maria“ nicht fehlen. Jetzt greift er ganz tief in die Kiste der Klassiker.

Die kurze Pause genutzt, kommt Power in einem neuen Kostüm auf die Bühne. Wieder ein flatterndes Gewand, nur diesmal sind scheinbar die Blümchen der Backgroundsängerinnen auch bei ihr angekommen. Nachdem die beiden – ganz wie ein altes Ehepaar – sich gegenseitig ein bisschen auf Italienisch necken, folgt ein Song der sogar mir schon unzählige Ohrwürmer beschert hat. „Something Stupid“ von Frank Sinatra. Mir viel mehr bekannt aus dem gängigen Remake von Robbie Williams und Nicole Kidman. Als die beiden dann „We’ll Live It All Again“ anstimmen, das Lied, das sie einst beim Eurovision Songcontest 1976 gemeinsam sangen, können sie scheinbar nicht anders, als sich in den Armen zu liegen und tief in die Augen zu schauen. So langsam werde ich der Romantik ein wenig überdrüssig.

Das Comeback des einstigen Italo-Vorzeigepaares bedeutet für mich ein Debüt. Das Publikum hat diese nostalgisch angereicherten Momente genossen, das alte Italien-Gefühl, die damit verbundene Sehnsucht, die besondere Geschichte dieses Paares. Am Ende darf „Felicità“ nicht fehlen. Für mich heißt es nun, zurück in das Jahr 2015. Während treue Fans noch Tonträger erstehen, höre ich sanfte Gitarrenklänge und die Stimme von Ben Howard aus meiner digitalen Playlist.

Johanna Ewald (20) ist Volontärin bei der Berliner Morgenpost