Kultur

Schlager, Schlaghosen und Sonnenblumen

Dieter Thomas Kuhn und Band spielen ihr erstes Tourkonzert auf der Waldbühne

22.000 Menschen in 70er-Jahre-Kostümen. Das ist beeindruckend. Kaum zu glauben, dass ein Musiker, der deutsche Schlagerlieder anderer Künstler singt, eine solche Menschenmasse anzieht.

Die Waldbühne ist fast ausverkauft. Ich bin umringt von Männern mit glitzernden Plateauschuhen, Schlaghosen und Langhaarperücken. Neben ihnen sitzen Frauen in kurzen Blümchenkleidern und mit bunten Bobfrisuren. Jeder hat irgendwo eine Sonnenblume oder ein Peace-Zeichen versteckt. Mit dem, was ich in der Kleiderkiste meiner Eltern aus den 70er-Jahren gefunden habe, hat das Ganze wenig zu tun.

Aber schließlich bin ich auch nicht zurück in den 70er-Jahren, sondern auf dem ersten Konzert von Dieter Thomas Kuhns „Sommernachtstour“ in der Waldbühne. Und da heißt es: Je schriller, desto besser.

In 30 Minuten beginnt das Konzert. Hinter mir vertilgen einige Frauen um die 50 die mitgebrachten Würstchen. Eltern spielen mit ihrem zehnjährigen Sohn noch eine Runde Karten. Links sitzt ein Mann im Anzug mit feinen Lederschuhen etwas steif auf seinem Platz. Er hat wohl den Anhang mit der Kleiderordnung nicht zugeschickt bekommen.

Um Punkt 20.15 Uhr rennen die Musiker in glitzernden Kostümen auf die Bühne. Nicht nur die angeheiterten Frauen um die 50 jubeln, sondern auch von Kopf bis Fuß verkleidete junge Männer. Das erste Lied kenne ich nicht. Damit bin ich nicht alleine, und so bleibt das begeisterte Mitsingen zunächst aus. Als Zweites folgt „Griechischer Wein“ von Udo Jürgens. Da kann ich zum Glück mitschunkeln, und schon habe ich Kuhn den ersten Patzer vergeben. Der Schunkelpartner rechts kennt alle Lieder samt Titel auswendig und singt bei „Eine neue Liebe ist wie ein neues Leben“ besonders kräftig mit.

Ein Gefühl wie bei einem Karnevalsumzug, nur ohne Wagen und mit weniger Alkohol. Als Kuhn „Ich war noch niemals in New York“ dem verstorbenen Udo Jürgens widmet, geht ein Seufzer durch die Zuschauerränge.

Der Schlagerstar singt mit kräftiger, tiefer und angenehmer Stimme. Seine klare Betonung verleiht den Texten einen gut verständlichen Sinn. Er spielt die Schlager nahe an der Originalversion. Nur das Tempo ist oft etwas schneller, die Lieder werden tanzbarer, und das Publikum schunkelt dankbar mit. Zwischen den Stücken erzählt Kuhn von den vielen kleinen Abenteuern, die er mit seiner Band, der „Kapelle“, erlebt hat, und gesteht, dass er von seinem 50. Geburtstag in diesem Jahr ernsthaft geschockt war. Durch die lustigen Einlagen kommt mir der Mensch unter der Föhnwelle und dem Glitzerkostüm gleich etwas näher. Er ist wirklich lustig, dieser Kuhn.

Nur die sich ständig wiederholenden Andeutungen über seine erotischen Träume sind es irgendwann nicht mehr. Das findet die Familie vor mir auch, die das Konzert nach der Einleitung zu „Es war Sommer“ verlässt.

Nach über zwei Stunden, vier Zugaben und einem kleinen Feuerwerk ist das Spektakel vorbei. Dass deutsche Schlager so viel Spaß machen können, wer hätte das gedacht? Friedliches Geschunkel in grellen 70er-Jahre-Kostümen. Gar nicht so schlecht. Mit „Über den Wolken“ in den Ohren und einer Sonnenblume in der Hand gehe ich fröhlich nach Hause.