Als Constanza Macras ihren jüngsten Geburtstag in China verbrachte, überreichten ihr die chinesischen Tänzerinnen stolz einen selbst gebackenen Kuchen. Das erste Stück führte sie gerade zum Mund, da schmierten sie es ihr ins Gesicht. Ein Schock – der sich in einen Mordsspaß verwandelte, als sie selbst bei der Tortenschlacht mitmischte.
Eine Szene, wie sie aus einem von Macras’ Tanztheaterabenden stammen könnte. Unter den drei großen Choreografinnen, die Berlin international zur Tanzmarke gemacht haben – Sasha Waltz, Meg Stuart, Constanza Macras –, gilt sie als die Soziologin. In ihrer Metropolen-Trilogie („Brickland“, „Megalopolis“, „Berlin Elsewhere“), die an der Schaubühne herauskam, ließ sie lauter Großstadtneurotiker aufeinander los. Sie bespielte ungewöhnliche Orte: das Kaufhaus Jandorf in Berlin, eine Herrentoilette, den Müggelwald.
Macras integriert in ihre Arbeiten Dialoge, Livemusik, Installationen und hat Herbert Grönemeyer in seinem Video zu „Fang mich“ choreografiert. Immer wieder holt sie Menschen auf die Bühne, die mit zeitgenössischem Tanz nur bedingt etwas am Hut haben: Roma, Hamburger Hip-Hopper und Neuköllner Schüler zum Beispiel.
Körperliche Höchstleistungen
In ihrer neuen Arbeit ist das ähnlich. Zum Abschluss des Festivals „Tanz im August“, das am heutigen Donnerstag beginnt und bis zum 4. September Choreografien und Experimente nach Berlin holt, erzählt sie von chinesischen Zirkusartisten. Die sind einerseits körperliche Höchstleistungen gewohnt, andererseits mit europäischer Theaterarbeit nicht vertraut, etwa mit Improvisationen. „Sie machten drei Bewegungen, dann blickten sie mich fragend an“, sagt Macras über den Beginn ihrer Zusammenarbeit. „Ihr ganzes Leben wurden sie auf Kontrolle getrimmt, und nun sollten sie plötzlich entspannen. Sie wussten gar nicht, wie das geht.“
„The Ghosts“ heißt der Abend, der am 3. September an der Schaubühne Premiere feiert. Geister sind in China immer noch ein wichtiger Bestandteil der Kultur. Zum einen erzählt Macras von jenen Artisten, die nicht mehr arbeiten können – und so oft zu den (guten) Geistern einer Truppe werden, die hinter den Kulissen für reibungslose Abläufe sorgen. Zum anderen von jenen Mädchen, die im Kindesalter von ihren Eltern an die Zirkusausbilder weggegeben werden, weil sie ihre Energie lieber in den Sohn stecken wollen: „Diese Frauen sind die Geistergestalten der Gesellschaft.“
Soziale Probleme seien ein großes Thema in China, erzählt Macras, die auf Einladung des Goethe-Instituts in Peking recherchierte und castete. „Aber niemand will öffentlich darüber reden, vor allem nicht auf der Bühne.“ Zirkusartisten haben sie schon immer fasziniert, ihre harte körperliche Arbeit, ihre Meisterschaft, die Kürze ihrer Karriere. Begeistert ist Macras von ihrem Durchhaltevermögen. „Außerdem haben sie einen erstaunlich ausgeprägten Beschützerinstinkt untereinander, sie sind sehr sozial.“
Begeisterung in atemberaubend schnellem Englisch
Apropos Begeisterung: Die bricht sich im Gespräch immer wieder Bahn. In einem atemberaubend schnellen Englisch erzählt die 1970 in Buenos Aires geborene Choreografin davon, wie reibungslos die Zusammenarbeit zwischen den Artisten und den Tänzern aus ihrer Compagnie Dorkypark verlief; nur im Deutschen schaltet sie einen Gang herunter. Auch wenn sie darüber klagt, dass sie keine Zeit hat – dabei ist ihr sechsjähriger Sohn gerade in den Ferien – und der Druck bis zur Premiere hoch ist, merkt man ihr den Stress nicht an. Mit dem Rad kommt sie zum Interview nach Mitte, wo sie gerade in einer Kirche in der Auguststraße probt.
In ihrem Stück „The Ghosts“ werden wieder biografische Details der Mitwirkenden eine Rolle spielen. Offen bleibt stets, was vom Erzählten real ist, was erfunden. Neben den packenden Bewegungsstudien, den leidenschaftlichen Menschenknäuel, den Verausgabungen sind es diese Momente, die Macras’ Abende so zugänglich machen. Sie besitzen alles, was gutes Theater braucht: Witz und Drama, Ironie und tiefere Bedeutung.
angenehme Überforderung
Auf eine angenehme Weise überfordert Macras den Zuschauer mit Angriffen auf die Sinne, mit einer Bilder-, Text- und Musikflut, mit vielen kleinen Geschichten und Parallelhandlungen. Sie sind so vielfältig wie die Stadt, in der Macras seit 1995 ein Zuhause gefunden hat.
Ganz glücklich ist die weltweit tourende und gefeierte Choreografin mit Berlin allerdings nicht. Ihre Compagnie ist in der Stadt zwar sehr präsent, Macras fördert junge Choreografen, veranstaltet Symposien und Vorträge, Dorkypark spielt an der Schaubühne, im HAU und im September mit „On Fire“ auch am Gorki Theater (29./30.9.). Außerdem prägen ihre ehemaligen Tänzer wie Angela Schubot, Jared Gradinger und Jill Emerson die freie Tanz- und Performance-Szene. Aber überall ist sie nur zu Gast. Die öffentliche Förderung reicht nicht aus, um Tänzer dauerhaft zu beschäftigen. „Viele bleiben nur aus Loyalität bei mir. Aber davon kann man nicht leben.“ Also nehmen sie Brotjobs an und jonglieren mit Terminen.
In Berlin reicht das Geld nicht fürs Überlebe
2013 hatte ihre Kollegin Sasha Waltz damit gedroht, Berlin zu verlassen, sollte die Stadt nicht mehr Geld bereitstellen – und sich am Ende nach der Decke gestreckt. „Ich habe nie bei der Politik angeklopft“, sagt Macras. „Ich dachte immer, es reicht, hervorragende Arbeit zu machen. Aber allmählich komme ich an meine Grenzen.“ Die Situation ist ein wenig surreal: International werden Waltz, Stuart und Macras gefeiert, als künstlerische Repräsentantinnen Berlins begrüßt. Vor Ort reicht das Geld nicht für feste Spielorte oder gar fürs Überleben. Gastspiele sind notwendig, um Macras’ Arbeit in Berlin querzufinanzieren.
„Warum gibt es nur eine strukturell geförderte Tanzcompagnie – und die macht klassisches Ballett?“, fragt Macras. Und fordert von Berlin eine stärkere Verankerung der führenden Choreografen an den Staatstheatern und Staatsopern. „Ich organisiere internationale Koproduktionen, beschäftige viele Menschen, die wegen Dorkypark nach Berlin kommen, bereichere die Stadt. Es gibt da ein Ungleichgewicht, das aufgehoben werden muss!“



