Katharina Wagner will jetzt rauchen. „Darf ich“, sagt sie, ohne Fragezeichen, schließlich sitzt sie in ihrem eigenen Büro. Ihre Finger mit den langen, weiß lackierten Nägeln ziehen eine Lucky Strike aus der Packung. Sie muss also jetzt diesen verwünschten „Tristan“ inszenieren. Hier in Wagners Bayreuth. Im 150. „Tristan“-Jubiläumsjahr. Als Urenkelin des Komponisten. Als Co-Festspielleiterin und designierte Alleinherrscherin des Hügels. Acht Jahre nach ihrer bisher letzten Bayreuth-Inszenierung. Ob sie nachts wach liegt? „Nö“, sagt sie. Mit kurzem ö. Ein Zug an der Zigarette, den Rauch auspusten. „Wenn Übermenschliches erwartet wird, kann ich das ja sowieso nicht erfüllen. Wir sind alle nur Menschen.“ Es hört sich abgebrüht an. Und auch irgendwie resigniert.

Was Katharina Wagner, 37, gerade zu schultern hat, ist die wohl wichtigste Inszenierung ihrer bisherigen Karriere. Seit Jahren wird sie von Teilen des Publikums, der Mäzene und der Kritiker angefeindet. Eine junge Frau, privat lieber in Berlin oder auf Gran Canaria statt in Bayreuth, die entweder Verrückte wie Frank Castorf engagiert oder, wie 2007 in ihrer „Meistersinger“-Inszenierung, Wagners Werke gleich selbst kaputtmacht.

Seit sie 2008 ihrem Vater Wolfgang Wagner als Chefin der Festspiele nachfolgte, steht Katharina Wagner unter Druck. Ständig gibt es Skandale und Peinlichkeiten bei den Festspielen, von Hakenkreuztattoos bis zum Rauswurf von Jonathan Meese. In diesem Jahr begannen die Störfeuer, noch bevor der erste Ton der neuen Saison überhaupt erklungen ist. Die Sopranistin, die für die Rolle der Isolde vorgesehen war, löste ihren Vertrag auf, ohne Angabe von Gründen, und die Festspiele mussten sich wehren gegen Meldungen, Co-Chefin Eva Wagner-Pasquier solle nach der Saison Hausverbot bekommen. Dazu kommt der Publikumsschwund. Musste man früher jahrelang auf Karten warten, waren in diesem Jahr noch im Juni Hunderte Tickets zu haben, vor allem für den „Ring des Nibelungen“. Was, wenn jetzt auch noch der „Tristan“ durchfällt?

37 Grad. Die vor Hitze tanzende Luft hat einen flirrenden Schleier über das Festspielhaus gelegt. Auf dem Parkplatz neben dem Bühneneingang steht der Porsche 911 von Christian Thielemann, Kennzeichen „CT“. Drei Gehminuten weiter arbeitet Kirill Petrenko gerade am „Rheingold“, in der Kantine, da probt immer das Orchester. Für den „Tristan“ sieht der Probenplan, den sich Musiker und Statisten an der Pforte abholen können, an diesem Tag die erste Bühnenklavierprobe vor. Eine Probe mit kostümierten Sängern im fertigen Bühnenbild, auch schon mit Dirigent, aber nur mit Klavierbegleitung. Dabei soll sich zeigen, ob Aktionen, Kulissen, Kostüme und Musik miteinander harmonieren. Ob der Plan aufgeht, den sich das Regieteam für den „Tristan“ ausgedacht hat. Der Moment der Wahrheit.

Der Chorleiter steht im verwaisten Zuschauerraum und telefoniert mit Christian Thielemann. Von seinen Assistenten lässt sich Thielemann duzen, aber der Chorleiter sagt „Herr Thielemann“. „Herr Thielemann, soll der Chor an der einen Stelle ,Anker ab‘ oder ,Anker los‘ singen? … Ja? … ,Anker ab‘ steht im Text, aber wir singen sonst ja immer ... gut, dann lassen wir ,Anker los‘.“

Eine lasche Kussszene

Auf der Bühne balanciert Katharina Wagner in fünf, sechs Meter Höhe über einen Steg und redet auf ihre Sänger ein, auf Deutsch und Englisch. Korrekturen nach dem Durchlauf des ersten Aktes. Einmal muss die Isolde einen Brautschleier zerreißen, das dauert der Regisseurin zu lange, „der muss sofort kaputtgehen, sonst sieht das scheiße aus“. Eine Kussszene ist ihr zu lasch, „das sah aus, als würdet ihr euch unterhalten“.

Wie ihre Darsteller sich anschauen, wie sie miteinander raufen sollen, sie macht es ihnen vor, knufft sie, schubst sie, umarmt sie. Ihre Louis-Vuitton-Handtasche hat sie unten im Bühnenbild liegen gelassen. Katharina Wagner sieht aus wie jemand, der sich zu Hause fühlt. Zum schwarzen Top mit tiefem Ausschnitt trägt sie schwarze Sneaker. Die Sonnenbrille steckt im Haar, dessen Blondierung ist um eine Handbreite herausgewachsen. In der Öffentlichkeit möchte sie nicht so gesehen werden. Fotos für die Zeitung hat sie kurz vor der Probe abgesagt.

Seit acht Jahren weiß Katharina Wagner, dass sie am 25. Juli 2015 einen fertigen „Tristan“ abliefern muss. Ihr Regievertrag trägt noch die Unterschrift ihres Vaters Wolfgang Wagner, der 2010 starb. In ihrer Küche zu Hause hängt ein Andenken an ihren Vater, das Plakat einer Oper, die Wolfgang Wagner einmal an der Mailänder Scala inszeniert hat. Es war die Zeit, in der seine Frau mit Katharina schwanger war. Die Oper war „Tristan und Isolde“.

Im Stück geht es darum, dass der Ritter Tristan und die Prinzessin Isolde sich verlieben, obwohl Isolde eigentlich Tristans König Marke versprochen ist. Die Affäre fliegt auf, Tristan wird von einem königlichen Gefolgsmann tödlich verwundet, und Isolde stirbt vor Kummer den Liebestod. Das Ganze ist eine einzige große Klage darüber, dass die reine Liebe unmöglich ist im Diesseits mit all seinen Hindernissen. Aus dem schmalen Plot hat Richard Wagner einen vierstündigen Weltabschiedsgesang gemacht, dessen übernatürliche Harmonien als Urknall der musikalischen Moderne gelten.

„Wenn Sie so ein Projekt übernehmen, setzt man sich nicht einfach hin und macht mal die Szene“, sagt Katharina Wagner. „Das ist eher so im Unterbewusstsein drin, es arbeitet jahrelang in einem, und plötzlich fällt einem zu irgendeiner Szene irgendwas ein, und so konkretisiert sich das immer mehr. Eine Inszenierung entsteht nicht aus einer einzelnen Idee, eine Idee füllt vielleicht 20 Sekunden oder so. Und der ,Tristan‘ ist ja nicht kurz.“

Die Situation ist ausweglos

Die Festspielleitung läuft irgendwie nebenher. „Es ist ganz gut organisierbar“, sagt Katharina Wagner. „Eine Probe beginnt um 10, endet um 2, dann kann man von 2 bis 6 Bürozeit machen. Von 6 bis 22 Uhr noch mal Probe. Aber das geht nur, wenn Sie gut vorbereitet sind.“ Wenn sich der Vorhang am kommenden Sonnabend in Bayreuth öffnet, werden sich all die berühmten Gäste, die Merkels, Seehofers und Gottschalks, erst einmal an die Dunkelheit gewöhnen müssen. Katharina Wagner präsentiert einen dämmrigen, trostlosen Raum, in dessen Mitte sich ein gewaltiges Gewirr von Treppen, Ebenen und Plattformen erhebt. Eine Kulisse mit beweglichen Elementen und Falltüren, die eine scheinbar unbegrenzte Zahl möglicher Laufwege bereithält. Nur keinen Weg, der ins Freie führt. Bevölkert wird die Bühne von Menschen in langen, klassischen Gewändern, die an die antikisierende Ästhetik des Neu-Bayreuth der 50er-Jahre erinnern und einem klaren Farbcode unterliegen. Sie habe möglichst abstrakt inszenieren wollen, sagt Katharina Wagner, ort- und zeitlos. „Das Stück hat etwas Klaustrophobisches“, sagt sie. „Tristan und Isolde wissen, dass ihre Situation ausweglos ist. Aber sie entscheiden sich bewusst dafür, diese Ausweglosigkeit anzunehmen.“ Es klingt, als würden Tristan und Isolde auch gute Bayreuther Festspielleiter abgeben.

Thielemann wird Katharina Wagners wichtigster Verbündeter sein, wenn nach dieser Saison die neuen Machtverhältnisse auf dem Hügel herrschen. Neuerdings nennt er sich Musikdirektor in Bayreuth, mit ihm gemeinsam wird Katharina Wagner die Festspiele führen. Der Vertrag ihrer Halbschwester und bisherigen Co-Chefin Eva Wagner-Pasquier läuft im Sommer aus. Immer wieder gibt es Spekulationen, die Beziehung der Schwestern sei zerrüttet. Katharina Wagner sagt immer, das sei bloß Klatsch. „Wir haben ein wunderbares Verhältnis“, sagt sie. „Wir verstehen uns gut und besprechen alles miteinander. Sie bekommt ja nach der Saison auch einen Beratervertrag und wird selbstverständlich weiter auf dem Hügel präsent sein.“ Wenn man sie fragt, ob sie jetzt ihr Leben lang Festspielchefin bleiben will, sagt sie: „Ich habe jetzt erst einmal einen neuen Vertrag bis 2020. Danach muss man noch mal gucken, wie die Konstellation dann ist und ob alles passt. Ich will mich da jetzt noch nicht festlegen.“

„Nein“ sagt sie nicht.