Das ist choreo-grafisch im besten Sinne! Ein Buch mit Aquarell- und Tuschzeichnungen, die der belgisch-französische Surrealist Henri Michaux (1899-1984) unter Drogeneinfluss verfasste, wird zu Tanz. Körper erscheinen dabei mal als kunstvolle, mal als eilig hingekritzelte Kalligrafien. Selbst das Nachwort hat Marie Chouinard auf der Bühne in Bewegung umgesetzt. 2011 wurde die Choreografin dafür international gefeiert. Nun ist „Henri Michaux: Mouvements“ beim 27. Festival „Tanz im August“ zu sehen, eines von zwei Stücken, welche die Kanadierin zum 25. Jubiläum ihrer Kompanie in Berlin präsentiert.

Das internationale Festival ist eines der wichtigsten seiner Art in Europa. Vom 13. August bis 4. September zeigt „Tanz im August“ insgesamt 18 Produktionen und eine Retrospektive. Das bedeutet rund 60 Vorstellungen mit Künstlern aus mehr als 20 Ländern an Spielstätten in ganz Berlin: im HAU, an der Volksbühne, der Schaubühne, im Haus der Berliner Festspiele, den Sophiensälen, Radialsystem V und der Akademie der Künste am Hanseatenweg.

Besondere Beachtung gilt dieses Jahr den Beziehungen zwischen Tanz und Bildender Kunst. Sind Tanz und Performance seit vielen Jahren bereits begehrtes Objekt in Museen und Ausstellungen, so dreht das Festival den Spieß um und zeigt zu Beginn zeitgenössische Kunst. Einen einzigen Tag lang stellt die auf Konzeptkunst spezialisierte Sammlung Haubrok im HAU1 unter anderem Werke von Olafur Eliasson, Willem de Rooij und Andreas Slominski aus. Zugleich verwandelt sich das Theater für „24h Durcheinander“ von deufert&plischke in ein „Neues Episches Theater“, mit gemeinsamem Abendessen, Workshops, nächtlichen Parlamentssitzungen, Sleep-ins, Künstlergesprächen und vielem mehr.

Die Grenzauflösung zwischen den Disziplinen erscheint heute schon fast als gängige Praxis, selbst wenn kürzlich die Berufung des Museumsmannes Chris Dercon zum künftigen Intendanten der Volksbühne Aufsehen erregte. Auch Virve Sutinen, seit 2014 Künstlerische Leiterin von „Tanz im August“, kommt vom Museum, zehn Jahre arbeitete sie für das Performance-Programm im Museum für zeitgenössische Kunst in Helsinki.

Tanz trifft Architektur

1983 galt das Überschreiten künstlerischer Grenzen noch als radikal, als das Museum of Contemporary Art in Los Angeles mit „Available Light“ eröffnete, eine Kooperation der Tanzkünstlerin Lucinda Childs mit dem Star-Architekten Frank O. Gehry und dem Komponisten John Adams. Die Produktion wurde für eine Welttournee rekonstruiert und feiert mit der Vorstellung am 13. August Europa-Premiere.

Auch die „Ikone des New Dance“, Rosemary Butcher, arbeitet oft an der Schnittstelle zwischen darstellender und bildender Kunst. Das Festival widmet der britischen Choreografin und Künstlerin eine Retrospektive mit vier Werken und einer Ausstellung. Dass auch Wissenschaft sich für Tanz eignet, beweist Ciel Gilles Jobins Stück „Quantum“, das sich mit der Teilchenphysik beschäftigt. Antony Hamilton & Alisdair Macindoe bieten mit „Meeting“ einen zauberischen Dialog zwischen Mensch und Maschine.

Ein weiterer Schwerpunkt gilt in diesem Jahr der Entwicklung in Asien. Man darf sich auf große Kompanien freuen wie das Tao Dance Theater und die Korea National Contemporary Dance Company, zudem auf Künstler der freien asiatischen Tanzszene. Auch in diesem Bereich setzt das Festival verstärkt auf Uraufführungen und Koproduktionen. So feiert Choy Ka Fai Deutschlandpremiere seines Projekts „SoftMachine“, das zugleich Performance-Zyklus und Multimediaarchiv ist: Seit 2012 führte der Künstler insgesamt 86 Interviews mit Tanzschaffenden aus vielen asiatischen Ländern.

Mehr Geld für das Festival

Choy Ka Fai und viele andere Künstler des Festivals haben in Berlin ihre künstlerische Basis. Ein Zeichen für den Schub, den die einheimische Szene durch solch ein überregional beachtetes Festival erfährt. Diese Arbeit hat der Hauptstadtkulturfonds (HKF) nun belohnt. In den Jahren 2016 und 2017 soll das HAU Hebbel am Ufer als Veranstalter für die Ausrichtung von „Tanz im August“ eine Aufstockung der Förderung um 200.000 Euro auf insgesamt 600.000 Euro bekommen.

Das diesjährige Programm macht jedenfalls neugierig. Gerade weil es sich nicht unbedingt an Puristen richtet. Was Isabel Lewis zum Beispiel mit ihren „Occasions“ anbietet, bewegt sich zwischen Performance, philosophischem Salon und Party. Erkenntnis- und Unterhaltungswert müssen sich also keineswegs ausschließen. Virve Surinen, die finnische Festivalchefin, ist jedenfalls überzeugt, dass Kunst die komplizierte Wirklichkeit zu entwirren hilft. „Kunst und besonders Tanz ermöglichen es uns, die Welt mit den Augen eines anderen zu betrachten und etwas zu fühlen, zu sehen und zu erfahren, wofür uns noch die Begriffe fehlen.“