Filmreihe

Mit der Morgenpost ins Kino: "Hauptrolle Berlin"

Der Zoo Palast und die Berliner Morgenpost starten eine Reihe mit Berlin-Filmen. Als erstes läuft „Oh Boy“ mit Tom Schilling.

Foto: X-Verleih

Ein Schauspieler kann viele Rollen spielen. Er kann das Glück haben, die Hauptrolle zu ergattern. Er kann eine tragende Nebenrolle übernehmen. Er kann aber auch zum Statisten degradiert werden. Oder gar – ein Schicksal, das durchaus auch renommierte Darsteller schon mal erlitten haben – ganz aus dem fertigen Film herausgeschnitten werden.

Ähnlich kann auch eine Stadt auf vielerlei Art Kulisse sein. Mal gibt nur ein zufälliger Blick aus dem Fenster ein indifferentes Bild frei. Mal wird halt dort gedreht, weil die Filmemacher ohnehin vor Ort wohnen. Oder weil ein regionaler Fördertopf Zuschüsse gewährt hat und ein, zwei Höflichkeitsszenen denn auch hier abgekurbelt werden müssen. Im besten Fall aber ist die Stadt nicht nur ein pittoresker Bildhintergrund, sondern wird selbst zu einem Hauptdarsteller.

Keine Frage: Der deutsche Film hat deutlich mehr Schauspieler als passende Filmstädte zu bieten. Dass ein Großteil deutscher Filme in Berlin spielt, ist vor allem dem Umstand geschuldet, dass der Großteil der Branche, zumindest seit dem Mauerfall, hier verankert ist und eine Infrastruktur ermöglicht wie kaum anderswo.

Es ist natürlich auch dem Umstand geschuldet, dass mit dem Medienboard Berlin-Brandenburg nicht nur der drittstärkste regionale Fördertopf der Republik, sondern auch die überregionale Filmförderanstalt und der Deutsche Film- und Fernsehfonds hier ihren Sitz hat. Wes Brot ich ess', das wusste schon ein Walther von der Vogelweide, des Lied ich sing.

Ein Fernsehturm macht noch keinen Berlin-Film

Und natürlich kann man mit ein paar Stadtpanoramen auch touristische Wiedererkennungswerte fürs Publikum schaffen. Aber die x-te Hubschrauberaufnahme vom Fernsehturm ist eher Kitsch von der Stange und macht noch lange keinen Berlin-Film aus.

"Berlin-Film", das ist ohnehin ein etwas schwammiger, ausgelutschter Begriff, den viele, und meist die falschen, für sich reklamieren, den man aber erst einmal fest definieren müsste. So viel aber ist klar: Die Kulisse allein reicht nicht aus, die bleibt Zufalls- oder Kalküldekor. Im besten Fall wird die Stadt zu einem sprechenden Raum, zur Chiffre, zur Zustandsbeschreibung.

Die den Protagonisten umreißt, um den es im Film geht (und der dann oft selbst zu einer Symbolfigur einer ganzen Generation gerinnt). Oder gleich die einer Gesellschaft im Umbruch, im Wandel (oder in der Agonie), einer ganzen Dekade.

Der aktuelle und der historische Blick

Das ist dann oft doppelt spannend: einmal zum Kinostart, wenn der Film noch ganz frisch ist und man das schon erahnen kann; und dann noch einmal Jahre später, wenn man den Film dann schon historisch und damit mit ganz neuen Augen betrachten kann.

"Hauptrolle Berlin": Unter diesem Motto startet nun eine neue Filmreihe, die der Zoo Palast gemeinsam mit der Berliner Morgenpost initiiert. Und wo sonst könnte eine solche Reihe laufen wenn nicht im schönsten und geschichtsträchtigsten Kino Berlins, das selbst längst ein Wahrzeichen und Aushängeschild der Stadt ist? Jeden ersten Dienstag im Monat wird hier ein genuiner Berlin-Film gezeigt. Und immer werden dazu auch prominente Gäste eingeladen, die dann von deren Entstehung erzählen.

Am 1. September wird Tom Tykwer hier "Drei" vorstellen, am 6. Oktober folgt "Berlin Calling" und am 3. November "Sonnenallee". Eröffnet wird die Reihe am kommenden Dienstag mit "Oh Boy", einem der prächtigsten Beispiele dessen, was ein Berlin-Film ist. Im Beisein von Jan Ole Gerster und seinem Hauptdarsteller Tom Schilling.

"Oh Boy" ist eines langen Tages Reise in die Nacht. 24 Stunden aus dem Leben eines verkrachten Studenten namens Niko Fischer. Ein Tagträumer, der eigentlich ganz sympathisch ist, aber das Leben irgendwie nicht auf die Reihe kriegt.

Jahrelang für den Film gerungen

Gleich am Morgen macht seine Freundin Schluss mit ihm, dann wird ihm der Führerschein entzogen, prompt wird er beim Schwarzfahren in der S-Bahn erwischt. Später versagt auch noch die Bankkarte, der Herr Papa streicht jede weitere finanzielle Zuwendung. Und da ist erst Nachmittag, und die Katastrophen sind noch lange nicht zu Ende.

Jan Ole Gerster hat für sein Regiedebüt einmal nicht die üblichen, sattsam abgefilmten Stadtansichten gewählt, sondern ungewohnte Bilder von Brandmauern, Hinterhöfen und S-Bahnbögen in Mitte und Kreuzkölln. Unverbrauchte Ecken, "unbeleckte", wie der Berliner sagen würde.

Und sein kongenialer Kameramann Philipp Kirsamer hat sie zusätzlich verfremdet durch grandiose Schwarz-Weiß-Aufnahmen. Wenn Niko Fischer unter der Jannowitzbrücke wandelt, muss man nicht von ungefähr an "Manhattan" und Woody Allen unter der Brooklyn Bridge denken. Tom Schilling ist der Hauptstadtneurotiker.

Jahrelang hat Jan Ole Gerster an diesem Film gearbeitet, hat um ihn kämpfen müssen, hat ihn für lächerliche 300.000 Euro realisiert, aber auch als er endlich abgedreht war, noch mal fast zwei Jahre im Schnitt an ihm gerungen. Er ging, wie er bekannte, durch viele Täler mit seinem Film, war schon kurz davor, alles Material anzuzünden und als Versicherungsfall zu deklarieren.

Tom Schilling musste um die Rolle betteln

Am Ende war er froh, dass "Oh Boy" überhaupt noch ins Kino kam. Dass er der Überraschungserfolg des Jahres 2012, dass er zahlreiche Preise einheimsen und beim Deutschen Filmpreis sogar Tom Tykwers Blockbuster "Cloud Atlas" ausstechen würde, hätte sich Gerster nie träumen lassen.

Auch Tom Schilling hat um diesen Film gekämpft. Gerster kannte ihn, fand ihn aber zu jung aussehend. Schilling musste förmlich betteln, um den Part doch übernehmen zu dürfen. Im Nachhinein kann man sich gar keine andere Wahl vorstellen. Schilling trägt den Film, er wird zum Gesicht dieser Stadt.

Beide aber, der Regisseur wie sein Hauptdarsteller, tun sich schwer mit dem Etikett "Berlin-Film", den sie für abgegriffen halten. Einen Großstadt-, einen Metropolenfilm wollte Gerster drehen, als Ausdruck einer Generation von Unschlüssigen. Im Gegensatz zu Schilling, der hier geboren und aufgewachsen ist, kam der gebürtige Hagener erst pünktlich zum neuen Jahrtausend anno 2000 nach Berlin. Und hegte, wie fast alle Neuzugänge, erst mal eine gepflegte Hassliebe zu Berlin.

Die Party ist schon vorbei

Überall wurde ihm gesagt, dass er zu spät komme, dass in Berlin "die Party schon vorbei" sei. "Oh Boy" ist auch der Ausdruck dieser Agonie. Aber so wie sein sympathischer Loser sich hier treiben lässt, in einer Wohnung ohne Möbel haust, die Nacht zum Tag macht und sich nicht um das Morgen schert – das kann man wohl wirklich nur in Berlin erleben.

London, Paris, New York sind längst zu teuer für solche Überlebenskünstler. Auch Berlin ist übrigens gerade dabei, diesen Status zu verlieren. Von daher ist "Oh Boy" doch ein definitiver Berlin-Film: Weil er ein Stadtgefühl, eine Lebenshaltung einfängt, von der man vielleicht schon bald staunen wird, dass es das mal gegeben hat.

Oh Boy: Zoo Palast, 4.8., 20 Uhr in Anwesenheit von Jan Ole Gerster und Tom Schilling. Ein Wertgutschein in Höhe von 2 Euro beim Kauf einer Eintrittskarte in der Sonntagsausgabe der Morgenpost

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