Bilanz

Was die Theater-Saison in Berlin gebracht hat

No sex and the city: Ein Blick zurück auf die abgelaufene Spielzeit in den Theatern der Stadt und Aufregung abseits der Bühnen.

Verliebt, verlobt, betrogen: In "Stück Plastik" in der Schaubühne zeigt Marius von Mayenburg, was nach dem Happyend passiert

Verliebt, verlobt, betrogen: In "Stück Plastik" in der Schaubühne zeigt Marius von Mayenburg, was nach dem Happyend passiert

Foto: DAVIDS/Ecken / DAVIDS/Dominique Ecken

In einer der letzten Premieren dieser Berliner Theaterspielzeit trat am Gorki Theater der Schauspieler Dimitrij Schaad nach vorne an die Rampe. Nicht in einer Rolle, sondern explizit als „der Dimi“ sprach er, noch bevor Yael Ronens Inszenierung „Das Kohlhaas-Prinzip“ überhaupt richtig angefangen hatte, diesen Satz: „Wir sollten“, sagte er, „mal aufbegehren, wir sollten mal wütend werden!“ Man sitzt im Parkett fast am Schluss der Saison und denkt: Macht doch mal, legt euch mal an! Mit der Politik, mit der Stadt, mit dem Publikum.

Dass einem das ausgerechnet im Gorki Theater durch den Kopf geht, ist natürlich unfair. Das Haus am Festungsgraben, im vergangenen Jahr zum „Theater des Jahres“ gewählt, ist von allen Berliner Bühnen der politischen Gegenwart sicher am nächsten. Dennoch: Es beschreibt diese Sehnsucht eines Schauspielers nach dem Aufbegehren, das, was man auch als Zuschauer in der abgelaufenen Berliner Spielzeit sich häufiger wünschte. Stattdessen allerorten: No sex and the city, Bühne frei für die Neurosen arrivierter Großstadtakademiker in mittleren Jahren mit mittelmäßigen oder keinen Beziehungen.

Der gute Lauf der Volksbühne

Aufregung gab es fernab der Bühnen: So wie die um ein paar Performance-Aktivisten vom Zentrum für politische Schönheit, die zum Berliner Mauerfallgedenktag Kreuze der Mauertoten mopsten und sie an die europäischen Außengrenzen bugsieren, um die Opfer der Asylpolitik zu sühnen. Oder der Theaterstreit um Kulturstaatssekretär Tim Renner, der mir nichts dir nichts mit dem Museumsmann Chris Dercon einen Nachfolgekandidaten für Frank Castorfs Volksbühne bestimmte. Ohne das vorher abzusprechen. Vor allem nicht mit Claus Peymann.

Reden wir also nicht über die Politik. Reden wir über die Liebe. Reden wir über die Volksbühne. Sie hat einen wirklich guten Lauf gerade, brachte mit „der die mann“ die bislang beste aller guten Herbert-Fritsch-Spaßereien heraus, aber natürlich völlig jenseits jeder Realität. René Pollesch verabschiedete sich in „Keiner findet sich schön“ von seinem kapitalismuskritischen Diskurs, wurde nachgerade romantisch. Der fabelhafte Fabian Hinrichs lieferte rückwirkend das Leitmotiv der Saison: „Ich hab nicht genug Liebe!“.

Wenn sich die Liebe irgendwann eingefunden hat, wirds auch nicht leichter. Dann kommt der Betrug, die kraftraubende Selbstinszenierung zur Aufrechterhaltung des Scheins. Dabei zuzuschauen kann großen Spaß machen wie in Marius von Mayenburgs Schaubühnen-Inszenierung „Stück Plastik“. Oder eher wenig wie in der von Schaubühnen-Chef Thomas Ostermeier eigentlich als Coup gedachten Welturaufführung von Yasmina Rezas „Bella Figura“. Eine gute Figur immerhin macht, trotz Buckel und Zahnspange, Lars Eidinger vor Ort in seiner Schurkenshow „Richard III“, doch zurück zu den „Schrottbeziehungen, von denen in dieser Stadt jeder fünf bis sechs hat“ wie Falk Richter in „Never Forever“ konstatiert.

„Erotic Crisis“ zu allen Zeiten, an allen Orten

Es scheint schlimm zu stehen um die Herzen der Hauptstädter. Im Premierenreigen der vergangenen zehn Monate kam man sich bisweilen vor wie von einem Seelendoktor zum nächsten gereicht. Eine Stadt liegt auf der Couch. Am Deutschen Theater türmt sich in Jette Steckels Schnitzler-Inszenierung „Das weite Land“ passenderweise ein gigantischer Ledercouchturm in den Bühnenhimmel. Politik kommt hier höchstens mal als Versuch vor, wenn wie in Stephan Kimmigs „Don Carlos“, einsam ein kleines EU-Fähnchen sich in die Inszenierung verirrt. Das Deutsche Theater bleibt, trotz Theatertreffen-Einladung von „Warten auf Godot“, insgesamt immer noch hinter den Erwartungen zurück. Da ist vieles solide, aber es sticht nichts heraus. Ein paar große Schauspielerfeste, das ja, was Wunder bei dem Ensemble, wichtiger aber wären nachhaltige ästhetische Innovationen und Impulse.

Am Berliner Ensemble schließlich, huch, inszenierte Leander Haußmann seinen „Woyzeck“ als ironiefreies, knallhartes Soldatendrama. Aber natürlich will Hausherr Claus Peymann auch einen bunten Publikumsmagneten und den bescherte ihm das Duo Robert Wilson/Herbert Grönemeyer mit der Musicalisierung von Goethes komplettem „Faust“. Noch so einer mit Seelenproblemen in der Brust und vertracktem Liebesleben.

„Erotic Crisis“ zu allen Zeiten, an allen Orten, zunächst sogar im Maxim Gorki Theater, das mit dem gleichnamigen Stück von Yael Ronen voll im Trend in die Spielzeit startete. Dann aber schnell zu seinen angestammten postmigrantischen und politischen Themen zurückfand. Nicht mehr so stark wie im vergangenen Jahr, dem ersten unter der Intendanz von Shermin Langhoff und Jens Hillje. Bisweilen etwas verhuscht und nicht mit so namhaften Schauspielstars wie die anderen Häuser gesegnet, dafür ungestüm und oft für eine Überraschung gut. Hans-Werner Kroesingers Materialmontage „Musa Dagh – Tage des Widerstands“ über den Völkermord an den Armeniern just zum Jahrestag der Verbrechen war so eine. Einen Kommentar zu Pegida und den Charlie-Hebdo-Anschlägen gab Regisseur Hakan Savas Mican in „Schnee“ ab.

Es blieben Ausnahmen. Vor allem an unserer modernen Liebesuntüchtigkeit, gezielt herausdestilliert aus neuen und alten Texten, hat uns das Theater vorgeführt, dass es gegenwartstauglich ist. Zeit zu beweisen, dass die politische Gegenwart auch theatertauglich ist.