Kulturmacher

Herr Firlefanz und seine Puppen

1986 eröffnete Harald Preuß das Puppentheater Firlefanz an der Sophienstraße in Mitte. Hinter der Tür ist die Zeit stehen geblieben.

Tamino, Papageno, Königin: Harald Preuß und die Marionetten, mit denen er Mozarts „Zauberflöte“ auf die Bühne bringt

Tamino, Papageno, Königin: Harald Preuß und die Marionetten, mit denen er Mozarts „Zauberflöte“ auf die Bühne bringt

Foto: Sergej Glanze / Glanze

Harald Preuß und seine Puppen waren immer da. Als in den zugigen Mietskasernen noch Arbeiter wohnten und es in den Straßen stechend nach Braunkohle roch. Als in den Monaten nach dem Mauerfall Studenten, Musiker, Künstler aus der ganzen Welt in leerstehende Wohnungen einzogen und nächtelang auf den Dächern feierten. Und auch, als gleich nebenan die Hackeschen Höfe eröffneten, als die Touristen kamen und die Mieten für die sanierten Altbauwohnungen ringsherum auf Berliner Spitzenwerte schossen.

1983 zog er ins Erdgeschoss in der Sophienstraße 10, und noch immer hängt dort ein Schild mit einem Kasper. „Puppentheater Firlefanz“ steht auf den Fenster, darunter etwas kleiner „Preußisches Marionettentheater“. Harald Preuß mag traditionelles Puppentheater, „nicht tümelnd“, sagt er, aber: „Volkstheater“.

Erste Aufführung im Kinderzimmer

Bei ihm gibt es „Aschenputtel“, „Das tapfere Schneiderlein“ oder „Der Froschkönig“. Märchen mit traditionellen Figuren und jahrhundertealten Geschichten, die er schon in der Anfangszeit seines Theaters in den 80er-Jahren gespielt hat, vielleicht sogar schon in seinem Kinderzimmer: Vor 60 Jahren bekam der siebenjährige Harald sein erstes Puppentheater. „Theater hat mich immer interessiert, noch mehr als Kino, weil man selbst etwas machen kann“, das gilt bis heute. Zu seinen ersten Inszenierungen kamen die Geschwister, später spielt er mit dem Theaterzirkel in der Schule vor größerem Publikum. Nebenbei schrieb er eigene Puppenspiele, eins wurde sogar in einer Kinderzeitschrift veröffentlicht, da war er zwölf.

Musik und Marionetten

„Ich hatte immer nur diesen einen Berufswunsch“, erinnert sich der heute 67-Jährige. Seine Eltern ließen ihn machen, den Satz „Lern’ erst einmal etwas Vernünftiges“ habe er von ihnen nie gehört. Anders als im Westen gab es in der DDR feste staatliche Spielstätten für die Puppentheater, 1971 wurde Puppenspiel sogar als Fach an der Schauspielschule Ernst Busch eingerichtet. Ein paar Jahre zu spät für Harald Preuß, zu dem Zeitpunkt hatte er seine Ausbildung am Staatlichen Puppentheater Dresden schon abgeschlossen, 1970 war er als staatlich geprüfter Puppenspieler nach Berlin zurückgekehrt.

Mal etwas anderes machen

Zwölf Jahre lang spielte Harald Preuß am Berliner Puppentheater an der Greifswalder Straße. Der 30. Geburtstag kam näher, ging vorbei und mit den Jahren wurde das Gefühl, etwas anderes machen zu wollen, immer stärker. Mit Musik wollte er arbeiten, sie mit den Marionetten verbinden. 1982 wagte Harald Preuß schließlich den Abschied vom staatlichen Theater. Mit Mozarts Singspiel „Bastien und Bastienne“ eröffnete das Puppentheater Firlefanz, anfangs als reines Reisetheater. Vier Jahre später bekam er die Räume an der Sophienstraße als Probenräume und, noch viel wichtiger, den Auftrag des Kreiskulturhauses Mitte, dort Vorstellungen anzubieten. Für Gastspiele reiste er weiterhin durch die DDR, „300 Vorstellungen im Jahr habe ich gespielt“.

„Zauberflöte“ für Erwachsene

Die Märchen blieben die ganzen Jahre in seinem Repertoire, Harald Preuß wusste immer, was die Kinder in seinem Theater sehen wollen. Aber die Liebe zur Musik war eben auch immer da, und deshalb wagte er es, zusätzlich zu „Bastien und Bastienne“ noch eine Mozart-Oper einzustudieren. „Die Zauberflöte“ spielte er erst einmal für Erwachsene, fast eineinhalb Stunden dauert die Vorführung, und schon da musste er „sehr reduzieren“, entscheiden, wie stark er die Handlung rafft und auf welche Arien er verzichtet.

Lange blieb es bei der Abendvorführung vor erwachsenem Publikum – bis ein Freund, ein Lehrer, ihn fragte, ob er eine gekürzte Fassung für die Schulklasse anbieten könnte. „Da hab’ ich mich noch mal hingesetzt und gekürzt“, erzählt er, inzwischen spiele er die Fassung für Kinder häufiger als die Abendvorstellung.

Kinder singen mit der Königin der Nacht

„Lust auf Oper“ will er damit machen, sagt Harald Preuß. Und das funktioniert. Die Kinder kennen die „Zauberflöte“, sie singen mit, vor allem bei den Koloraturen der Königin der Nacht. Die kommen ebenso wie der Gesang der übrigen Figuren vom Band, alles andere übernimmt Harald Preuß selbst, gemeinsam mit Gerd Gleß führt er die Marionetten auf der Bühne.

Seit sechs Jahren spielen sie die „Zauberflöte“ zusammen, und immer noch hat Harald Preuß vor jeder Vorstellung Lampenfieber. „Wir bewegen zu zweit alle Figuren, manchmal vier Puppen gleichzeitig.“ Papageno stolpert hektisch über die Bühne, Sarastro dagegen schreitet langsam und würdevoll, und manchmal muss der eine Puppenspieler zwischendurch noch schnell eine Figur des anderen übernehmen, wenn der gerade mit zwei anderen Rollen beschäftigt ist – Harald Preuß atmet erst einmal durch: „Da hat man immer etwas zu tun.“

Ganz aufhören? Geht nicht

Das ist stressig, kein Zweifel. Deshalb spielt Harald Preuß heute nicht mehr 300 Vorstellungen im Jahr. Mit 67 Jahren erlaubt er es sich, das Theater an manchen Tagen nicht zu öffnen, er spielt nur nachmittags oder abends, nach Gastspielen setzt er sich nicht mehr sofort ins Auto, sondern bleibt auch mal eine Nacht länger. Im September gibt es Theaterferien, wenn auch nur elf Tage, das muss reichen. Und in drei Jahren will er, nein, nicht ganz aufhören, aber „weniger spielen“.

Das alles macht er für sein Publikum, für die Kinder, die sich freuen, wenn sie dem bedrängten Held den Weg weisen können, wenn sie schon durchschaut haben, wer gut und wer böse ist. Und natürlich, das sagt er ganz offen, auch für sich selbst: „Ohne das Theater wäre mein Leben doch sehr arm.“

Mit Eltern ins Theater

Sein Publikum ist im Laufe der Jahre so eine Art Familie für ihn geworden. Dabei hat er es, anders als früher, oft mit mehreren Generationen zu tun: „Die Eltern begleiten die Kinder heute viel häufiger als früher“, hat er festgestellt. Sie freuen sich dann an der Freude der Kinder. Und manche freuen sich auch an der eigenen Erinnerung: Vor einem guten Jahr sei nach der Vorstellung eine Mutter auf ihn zu gekommen: Als sie sechs Jahre alt war, habe sie in seinem Theater „Aschenputtel“ gesehen. „Und dann sagte sie: Das hier ist meine Tochter, die hat es heute gesehen.“

Während die Sophienstraße vor der Tür kaum wiederzuerkennen ist, blieb bei Harald Preuß und seinem Puppentheater Firlefanz fast alles wie vor fast dreißig Jahren. Für die Kinder der Umgebung ist er längst eins geworden mit seinem Theater. Das merkt Harald Preuß immer, wenn er seinem Publikum auf der Straße begegnet. Amüsiert und stolz erzählt er, was die Kinder ihm dann zurufen: „Hallo, Herr Firlefanz!“