Kulturmacher

Ein Leben für die Puppen

Seit mehr als 30 Jahren leitet Sigrid Schubert das Figurentheater Grashüpfer. In dem Haus im Treptower Park erzählen die Puppenspieler Geschichten für Kinder – und Erwachsene

Ein inniges Verhältnis. So kann man das schon nennen, was Sigrid Schubert mit ihren Puppen verbindet, wenn man zusieht, wie sie die Prinzessin aus dem Regal nimmt. Das Kleid zurecht zupft, ihr die Haare aus dem Gesicht streicht und liebevoll „Na, du“ sagt. Die beiden haben eine lange gemeinsame Geschichte im Figurentheater Grashüpfer, das Sigrid Schubert vor mehr als 30 Jahren gegründet hat. „Die Prinzessin ist eine der ersten Puppen, die wir gemacht haben“, sagt Sigrid Schubert.

Mit dem Puppenmachen hat es angefangen. An ein Theater hat Sigrid Schubert damals noch überhaupt nicht gedacht. Sie wollte einfach nur die Gäste bei den Geburtstagspartys ihrer Kinder beschäftigen. Sie habe immer Spaß daran gehabt zu gestalten, sagt sie, „vorher habe ich gemalt, das Ergebnis hängt man sich im besten Fall an die Wand“. Dass man mit den Puppen mehr anfangen konnte, gefiel ihr, „und irgendwann habe ich gesagt: Einer muss doch mit denen spielen, dann mache ich es eben selbst“.

Einfach so. Studiert hatte sie „was Technisches“, aber an ihrem Arbeitsplatz im Rechenzentrum der Humboldt-Universität war sie damals in den 70er-Jahren offenbar nicht die einzige, die sich für Kunst und Theater begeisterte: Gemeinsam mit Kollegen studierte sie das erste Kinderstück ein und führte es bei der Weihnachtsfeier auf. So entstand eine kleine Gruppe – das Amateurpuppentheater der Ost-Berliner Uni.

Kleidung aus grünen OP-Laken

Sieht man sich heute an, wie es für Sigrid Schubert und die Puppen weiterging, erscheint es kaum vorstellbar, dass sie nach ein paar Jahren in der Gruppe ganz mit dem Theaterspielen aufhören wollte. „Vor 35 Jahren bin ich dort ausgestiegen, wir hatten uns auseinander entwickelt. Damals habe ich gesagt: Dann mache ich eben kein Puppentheater mehr.“ Natürlich wurde nichts daraus: Eines Abends saßen „junge Leute zu Hause in der Wohnstube“, Freunde der Tochter, die vorschlugen, gemeinsam weiterzumachen.

Ziemlich improvisiert war das Ganze am Anfang: Eine leer stehende Wohnung – „so etwas gab es ja in der DDR eigentlich gar nicht, aber eine junge Frau aus der Gruppe war gerade zu ihrem Freund gezogen“ – diente als Probenraum, die Puppenspieler trugen nicht wie üblich schwarze Kleidung vor einem schwarzen Vorhang, sondern Grün vor Grün: „Einer von uns arbeitete im Krankenhaus und brachte alte OP-Laken mit, daraus haben wir die Kleidung für uns Puppenspieler geschneidert.“ Die grüne Kleidung ist längst verschwunden, aber sie hat unauflösliche Spuren hinterlassen: Ihr verdankt das Theater den Namen. „Wir liefen damals vor einem Auftritt in unserer grünen Kleidung über eine Wiese und als die Kinder uns sahen, riefen sie: ‚Da kommen die Grashüpfer‘.“

Die „jungen Leute“ aus der Gruppe kamen und gingen, Sigrid Schubert blieb dabei. Als sie richtig offiziell ein Amateurtheater aufbauten, dessen Miete der Bezirk Friedrichshain zahlte. Und auch als der Bezirk kurz nach der deutschen Wiedervereinigung den Mietvertrag kündigte. Sigrid Schubert und die anderen Grashüpfer gründeten einen Verein und machten einfach weiter.

1997 zogen sie in ein Gebäude des Bezirksamts im Treptower Park, den ehemaligen Transitshop, in dem West-Touristen zu DDR-Zeiten ihre Devisen ausgeben sollten. Im anderen Teil des Flachbaus arbeitet das Grünflächenamt, vor der Tür sind Jogger und Spaziergänger unterwegs. „Für Kinder ist das ideal“, findet Sigrid Schubert, „die können einfach rausrennen, ohne Angst vor Autos“. Überhaupt könne das Theater für die Kindervorstellungen kaum günstiger liegen, der S-Bahnhof ist nur 500 Meter entfernt, aus Neukölln, Kreuzberg und Treptow kommen die Kitagruppen und Schulklassen zu Fuß.

Neun verschiedene Gruppen treten bei den Grashüpfern auf, auch Sigrid Schubert spielt selbst. Es gibt Stücke, die schon Kleinkinder verstehen, Programm für Kinder ab vier, Aufführungen für ältere Kinder. Eine Dreiviertelstunde schauen sie zu, danach wird in dem hellen Nebenraum gebastelt. An den Wochenenden sind oft Geburtstagsgruppen im Figurentheater Grashüpfer, basteln und spielen mit der Prinzessin und den anderen Puppen, die extra für die Kindergeburtstage gemacht wurden.

An zwei oder drei Abenden in der Woche gibt es „Märchen am Feuer“. Angefangen habe es mit einem Märchenangebot am Freitagvormittag – bei dem es aber kaum Zuhörer gab. „Zu den Märchenabenden kommen sie“, sagt Sigrid Schubert , „weil es so stimmungsvoll ist, in der Jurte im Garten zu sitzen und den Erzählern zuzuhören, wenn sie von Königen und Drachen, Elfen und Prinzessinnen erzählen.“

Ein Rückzug wird schwierig

Eigentlich würde Sigrid Schubert gern noch mehr Abendvorstellungen im Theater anbieten. Aber weil die Räume so klein sind, geht nicht beides an einem Tag, sonst kämen sich Kinder- und Erwachsenenprogramm bei Ab- und Aufbau in die Quere. Außerdem erweist sich die Lage im Park abends eher als Nachteil – manchmal kommen einfach zu wenig Zuschauer, so dass die Einnahmen nicht einmal für das vereinbarte Mindesthonorar reichen.

Überhaupt, das Geld. Bei denjenigen, die über Fördermittel entscheiden, seien Kinder nicht sehr im Fokus, seufzt Sigrid Schubert. Die Unterstützung, die sie bekommen, reicht gerade eben so, um die Grashüpfer am Leben zu halten. Aber wie lange noch? Sigrid Schubert ist 74 Jahre alt, natürlich denkt sie auch mal daran, sich irgendwann aus dem Theater zurückzuziehen. Aber jemanden zu finden, der unter den gleichen Bedingungen dort arbeitet wie sie, ist wohl eine aussichtslose Aufgabe. Sigrid Schubert lebt von ihrer Rente, der Einsatz für die Grashüpfer ist ein Ehrenamt. Zugleich aber ist es für sie viel mehr als nur eine Aufgabe: „Das Theater“, sagt sie, „das ist doch mein Kind, mein Leben.“