„Static Time“, die mit Spannung erwartete erste Kreation von Nacho Duato fürs Staatsballett Berlin, erfüllt leider alle Erwartungen. Sie waren nicht hoch: Schon vor dem Amtsantritt des spanischen Choreographen 2013 hieß es, Duato habe den Zenith seines Schaffens überschritten. Und wo bleibt die künstlerische Vision fürs Staatsballett? fragte man sich seither vergebens. Duato nannte seinen zögerlichen Start Besonnenheit. Nun erst, gegen Ende seiner ersten Spielzeit am Staatsballett, wagte er mit dem Halbstünder „Static Time“ im Rahmen des dreiteiligen Abends „Duato | Kylián“ den eigentlichen Neustart mit seinem Ensemble. Und zu sehen ist: ein Stück abgeschmackten, unausgegorenen Manierismus.
Im spärlich lichtbestreiften Bühnendunkel lässt Duato der kinetischen Skulptur von Jaffar Chalabi den Vortritt: Wie ein gigantisches Passepartout klappt der schwarze Bühnenhintergrund nach vorne, dreht sich um mehrere Achsen und verkantet sich zu einem dreidimensionalen Kreuz. Vor dieser Kulisse agieren fünf Tänzer und drei Tänzerinnen in wechselnden Konstellationen. Jäh im Trio oder Quartett über die Bühne stiebend, verknäulen sie sich zu zahllosen Hebefiguren. Glieder zucken unkontrolliert, Körper sacken gen Boden, Arabesquen knicken schräg weg – ein Gezappel, als würde einem Trupp Marionetten am falschen Faden gezogen. Die Motivation der abrupten Bewegungsführung erschließt sich nicht, man gewinnt den Eindruck übertrieben gewollter Mikrostörungen im eigentlich klassischen Grundduktus.
Eine rätselhafte psychologische Regung
In diese wenig geglückte abstrakte Ebene von „Static Time“ schaltet sich zudem ein narrativer Strang, den man nur als Liebeskampf interpretieren kann: Arshak Ghalumyan als dominant-distinguierter Älterer drangsaliert sein jüngeres Objekt der Begierde (Dominic Hodal). Anziehung und Abstoßung wechseln in schöner Regelmäßigkeit, meistens initiiert von der sadistisch geneigten ‚Figur‘ des Ghalumyan: Da schlitzt er den eben noch Umhalsten gestisch auf wie mit einem Messer oder wirft ihm sein Jackett als Folterkapuze über den Kopf. Doch wieso sitzt der Peiniger dann auf dem Hinterteil seines Opfers und senkt verzweifelt den Kopf in die Hände? Eine rätselhafte psychologische Regung.
Verstünde man diese Binnennarration als eine der „sehr persönliche(n) Fragen, die Nacho Duato in seinen Choreographien beschäftigen“, wie es im Programmheft heißt, dann müsste man fürchten, dass der Staatsballett-Intendant gerade eine tiefe persönliche Krise durchleidet. Brüchiges ragt in Harmonisches, in Bewegung, Bühnenbild wie Musik, ohne dass diese Kontraste nachvollziehbaren Sinn ergäben. Pedro Alcalde und Sergio Caballero haben drei kammermusikalische Sätze von Mozart, Rachmaninow und Schubert mit erratischen elektronischen Violinklängen umhäkelt – eine ehrgeizige Montage, die Duato choreographisch eisern ignoriert.
„Bravi“ rauschen erst nach seinem „White Darkness“, mit dem der Abend schließt – nachdem man sich an der weitgehend stringenten abstrakten Arbeit „Click-Pause-Silence“ erfreuen durfte, die Duatos früherer Mentor Jiří Kylián dem Staatsballett übereignet hat. Dabei ist auch Duatos „White Darkness“ aus dem Jahr 2001 ein formal wie inhaltlich wenig überzeugender, allerdings trotz Drogenthematik leicht konsumierbarer 25-Minüter. Das um ein, zwei Jahrzehnte verjüngte Publikum goutiert's, sogar ein sehnsuchtsvoller „Nacho!“-Ruf verklingt. Wenn das nicht der Freibrief für Duato ist, weiterhin seine choreographische Backlist auf die Berliner Bühnen zu hieven.
Elena Philipp





