Staatsballett Berlin

"Die Tänzer wollten, dass der Streik richtig weh tut"

Nach dem Ausfall von „Dornröschen“ am Karfreitag ist es offenkundig: Im Staatsballett Berlin gärt es. Die Tänzer organisieren sich. Und die Fronten zwischen Verdi und dem Staatsballett sind verhärtet.

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Georg Vierthaler erhält den Anruf gegen 18.15 Uhr. Am Karfreitag ist er mit der Familie draußen auf dem Land in der Schorfheide. Um 19.30 Uhr hätte die Vorstellung von "Dornröschen" in der Deutschen Oper beginnen sollen. Verdi hat gerade zum Warnstreik "von 18.30 Uhr bis 0.00 Uhr" aufgerufen. Nach kurzem Überlegen fährt er zurück nach Berlin. Im Auto beginnt das Krisenmanagement. Vierthaler ist Generaldirektor der Stiftung Oper in Berlin, dem auch das Staatsballett angehört, und zugleich Geschäftsführer des Spitzenensembles. Die Abendvorstellung fiel dem Streik der Tänzer zum Opfer. 1800 Besucher wurden nach Hause geschickt. Viele waren verärgert.

Nach den Feiertagen wurden am gestrigen Dienstag die Scherben zusammengekehrt. Vierthaler, der Herr der Zahlen, muss den Verlust vom Freitag auf 90.000 Euro konstatieren. Es sind die Gagen für Gastkünstler und die Einnahmeverluste. Die Gewerkschaft hat sich eine Festtagsveranstaltung ausgesucht. "Sicherlich wollten viele Touristen in die Vorstellung", so Vierthaler: "Der Streik grenzt schon an eine große Provokation."

"Das wollten die Tänzer", sagt Sabine Schöneburg, "sie wollten, dass der Streik richtig weh tut." Die Verdi-Gewerkschafterin ist für Theater und Bühnen zuständig. Irgendwie hat es Sabine Schöneburg schon überrascht, wie selbstverständlich die Tänzer mit vor die Tür der Deutschen Oper gegangen sind, um dem Publikum ihre Position zu erklären. Das seien keine leichten Gespräche gewesen, sagt sie, teilweise seien sie auch beschimpft worden.

Haustarifvertrag gefordert

Es ist bereits der dritte Streik der Tänzer. Zunächst gab es im Januar eine einstündige Arbeitsniederlegung, dann wurde just zur Jahrespressekonferenz des Intendanten Nacho Duato im März eine Probe abgesagt. Das war aber noch reine Symbolik nach innen. Jetzt ist es für Außenstehende offenkundig: Im Staatsballett Berlin gärt es.

Auf den ersten Blick hat es, wie immer, wenn Gewerkschaften im Spiel sind, mit Tarifen und Arbeitsbedingungen zu tun. Verdi will Verhandlungen erzwingen, um die Berliner Tänzer vom geltenden Flächentarifvertrag in einen Haustarifvertrag zu überführen. Der Forderungskatalog liegt seit Längerem auf dem Tisch. Darin geht es um nachvollziehbare Gagenstaffelung, Arbeitszeit, freie Tage, Ruhezeit, Gastierurlaub oder auch Gesundheitsschutz.

Ein wunder Punkt ist die Gagenpolitik bei den Solisten. Georg Vierthaler sagt kopfschüttelnd, die Gewerkschaft fordere "eine transparentere Gagenstruktur". Das aber tut Sabine Schöneburg gar nicht. Sie verweist darauf, dass die "Mindestvergütung stehen muss". Überhaupt sei das Gagengefüge sehr heikel. Beide wissen, dass der jeweils amtierende Ballettintendant subjektive Freiräume haben muss, um sich gute Solisten verpflichten zu können. Aber genau dieses Sonnenkönig-System sorgt im Inneren des Staatsballetts seit Jahren für Neid und Unverständnis. Nicht zuletzt, weil der russische Tanzzar und Staatsballett-Gründungsintendant Vladimir Malakhov ein ausgefeiltes Günstlingssystem vorgelebt hat.

Es gibt zu viele Heimlichkeiten

Bei Malakhov konnte man vom Gruppentänzer (mit Normalvertrag Bühne Tanz) zum Solotänzer und Ersten Solotänzer (mit Normalvertrag Bühne Solo) befördert werden. Darüber hinaus hat er den Zwischentanzadel Demi-Solist (bereits mit Solo-Vertrag) in Berlin eingeführt. Gruppentänzer haben fest gestaffelte Bezüge, das Einstiegsgehalt liegt derzeit bei rund 3250 Euro. Solisten werden frei verhandelt. Irgendwie scheinen sich viele im Ballett ungerecht behandelt zu fühlen, es gibt zu viele Heimlichkeiten im Ballettsaal. Vierthaler hält das System für eine Fehlentwicklung, auch, weil sich die Demi-Tänzer "einer multifunktionalen Verwendung ausgesetzt sehen". Mal müssen sie als Gruppentänzer agieren, mal als Solisten. Malakhovs Nachfolger Nacho Duato erwäge, so Vierthaler, sich von dem System zu verabschieden.

Etwa vor einem Jahr, also genau in Malakhovs Abschiedsphase hinein, sind die meisten Tänzer bei Verdi Mitglied geworden. Sabine Schöneburg sagt, bei 72 angestellten Tänzern würden 70 zu Verdi gehören. Sie hält das für einen klaren Verhandlungsauftrag, wohingegen Vierthaler glaubt, Verdi wolle nur seinen Einflussbereich auf die künstlerischen Angestellten der Opernstiftung ausweiten. Bislang wird mit zwei altvertrauten Künstlergewerkschaften verhandelt. Mit Verdi will man jedenfalls nicht reden. Sabine Schöneburg meint, es sei an der Zeit, dass sich "die Politik mit einschaltet". Weitere Streiks liegen also in der Berliner Luft, zumal sich gerade auch im Ballett am Friedrichstadtpalast ein ähnlicher Konflikt aufbaut.

Nacho Duatos schwerer Einstieg

Der Spanier Nacho Duato ist seit August 2014 Intendant des Staatsballetts. Malakhovs Nachfolger hat einen rundum schweren Einstieg. Und möglicherweise wird er am Ende das Bauernopfer dieses Konflikt sein. Am vergangenen Mittwoch ist er in einer Ensembleversammlung den Forderungskatalog durchgegangen und hat seinen Tänzern einiges versprochen. Die Tänzer applaudierten am Ende. Am Freitag wurde sein "Dornröschen" bestreikt. Mehr Zurückweisung geht nicht.

Seine Stellvertreterin Christiane Theobald – sie ist so etwas wie die Mutter des Staatsballetts – hat die Streikmitteilung kurz nach 18 Uhr auf den Tisch bekommen. Sie war entsetzt. Sie habe großes Verständnis für viele der Punkte, sagt sie. Theobald sagt, dass "die Arbeitsbedingungen gemessen an anderen Ensembles der Republik hervorragend sind". Nur gut betreute Tänzer können das beste Ergebnis bringen. In dieser Woche soll es ein weiteres Gespräch mit den Tänzern geben. "Was wir intern klären können", so Theobald, "das sollten wir auch tun. Das wird direkt spürbar." Schwer zu sagen, ob es den nächsten Streik verhindert.

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