Deutsche Oper

Romeo und Julia schmachten bis zum bitteren Ende

Die Berliner Choreografin Sasha Waltz zeigt Hector Berlioz „Romeo et Juliette“ an der Deutschen Oper. Es ist eine Produktion mit unendlicher Schönheit und makabrem Witz. Die Premiere wurde gefeiert.

Foto: dpa/Stephanie Pilick / pa

Was für ein Pas de deux: Romeo und Julia, vereint in schwerelosem Verlangen, umschlungen in unendlicher Schönheit. Eine Viertelstunde pure Hingabe an die Liebe, voller erotischer Reibungen und zärtlicher Berührungen. Schon einmal hatte Sasha Waltz diese süchtig machende „Scéne d’amour“ aus Hector Berlioz‘ „Roméo et Juliette“ nach Berlin gebracht – vor anderthalb Jahren, im Zuge ihres gefeierten „Sacre du printemps“ an der Staatsoper. Nun endlich gibt sie ihre gesamte Berlioz-Choreografie preis. Diesmal ein paar hundert Meter weiter an der Deutschen Oper.

Es ist die unveränderte Fassung der Pariser Aufführung von 2007 und trotzdem eine große Premiere: Zum ersten Mal setzt Sasha Waltz vollständig auf Tänzerinnen und Tänzer ihrer eigenen Compagnie. Ein Glücksfall für Berlioz, ein Glücksfall für seine „Symphonie dramatique“, jene so seltsam unfertige Mischung aus Programmmusik, Chorsinfonie und Operngesang. Sasha Waltz triumphiert über dieses Werk. Sie wertet die Partitur auf, überspielt und übertanzt Untiefen, ebnet musikalische Holprigkeiten.

Kollektive Tanzwellen

Dieser Berlioz, so scheint es, braucht das Visuelle heutzutage mehr denn je. Dass der Franzose recht eigenwillig in der Chronologie der Ereignisse kreist, kommt Sasha Waltz entgegen. Dass bei Berlioz das Liebespaar die ganze Zeit stumm bleibt, noch mehr. Auch dass die Partitur kaum prägnante musikalische Bögen spannt, kann als Vorteil gelten: Umso freier entfaltet sich die Dynamik kollektiver Tanzwellen und individueller Virtuosität.

Dankbar hält sich das Auge am schlüssig abstrakten Bühnenbild fest. Zwei übereinanderliegende, verkantete weiße Ebenen symbolisieren die verfeindeten Montagues und Capulets. Im Laufe des Abends öffnet sich das Konstrukt wie eine Muschel, erzeugt hohe Winkel, gefährliche Schrägen. Von dem Zeitpunkt an, als Julia den Schlaftrunk zu sich genommen hat, ziehen unheilvolle schwarze Striemen von oben herab.

Mit asiatischen Handkantenschlägen

Sasha Waltz nutzt diese statische Skulptur als seriöses Gegengewicht zu ihrer hochemotionalen, streckenweise sehr spielerisch anmutenden Choreografie. Hass und Brutalität spart sie im Tanz weitestgehend aus, ebenso wie Berlioz zu Beginn seiner Symphonie. Die erbitterten Kämpfe der Montagues und Capulets wirken wie illustre Kabbeleien, inklusive asiatischer Handkantenschlägen, sportiver Luftsprünge und artistischer Bodenrollen.

Nach der erzwungenen Versöhnung beider Familien und einer obligatorischen Fressorgie folgt der abstruser Abgang der Feiernden: spastisch zuckend, verdrehte Gliedmaßen, roboterartiger Gang. Auch beim Leichenzug der Julia erwartet das Publikum unterhaltsame Kurzweil: Quietschend wird der vermeintliche Leichnam auf dem Boden geschleift, von einem zum anderen gereicht, mal über die Schulter geworfen, dann auf mehreren Händen durch die Luft getragen. Es ist ein eigenartiger Humor, den Waltz in dieser Szene pflegt. Ein Humor, hart an der Grenze des guten Geschmacks. Als suche Waltz nach einer Möglichkeit, die wuchtigen Schrecken des anschließenden Todeskampf der Liebenden zu mildern. Als wolle sie dem Publikum kurz zuvor zurufen: Seht her, es ist nur ein Spiel.

Verschnupftes Orchester

Mehr Arbeit als Spiel tönt dagegen aus dem Orchestergraben. Donald Runnicles, der Generalmusikdirektor des Hauses, dient dem Bühnengeschehen stets routiniert und uneigennützig. Er hält das etwas verschnupfte Orchester der Deutschen Oper mit breiter Hand zusammen. Den gesamten Abend kommt nicht der geringste Zweifel auf: Die Choreografie steht im Vordergrund, sie ist die Hauptattraktion. Allen voran Yael Schnell als selbstbewusste Julia und Joel Suárez Gómez als schmachtender Jüngling Romeo.

Deutsche Oper, Bismarckstr. 35, Charlottenburg. Tel. 34384343. Termine: 20., 22., 28., 29.4.; 2.5.