Film

Katja von Garnier fühlt sich zu Rebellen hingezogen

Katja von Garnier lässt ihrem Erfolgsfilm „Ostwind“ eine Fortsetzung folgen. Noch immer pendelt die Regisseurin zwischen den USA und Deutschland. Den Traum von Hollywood hat sie sich nicht aufgegeben.

Foto: Massimo Rodari

Mit „Abgeschminkt“ war Katja von Garnier gleich die ganz große Durchstarterin. Ihr Abschlussfilm war 1993 ein Sensationshit im Kino. Und ebnete nicht nur der Regienovizin den Weg, sondern auch den Darstellerinnen Katja Riemann und Nina Kronjäger. Mit „Bandits“ hat sie diesen Erfolg 1997 noch mal übertrumpft. Danach ging sie aber in die Staaten, wo sie nicht so stark reüssierte. Vor zwei Jahren kam sie nach Deutschland zurück, um einen Jugend- und Pferdefilm zu drehen, „Ostwind“. Nächsten Donnerstag kommt bereits der zweite Teil ins Kino, wieder von ihr inszeniert. Wir treffen die 48-Jährige im Sofitel-Hotel, sie kommt direkt von der Premiere aus München. Sie erscheint ganz entspannt und locker, in Jeans und Hemd. Schnell einen Milchkaffee bestellt, mit laktosefreier Milch, dann kann es losgehen.

Berliner Morgenpost: Frau von Garnier, können Sie mir, als Mann, einmal erklären, was es mit den Mädchen und den Pferden eigentlich auf sich hat? Das hab’ ich schon in der Schule nie verstanden.

Katja von Garnier: (lacht) Das kann ich Ihnen auch nicht sagen. Ich kann nur sagen, wie das bei mir war. Ich habe als Teenager wahnsinnig viel Zeit mit Pferden verbracht. Sie symbolisieren ja so eine Kraft, Freiheit und auch Wildheit.

Haben Sie auch all die Pferdebücher gelesen, hatten Sie Pferdeposter an der Wand?

Mit Postern hatte ich es nicht so. Ich war einfach viel bei denen draußen. Das war auch ein Ort des Trostes. Ich bin geritten, ich habe auch Voltigier-Turniere mitgemacht, auch wenn ich diesen ganzen Zirkus heute eher kritisch sehe. Da gab es übrigens auch Jungen in meiner Gruppe.

Aber die waren bestimmt in der Minderheit.

Das stimmt, ja. Ich kann nur sagen, dass es mir immer besser ging, wenn ich bei den Pferden war. Die machen was mit einem. Ich fühl mich dann friedlicher. Ich glaube, Pferde bringen uns unsere Seelen näher.

Können Sie sich noch erinnern, wann Sie das erste Mal auf dem Sattel saßen?

Nein, das ist wirklich sehr lange her.

Sie sind, das haben Sie einmal gesagt, mit Hunden und Pferden aufgewachsen, „wie Pippi Langstrumpf“. Klingt idyllisch.

Wir haben einfach nah am Feld gewohnt. Ich bin dann viel in die Wälder geritten, mit den Hunden. Die Pferde, das war ein absoluter Rückzugsort. Und zugleich auch ein Ort der Gemeinschaft. Die Leute vom Pferdehof und aus der Voltigier-Truppe.

Sie waren damit als Regisseurin der ersten „Ostwind“-Verfilmung vor zwei Jahren ideal.

Ja, das war irgendwie eine doppelte Heimkehr. Einmal zurück nach Deutschland. Und dann auch zurückkatapultiert in die eigene Kindheit.

Da liegt die Frage natürlich nah: Wie viel von Mika, der Hauptfigur, steckt denn in Ihnen?

Gute Frage. Das hat auf jeden Fall mit mir zu tun, nicht nur mit meiner Jugend. Ganz allgemein fühle ich mich aber, ganz schlicht als Rezipient, in Filmen immer zu Rebellen hingezogen. Leute, die aufbegehren, die gegen Konventionen verstoßen, Grenzen, die gesprengt werden, damit kann ich mich total identifizieren. Das resoniert stark in mir, und ist in „Ostwind 2“ auch wie so ne Bassdrum.

Wird es dann auch noch „Ostwind 3“ und „Ostwind 4“ geben?

Das wissen wir doch jetzt noch nicht! Ich bin wirklich erst vor ein paar Tagen mit dem Film fertig geworden, ganz knapp vor der Premiere in München. Das hatte ich so auch noch nie. Jetzt freue ich mich erst mal, den zeigen zu können. Alles andere wird man dann sehen.

Eine alte Filmregel besagt: Drehe nie mit Kindern oder Tieren, da weiß man nie, was passiert. Sie haben gleich beides gemacht. Ist das doppelt schwer?

Naja, manche Regeln sind halt Quatsch. Die Herausforderung bei Kindern ist auf jeden Fall, dass die nur eine bestimmte Anzahl an Stunden pro Tag drehen dürfen. Da muss man sich was einfallen lassen, wenn man eine Einstellung aus verschiedenen Perspektiven drehen will. Und Tiere sind halt unvorhersehbar. Selbst trainierte und filmerprobte Tiere machen nicht immer das, was man möchte. Du willst eine Herde Pferde durch ein Dorf galoppieren lassen, dann zischen die aber kurz davor durch eine Ritze ab und sind dann erst mal weg. Stunden später hast du sie dann wieder gefunden. Du musst da generalstabsmäßig vorbereitet sein und zugleich ganz spontan, ganz flexibel sein. Es gab aber auch Szenen, wo die Pferde nicht das gemacht haben, was sie sollten, und das war am Ende das viel bessere, interessantere, frischere Material.

War das auch ein Anreiz zu für den Film, weil man dann mit der Familie auf dem Pferdehof lebt? Freut sich da die ganze Familie, wenn Mami dreht?

Es ist natürlich toll, wenn du deine Kinder bei der Arbeit dabei haben kannst. Beim ersten Teil haben wir alle auf dem Pferdehof gewohnt, das war ein traumhafter Ausnahmezustand. Nach dem Aufstehen erst mal eine weiche Pferdenase zu streicheln, das ist schon was Besonderes. Beim zweiten war meine Tochter auch wieder dabei. Mein Sohn ist jetzt aber schon ein bisschen älter, der hat in der Zeit schon was Abenteuerlicheres mit einem Freund gemacht. Grundsätzlich ist das für beide aber toll, in der Natur zu sein. Das kennen Stadtkinder ja gar nicht mehr.

Was ist schwerer zu inszenieren? Pferde oder Altrocker wie die Scorpions?

Gute Frage. Altrocker, würde ich sagen. Pferde haben eine natürliche Losgelassenheit, die man bei Altrockern erst rauskitzeln muss. (lacht) Nein nein, ist nur Spaß. Das ist überhaupt nicht zu vergleichen. Das war eine ganz andere Welt. Aber lustig, dass ich die Scorpions-Doku zwischen den Ostwind-Filmen gemacht habe. Musik und Film zusammenbringen, das ist für mich immer das Größte, nicht erst seit „Bandits“. Die Musikebene ist mir bei allen Filmen immer ganz wichtig. Ein Musikfilm zu machen war da eigentlich ganz organisch. Und bei den Scorpions spielt dann noch mit, dass ich einen wahnsinnigen Respekt davor habe, was sie erreicht haben. Leider wird ihnen in Deutschland ja nicht so ganz der Respekt gezollt. Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie schwierig es für einen deutschen Künstler gerade in den USA ist. Auf so einem Level erfolgreich zu sein, haben viele für unmöglich gehalten.

Ist das auch ein verbindendes Element? Sie sind nach „Bandits“ ja auch nach Amerika gegangen.

Auf jeden Fall. Das hat etwas gedauert, bei den Bandmitgliedern durch die antrainierte Schutzhülle zu kommen. Aber beide Welten zu kennen, sich mit Deutschland verbunden zu fühlen, sich aber trotzdem nach was anderem auszustrecken und versuchen, beides zu verbinden, damit kann ich mich auch identifizieren.

Sie haben in Ihrer Zeit in den USA nur zwei Filme gedreht...

Das hat aber nichts mit den Staaten zu tun. Ich hab auch bei den deutschen Filmen immer lange Phasen dazwischen gehabt. Ich brauch wohl einfach ein bisschen länger. Ich habe in der Zeit aber auch zwei Kinder bekommen.

Hatten Sie sich mehr Filme erhofft?

Ich muss halt das Richtige finden. Nur irgendetwas drehen, nur um zu arbeiten, auch wenn das dann gar nichts mit mir und mit meiner Kultur zu tun gehabt hätte, das wollte ich auch nicht.

Ihre amerikanischen Filme, „Alice Paul“ und „Blood and Chocolate“, sind hierzulande kaum wahrgenommen worden. Tut das weh, wenn der Name im eigenen Land nichts gilt?

Das stimmt ja so nicht. Aber natürlich hätte mich das gefreut, wenn man die auch hier hätte sehen können. Vor allem auf den ersten bin ich wirklich stolz, da ging es um zwei junge radikale Frauen in den USA, die für das Wahlrecht für Frauen gekämpft, die vor dem Weißen Haus demonstriert haben und dafür ins Gefängnis kamen. Das ist eine sehr inspirierende, wahre Geschichte. Ich fühlte mich bei dem Thema sehr zuhause, dem Rebellieren gegen einen absurden Ist-Zustand. Und drüben war der Film ja auch sehr erfolgreich, Anjelica Huston hat dafür nach elf Nominierungen endlich einen Golden Globe bekommen, Hilary Swank und der Film waren auch nominiert. Das war ein großer Glücksmoment. Ich kriege das alles erst jetzt so in Gesprächen mit, dass diese Zeit, die für mich wahnsinnig wichtig war, hier irgendwie abhanden ist, wie eine Lücke.

Das einzige, was man hier mitbekam aus dieser Zeit, stand in der Yellow Press und drehte sich um Sie und Brad Pitt...

Die Globes hat man hier, glaube ich, schon mitbekommen.

Was macht eigentlich Ihr US-Remake von „Bandits“?

Das liegt in den Händen von Warner Brothers.

Sie haben zuletzt zwischen den Staaten und Deutschland gependelt. Wie ist das jetzt, haben Sie sich Amerika abgeschminkt?

Für den ersten „Ostwind“-Film sind wir für eine Zeitlang hierhergezogen. Dann waren wir wieder ein Jahr in Amerika. Jetzt sind wir erst mal wieder hier. Ich versuche grundsätzlich schon, dass das, was ich da aufgebaut habe, nicht versandet. Das ist für mich kein Entweder Oder. Am schönsten wäre es natürlich, ein halbes Jahr hier, ein halbes Jahr dort. Das geht aber schon wegen der Schule nicht. Wie man da eine Balance kriegt, daran bastele ich noch.

Ihr Mann Markus Goller ist auch ein Kollege. Wie ist das, wenn zwei Leute im Haus Regie führen?

Bisher ging sich das super aus. Wir haben immer geguckt, dass nicht beide gleichzeitig gedreht haben. Das wäre für die Kinder nicht so gut gewesen. Es sei denn, dass sie, wie bei „Ostwind“, beim Dreh mit dabei sein konnten. Super ist natürlich, dass man sich wahnsinnig gut beraten kann. Film ist eine ganz eigene Welt, das kann man einem Außenstehenden vielleicht gar nicht so vermitteln. Aber morgens beim Frühstück geht es doch eher darum, wer die Kinder in die Schule bringt und ob die Lunchbox gepackt ist.

Noch eine ganz andere Frage. Wie stehen Sie, als Rebellierende, zu der Initiative Pro Quote, die mehr Frauen im Deutschen Film fordert?

Grundsätzlich finde ich, dass immer der Beste den Job machen sollte. Egal ob Mann oder Frau. Aber wenn man sich mal die Statistiken anschaut, die der Initiative zugrunde liegen, wie viele Frauen Film studieren und wie wenige dann wirklich Regie führen, das ist wirklich erschütternd. Da klappt mir die Kinnlade runter. Da ist was nicht okay, das muss auch beleuchtet werden. Und da muss auch eine Lösung gefunden werden.

Foto: Constantin Film