Konzert in Berlin

Calexico in Neukölln zwischen Routine und Zeitlosigkeit

Die US-amerikanische Band spielte im Heimathafen Neukölln ihre neue Platte „Edge of the sun“ fast in voller Länge. Doch erst in der zweiten Hälfte des Konzerts läuft Calexico warm.

Foto: Britta Pedersen / dpa

22.05 Uhr: Calexico lassen auf sich warten. Nach den Barr Brothers, der tollen Vorband des Abends, ruhen nun schon eine ganze Weile sieben Gitarren in ihren Halterungen, das Schlagzeug schimmert im Licht, Stapel schwarzer Handtücher sind über die Bühne verteilt.

Es ist also noch Zeit für eine kurze Frage: Kann man als Band eigentlich seinen Stil zu früh gefunden haben? Und dann versucht man mit jeder neuen Platte, ihm zu entkommen, immer weitere musikalische Einflüsse zu integrieren – nur um am Ende doch wieder wie man selbst zu klingen? Ein bisschen scheint es, als ginge es Calexico so.

Benannt nach einem Grenzort zwischen Kalifornien und Mexiko, der die Verschmelzung der beiden Länder – wir wissen: eine Utopie – im Namen trägt, haben sie gleich Mitte der 90er-Jahre ihre Melange aus Folk, Wüstenrock und Mariachi-Elementen gefunden und auf dem zweiten Album, „The Black Light“, perfektioniert. Seither sind Calexiko sozusagen ihre eigenen Klassiker: Egal, was sie anfassen, es klingt nach Calexico.

22.07 Uhr: Wie Sänger Joey Burns auf der Bühne steht – Army-Haarschnitt, blaues Cowboyhemd, Windjacke – könnte er der gemäßigt republikanische Bürgermeister irgendeines Kaffs in Arizona sein. Sehr freundlich, auf eine präzise Art locker, dabei ein wenig routiniert singt er sich durch die ersten Stücke.

Alles steht und fällt mit der Qualität der Songs

Calexico spielen ihre neue Platte „Edge of the sun“ fast in voller Länge. Es gibt breit angelegte Schunkelhymnen voller Trompeten und Akkordeons. Es gibt einen Hauch von Discobeat mit klackernder Percussion, Drummaschinen und wackligem Piano. Es gibt schläfrigen Highwayrock, zum Immer-weiter-geradeaus-Fahren. Und es gibt diese großen Melodieaufschwüngen, mit strahlenden Bläsern unterlegt. Manchmal ist das großartig, manchmal bloß ein Trick, um Ergriffenheit zu produzieren.

Wenn man so gut abgehangen ist wie Calexico, steht und fällt ohnehin alles mit der Qualität der Songs. Bei denen, die wie Outtakes früherer Jahre klingen, helfen die besten Klatsch-Aufforderungen nichts, da erntet die Band in Berlin nur Standardbegeisterung. Auch Gitarrist Jairo Zavala sieht hin und wieder aus, als würde er gerne mal einen eckigeren Beat spielen. Bei den guten Stücken aber, die daherkommen, als geschähe all das in diesem Moment zum ersten Mal, und man darf dabei sein, ist es mitreißend, rau und groß.

Arrangements werden sperriger, die Sounds geisterhafter

23.10 Uhr: Im Neuköllner Heimathafen zu spielen, fühle sich an, als reise man in der Zeit zurück, sagt Burns. Und er hat recht: Der goldene Stuck, das Parkett des alten Rixdorfer Tanzsaals passen hervorragend zur stilvollen Nostalgie der Band. Das Ganze ist dadurch aber auch eine recht konservative Veranstaltung. Ein arg kuscheliges Einverständnis herrscht zwischen Musikern und Publikum, die ungefähr im selben Alter sind und gerne mal dieselben Hemden tragen.

Erst in der zweiten Hälfte des Konzerts läuft Calexico warm. Bei „Maybe on Monday“, einem Stück über die Unmöglichkeit, Liebeslieder zu schreiben, wenn die Liebe nicht mehr da ist, sitzt plötzlich alles an seinem Platz: druckvoll, klar, kompakt. Da ist sie, die Balance zwischen archetypisch und routiniert, zwischen bekannt und zeitlos. Die Arrangements werden sperriger, die Sounds geisterhafter.

Bei „Black Heart“, einem paranoiden, lärmigen Klagegesang, sind wir endgültig angekommen im Kopfsoundtrack. Joey Burns schlägt sich im Takt mit der Faust aufs Herz. Die Menge klatscht mit. Ein Western flimmert in uns, traurig und brutal. Skript, Stars und Score: Calexico.

23.55 Uhr: Mitten im Saal feiert ein einzelner, schon etwas älterer Punk mit rudernden Armen, als gebe es kein Morgen.