Konzert in Berlin

Paul Weller applaudiert im Admiralspalast seinem Publikum

Paul Weller spielt in Berlin Rock pur, aber kein innovatives Element. Doch so viel Jubel gab es seit drei Berliner Konzerten nicht mehr. Weller gibt drei Runden Zugaben und applaudiert dem Publikum.

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In dieses Konzert gingen Fans in Begleitung großer Angst. Es stand zu befürchten, dass Paul Weller, der würdevoll ergraute Leitwolf des britischen Pop-Songwritings endgültig vom rechten Weg abgekommen ist. Nach seinen letzten Auftritten in Berlin hatten Ohrenzeugen von endlosen Gitarrensoli berichtet, von Rocklastigkeit und Song-Jams, die sich so lang anfühlten wie ein ganzes Woodstock-Wochenende. Die Vorfreude auf die Show im Admiralspalast lag bei vielen Zuschauern also eher im Bereich „Zahnarztbesuch“.

Das nächste Album wird „Saturn‘s Pattern“ heißen und wurde von der Single „White Sky“ angekündigt, die in der treuen, aber mehrheitlich pop-konservativ eingestellten Anhängerschaft des Briten Reaktionen auslöste, die sich zwischen Schock und blankem Entsetzen bewegten. Auf dem Paul Weller Forum von Rockmagazin Rolling Stone etwa hieß es: „Traurig wenn eine Weller-Single nicht sofort hängenbleibt sondern eher Fassungslosigkeit auslöst.“ Ein anderer Fan erklärte: „Ich glaube eine lange, gemeinsame Zeit geht zu Ende. Schade“.

Im Admiralspalast ist es nicht übermäßig voll

Live macht Weller vom ersten Ton an klar, wie tief ihn derlei Kritik bekümmert. Er spielt „White Sky“ als erstes Stück. Und noch härter. Live und ohne elektronische Sperenzchen funktioniert das Stück deutlich besser. Übermäßig voll ist der Admiralspalast nicht. Man steht mit luftigen Abstand voneinander. Ein knappes Drittel sitzt sogar in den Rängen. Weller im Sitzen wirft die gleiche Fragen auf wie Dortmund ohne Klopp: „Wer will das?“ und „Kann das funktionieren?“.

Weller jedenfalls gibt alles, um sein Publikum vom Hocker zu reißen. Er grinst ins Publikum, macht die „Jetzt geht’s aber ab“-Schnute, die Nina Hagen zum Weltstar katapultierte, und applaudiert seinen Musikern bei jedem Solo. Ist seine Bowie-Anbetung momentan wirklich so ausgeprägt, wie er nicht müde wird, zu erklären, dann sind er und seine fünf Musiker momentan vom Look her in dessen „Tin Machine“-Phase: Man trägt Anzüge, Jacketts, dezente Stoffhosen. Und auch Weller spielt an diesem Abend Rock pur, buchstabiert in Lettern so groß wie das Hollywood-Zeichen in den Hügeln Kaliforniens.

Extremer Richtungswechsel vor drei Alben

„I'm where I should be“ ist Stück drei, ebenfalls vom neuen Album. Nicht gerade „Penny Lane“. Weller geht dieser Tage mit Akkorden und überraschenden Harmoniewechseln um, als müsste er für jede neue Idee extra zahlen. Einen so extremen und dauerhaften Richtungswechsel wie er hat im Rock kein Künstler seines Kalibers je hingelegt. Vor drei Alben muss er so etwas wie eine Erleuchtung gehabt haben. Der Heilige St. Bowie erschien ihm oder ein wieder auferstandener Syd Barrett: „Vergiss den Soul, die Beatles, stell‘ alle Regeln auf den Kopf und experimentiere“, raunten sie. Von Stund‘ an mied er bis auf einige wunderschöne Rückfälle den Pop-Song und ließ die gute alte Strophe-Brücke-Refrain-Struktur in Flammen aufgehen. Seine Platten befüllte er mit Songminiaturen, in denen elektronische Präzision auf enthemmte Psychedelia traf.

Dem üblicherweise griffigen „Into Tomorrow“ entlockt er live nun ein Southern Rock Riff, das es weit über das bekannte Songende hinaus zu hören gibt. Danach: Schlagzeugsolo. Unglücklicherweise nicht das letzte des Abends. Das Titelstück von „Saturn's Pattern“ ist endlich ein musikalischer Wechsel von käseweißem Rock zu schwarzem Hippie-Soul. Ein bisschen Rotary Connection, ein bisschen Sly Stone.

Weller minus Soul kommt beim Publikum gut an

Stilistisch ähnlich ist das folgende „Empty Ring“, nur dass hier der Bass soundmäßig immer genau an der Stelle absäuft, an der das Stück einen hymnischen Harmoniewechsel haben sollte. Daher bleibt der Song nur monoton. Aber Weller gibt nicht auf. „Long Time“ vom nächsten Album klingt nach Velvet Undergrounds „White Light, White Heat“. Weller jagt „The Attic“ mit gehacktem Klavier nach John-Cale-Manier hinterher. Das Publikum tobt. Weller minus Soul kommt gut an.

Fans aus Jam-, Style-Council- und frühen Solo-Zeiten werden später erzählen, dass sie weniger beeindruckt lauschten. Hätten sie sich das angehört, wenn der gleiche Songwriter nicht auch „Down in the tube station at midnight“, „My ever changing moods“ und „Out of the sinking“ geschrieben hätte? Wohl kaum. Aber: Den alten Weller-Sound bekommen inzwischen auch Andere hin. Und seit dem Erfolg von Amy Winehouse wurde viel Geld mit der Verwurstung von Sixties- und Philly-Soul verdient. Wie Weller Brücken zu verbrennen und neue Ufer zu suchen, ist da nicht weniger als ehrenhaft und konsequent. Das ist Punk-Attitüde und typisch für den Super-Mod. Paul McCartney dagegen hatte zum großen Aufbruch nie die Kraft, Elvis Costello wurde statt dessen lieber zum Amerikaner und Noel Gallagher gehört in diese Aufzählung überhaupt nicht hinein.

Also säbelt sich Weller im Admiralspalast durch sein Solo-Repertoire, sieht als Jahrgangsgenosse von Prince und Madonna mit bald 57 Jahren blendend aus und spielt Riff-Rock ohne Erbarmen. So viel Jubel gab es seit drei Berliner Konzerten nicht mehr. Am Ende applaudiert Weller gar dem Publikum, weil es ihm drei Zugabenblöcke abgetrotzt hat. Das innovative Element seines derzeitigen künstlerischen Schaffens findet sich dann hoffentlich auf dem neuen Album.