Die Musiker der britischen Band Prodigy sind die Punks der Handygeneration. Kompromisslose Freaks, die ihrem Publikum keine Pause gönnen, es mit Elektrolärm aufputschen und mit der Drum Machine durchs Programm prügeln. Mit dem „F-Word“ wird nicht gespart, Getränke über den ersten Reihen ausgeschüttet und eine in jeder Hinsicht rotzig-explosive Show abgeliefert.

Im Velodrom zeigen Prodigy am Sonnabend Abend, was sie immer noch alles drauf haben, nach einem guten Vierteljahrhundert im Musikgeschäft. Die beiden Sänger Maxim „Reality“ und Keith Flint sind echte Frontsäue, Fitnesstrainer hätten ihre liebe Not, ein anstrengenderes Work Out zu erfinden, als es eine Prodigyshow für diese beiden Stimmakrobaten darstellt. Sie joggen sich in ihre Einsätze, grooven auf ihre unnachahmliche Art herum und springen dem Publikum beständig etwas vor.

Ansturm der Fans - Konzert ins Velodrom verlegt

Prodigysongs, das sind klingende ADHS-Diagnosen, Musik gewordene Sprengladungen. In den frühen 1990er-Jahren begann die Band Bestandteile von Hip Hop, Metal, Techno, Industrial, Jungle und Break Beats zu einer ihnen eigenen Musikform zu fusionieren. Das schlug ein wie eine Bombe – eine akustische war es auch – und löste weltweit eine Bewegung aus, der sich unzählige Jünger anschlossen.

Allein in Berlin sind derer so viele, dass das Konzert vom Huxleys ins ungleich größere Velodrom verlegt werden musste, das gerade groß genug war. Den Auftritt ihrer Helden nehmen sie von der ersten Minute an enthusiastisch auf – und dass, obwohl ein sinnloses zweistündiges Warten bereits lange Gesichter und überdrüssige Pfeifchöre verursacht hatte. Die Menge vor der Bühne tobt geradezu und auch auf den Rängen steht jedermann, Sitzenbleiber haben keine Chance auf freie Sicht.

Marodierende Sounds statt Melodien

Im Grunde gibt es bei Prodigy gar keine Melodien, sondern nur marodierende Sounds über Beatgewittern aus dem Computer. Die Texte sind mehr eine Aneinanderreihung von Slogans und gesungen wird auch nicht, sondern eher geschrien, bestenfalls gerappt. Die abgehackten Beats werden bei der wahrlich energetischen Liveshow zusätzlich eins zu eins optisch gespiegelt. Will heißen, die Lichtshow begleitet das Konzert mit einem unaufhörlichen Geflacker aus Dutzenden Strahlern, LED-Leuchten und nachgeahmten Parabolspiegeln.

Die vielfältigen grellen Lichtreflexe zucken ohne Unterlass durch den Saal und über die Bühne, mit derselben Frequenz wie das Schlagzeug hämmert und die Loops knarzen. Die Gesamterscheinung von Prodigy wird dadurch noch futuristischer. Man staunt, dass in ihrem Sound überhaupt noch eine E-Gitarre Platz findet, doch sie ist da! Der Gitarrist legt, wie im guten alten Rock’n’Roll üblich, sogar hier und da ein Solo hin und steigt auch schon einmal dem Schlagzeuger auf die Basedrum.

Produktion im Livetest

Mit ihrem aktuellen Album „The Day Is My Enemy“ haben Prodigy einen Zuschlag auf ihr Gesamtwerk ausgegeben, der wieder voll die Linie der frühen Jahre aufgreift. Die Scheibe, die sie mit ihrer laufenden Tour bewerben, klingt wieder richtig rabiat, aggressiver als die unmittelbaren Vorgänger. Gleich das zweite Stück des Abends „Nasty“ beweist das eindrucksvoll, es ist ein klassischer Prodigy-Wirbel, der die Arena zum Wogen bringt. Man hört, dass die Band Songs mit Blick auf den Konzertgebrauch schreibt und sich traditionsgemäß viel Zeit lässt, neue Produktionen vorab Livetests zu unterziehen.

Ein Prodigykonzert wird natürlich nur dann wirklich rund, wenn ein paar der alten Hits und Hymnen erklingen. Nichteingeweihte würde das vielleicht verwundern, würden einwenden, Prodigysongs klängen alle irgendwie gleich. Mag sein, trotzdem warten alle auf Stücke wie „Omen“, „Poison“, „Voodoo People“ oder „Roadblox“. Schon der erste solch einen Hit einleitende Synthieton bringt das Haus zum Grölen. Prodigy haben ihre Jünger im Velodrom mehr als zufrieden gestellt. Bemerkenswert, wie unverbraucht sie nach wie vor klingen.