Premiere in Berlin

„Ich war noch niemals in New York“ - Und alle singen mit

Nahezu vier Millionen Menschen haben das Musical bis heute gesehen. Nun hatte „Ich war noch niemals in New York“ Premiere in Berlin - die erste ohne den eigentlichen Schöpfer Udo Jürgens.

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Als am Mittwochabend kurz vor 23 Uhr der Premierenapplaus durch das altehrwürdige Theater des Westens wogt, als das ganze Ensemble, das komplette Kreativteam und die Musiker aus dem Orchestergraben mit Blumen in der Hand eine gefühlte Ewigkeit auf der Bühne im Dankesjubel baden können, halten plötzlich alle abrupt inne. Sie recken den Arm mit den blauen Sträußen in die Höhe, blicken mit einem Lächeln nach oben. Richtung Himmel. Als stille Dankesgeste an den Mann, der diesen Abend mit seiner Musik erst möglich gemacht hatte. An Udo Jürgens.

Das Musical „Ich war noch niemals in New York“ ist in Berlin angekommen. Ein veritables Überseeschiff liegt mitten in Charlottenburg vor Anker. Und die mit rotem Teppich ausgelegten Stufen des Theaterbaus werden zur Gangway ins operettenhafte Musicalglück. Mit „Ich war noch niemals in New York“ ist ein Stück Unterhaltungskultur zurückgekehrt in die Stadt, in der Anfang des vorigen Jahrhunderts in Theatern und Cabarets ganz um des Vergnügens Willen den Großmeistern der leichten Unterhaltung wie Paul Lincke, Walter Kollo, Paul Abraham oder Erik Charell gehuldigt wurde.

Drei Stunden ohne Alltagsballast

Auch in „Ich war noch niemals in New York“ geht es vor allem um das von jeglichem Alltagsballast befreite Abendvergnügen. Nahezu drei Stunden erlebt man ein Stück, das sich weder vor Kitsch noch vor Kalauern scheut, in dem große Gefühle ebenso ihren Platz haben wie gepflegter Klamauk. Eine kleine Beziehungskomödie, eingebunden in eine große Show voller optischer Reize, einfallsreich inszenierter Schlager-Hits und breit angelegter Choreografien mit Tänzern und Tänzerinnen in immer neuen ausgefallenen Kostümen. Der österreichische Dramatiker Gabriel Barylli hat um 20 populäre und weniger populäre Jürgens-Hits eine generationsübergreifende Geschichte gesponnen, die auf möglichst breitenwirksame Weise und ohne unnötig viel Tiefgang drei Pärchen vorführt, deren Wege schicksalhaft verbunden sind.

Im Dezember 2007 erlebte „Ich war noch niemals in New York“ im Hamburger Operettentheater seine Uraufführung. Es war die erste deutsche Eigenproduktion des Musicalkonzerns Stage Entertainment, der auch das Theater des Westens bespielt. Es legte in Wien, Stuttgart, Zürich und Oberhausen an, kam 2011 gar in japanischer Sprache im Imperial Garden Theater in Tokio auf die Bühne. Nahezu vier Millionen Menschen haben das Stück bis heute gesehen. Die Berliner Fassung, eine etwas abgespeckte Tourneeversion, ist nun die erste Premiere, die ohne ihren musikalischen Schöpfer Udo Jürgens stattfindet. Am 21. Dezember vergangenen Jahres ist der Pianist und Entertainer im Alter von 80 Jahren in der Schweiz gestorben.

Lebendigkeit und Authentizität

Das Ensemble schafft es unter der so leichthändigen wie straffen Regie von Carline Brouwer, den klischeehaft gezeichneten Figuren Lebendigkeit und Authentizität zu verleihen. Star des Abends ist Sarah Schütz. Sie ist von der Zweitbesetzung in „Hinterm Horizont“ am Potsdamer Platz in die Hauptrolle am Theater des Westens gewechselt. Sie spielt impulsiv und stimmstark die erfolgsverwöhnte Fernsehmoderatorin Lisa Wartberg, eine Karrierefrau, die vom großen Fernsehpreis träumt und der Dinge wie Familie oder Privatleben auf ihrem Weg nach oben nur lästig sind. Die später aber doch erkennt, was wirklich wichtig ist im Leben.

Sie hat ihre Mutter Maria (Dagmar Biener) ins Seniorenheim abgeschoben. Die hat sich dort in ihren Mitbewohner Otto (Peter Kock) verliebt und beide beschließen, dem tristen Heimalltag und der sie gängelnden Anstaltsleiterin zu entfliehen und auf Kosten der Tochter auf eine Kreuzfahrt zu gehen, um in New York zu heiraten. Als Tochter Lisa davon erfährt, ist sie zutiefst empört und reist den Ausreißern hinterher. Mit im Gefolge hat sie ihren schrillen Maskenbildner Fred (Andreas Bieber) und dessen Lebensgefährten Costa (Gianni Meurer). Die beiden haben im zweiten Akt mit „Ein ehrenwertes Haus“ und „Griechischer Wein“ gleich zweimal ihren ganz großen Auftritt.

Auf ihrer Suche trifft die taffe Lisa auf den alleinerziehenden Vater Axel (Karim Khawatmi), den Sohn von Mutters Angebetetem, der wiederum samt seinem um lockere Sprüche nie verlegenen Filius Florian dem ausgebüxten Vater hinterherjagt. Auf dem schmucken Luxusliner kommt es nach vielen Irrungen und Wirrungen traumschiffgerecht zum großen Happy End. Dabei beweist sich das Publikum als repertoirefest, bejubelt die von Michael Reed mit einem Schuss Broadwayflair arrangierten Udo-Jürgens-Lieder, singt sogar immer mal wieder mit, glücklicherweise aber nur ein paar Zeilen.

Ironisierend überzeichnete Evergreens

Ob „Vielen Dank für die Blumen“ oder „17 Jahr, blondes Haar“, ob „Aber bitte mit Sahne“ oder „Bleib‘ noch bis zum Frühstück“, ob „Merci, Cherie“ oder, natürlich, „Ich war noch niemals in New York“, stets werden die Songs mal mehr, mal weniger gelungen in die Handlung eingepasst. Bei einigen wenigen Stellen wurde der Text variiert, meist funktionieren die Klassiker aber so, wie sie die Textautoren einst Udo Jürgens auf den Leib geschrieben haben. Aus eher intimen Spielszenen entfalten sich immer wieder rasante, comichafte, komödiantische Tanztableaus, die die musicalversierte Kim Duddy schwungvoll choreografiert hat.

Manche dieser Evergreens werden ironisierend überzeichnet, andere wiederum bleiben sozusagen naturbelassen in all ihrer herzschmerzlastigen Große-Samstagabend-Show-Nostalgie. „Schöne Grüße aus der Hölle“ wird im ersten Akt zum Showstopper, bei dem das Ensemble in bester „Hellzapoppin‘“-Manier über die Bühne tobt. Und weil Kinder auf der Bühne immer einen Stein im Brett haben, darf der kleine Florian gleich zum Auftakt des zweiten Aktes mit dem Ensemble auf dem Sonnendeck den Klassiker „Mit 66 Jahren“ singen. Und tanzen. Der Saal tobt.

Man kann geteilter Meinung sein, ob die Show den durchaus anspruchsvollen und sozialkritischen Texten von Udo Jürgens‘ Liedern immer gerecht wird. Aber schließlich hat es der Meister noch persönlich abgesegnet. Mit „Ich war noch niemals in New York“ jedenfalls liegt nun bis in den September hinein ein veritabler Vergnügungsdampfer an der Kantstraße. Und garantiert beste Familienunterhaltung in perfektionierter Leichtigkeit.