Berliner Ensemble

Das Leben ist eine ewige Generalprobe

Claus Peymann inszeniert Bernhards „Die Macht der Gewohnheit“ am Berliner Ensemble. Die Bühne gleicht einer Vintagepostkarte, doch die Schauspieler brauchen wohl noch ein wenig Übung.

Foto: Monika Rittershaus / dpa

Die Stadt Augsburg zu verachten, das ergibt ja eigentlich keinen Sinn. Zumal hier, im großen Berlin. Ja, natürlich, man hat es hier nicht so mit den Schwaben, ihnen eilt so ein gewisser Ruf voraus. Aber das kleine Städtchen deshalb als „muffiges, verabscheuungswürdiges Nest“ verunglimpfen, als „Lechkloake“? Und dann auch noch im Berliner Ensemble, dessen Gründer ja genau dort geboren wurde? Augsburg, die Brechtkloake?

Der Satz „Morgen Augsburg“ ist die Leitformel des Stücks „Die Macht der Gewohnheit“ von Thomas Bernhard, dem größten Schimpfer und Verachtungskünstler, den die deutschsprachige Literatur zu bieten hat. Am häufigsten wird sie vom Zirkusdirektor Caribaldi verwendet, der damit den dort bevorstehenden Auftritt seines Ensembles meint. Er will das „Forellenquintett“ von Franz Schubert einstudieren, aber es gelingt nicht. Nichts gelingt. Alles misslingt in dieser naturgemäß stumpfsinnigen Welt auf die fürchterlichste Weise: So hätte es vielleicht Thomas Bernhard selbst gesagt.

Es grüßt von fern eine große Zeit, wenn der 77-jährige Claus Peymann nun dieses Stück inszeniert, das eigentlich weniger ein Drama ist als ein in Sprache umgeformtes Stück Musik über die Sinnlosigkeit künstlerischer Mühen. Karl-Ernst Herrmann hat die Bühne wie eine Vintagepostkarte gestaltet: im Vordergrund auf einer Schräge der Innenraum, in dem das „Forellenquintett“ niemals gespielt werden wird, im Hintergrund ein kleines Zirkuszelt auf freier Wiese, über der es langsam Abend wird.

Und natürlich ist alles dem würdevoll gereiften Publikum schon präsent, noch bevor es losgeht: Dieter Dorns Inszenierung 1974 bei den Salzburger Festspielern mit dem großartigen Bernhard Minetti. Und die künstlerisch einzigartige Verbindung Bernhards und Peymanns, der so viele Stücke des Österreichers auf die Bühne brachte, nur eben dieses noch nicht.

Aber Jürgen Holtz schafft es nicht, seinem autoritär auftretenden Caribaldi jene Dosis Ironie beizumischen, von der die tiefe Verzweiflung des Stückes lebt. Und in den Dialogen stolpert Bernhards grandioser Rhythmus leider noch allzu oft. Vielleicht sollte man dem absurden Quintett noch ein paar Wochen Zeit geben, bevor man es besucht. Zum Üben.

Nächste Aufführung 21. März, 20 Uhr