Theater

Schlicht, leicht und licht - "Kaspar" im Berliner Ensemble

Sebastian Sommer verwandelt am Berliner Ensemble Handkes sprachkritisches Stück in eine Turn- und Kletterübung. Und Claus Peymann, der das vor fast 50 Jahren einmal uraufgeführt hat, guckt auch vorbei.

Foto: BE/ Lucie Jansch

Ein Tisch ist ein Tisch. Aber nur, weil wir uns darauf verständigt haben, dieses Ding mit der Platte oben und den standsichernden drei oder mehr Beinen so zu nennen. Purer Zufall, Sprache ist Willkür. Einmal verabredet, bleibt ein Tisch auch ein Tisch, wenn er nicht mehr steht, sondern sich mit anderen Tischen kreuz und quer verhakt hat, wenn 60 Tischplatten in Schieflage geraten sind und viermal so viele Beine in alle Richtungen ragen.

Der da unter dem Möbelberg kauert und sich, eine Hand ins Freie reckend, Zugang zu dieser Welt verschafft, der bei jedem Krachen im fragilen Gebälk erschrickt, staunt, kichert, der kann von der Sprache, ihren Zuschreibungen, ihren Zufälligkeiten und ihrer Macht noch gar nichts wissen. Es ist Kaspar. Er kennt weder die Dinge der Welt noch ihre Namen, er kennt nur einen Satz: "Ich möchte ein solcher werden wie einmal ein andrer gewesen ist."

Zeitlos trotz 50 Jahre auf dem Buckel

Natürlich rekurriert Peter Handke mit seinem sprachkritischen Sprechstück "Kaspar" auf den berühmtesten aller Kaspars, jenen Findling, der im Mai 1828 ins biedermeierliche Nürnberg stolperte. Doch der historische Kaspar Hauser interessiert Handke wenig, er ist ihm nur Modell, ein Unbeschriebener, an dem er die Abrichtung des Menschen durch Sprache und seine Zurichtung durch gesellschaftliche Regeln aufzeigt.

Im Pavillon des Berliner Ensembles nun verwandelt der junge Regisseur Sebastian Sommer diesen Stoff virtuos in eine präzise Spiel- und Sprachzauberei, so schlicht und leicht und licht, dass sie einen vergessen lässt, dass dieser Text schon fast 50 Jahre alt ist. Sebastian Sommer hebt seinen Kaspar in die Zeitlosigkeit, nicht jedoch in die antiillusionistischen Sphären, die ihm Handke damals zugedachte.

Die Stühle reden auch mit

Ganz im Gegenteil: Bei Jörg Thieme ist er keine maskierte Projektionsfigur, sondern einer aus Fleisch und Schweiß, ein Stauner mit minimalen Gesten, ein strebsamer Eroberer, der sich im Unterhemd den Weg in die Gesellschaft bahnt. Und sofort eingenordet wird: "Du hast einen Satz, mit dem du jede Unordnung in Ordnung bringen kannst", säuselt es ihm suggestiv entgegen von zu den Tischen passenden Stühlen (Bühneneinrichtung: Johannes Schütz), auf denen wir Zuschauer rund um die Szenerie sitzen, unter uns Einsager. Sie reichen uns kleine Lehr-Zettel, auf dass wir zu Erziehungsberechtigten werden, ihm Mores lehren mittels Präposition, Konjugation und Syntax.

Als Ursula Höpfner-Tabori ihm schließlich bescheinigt: "Du bist aufgeknackt", da trägt er schon Hemd und Anzug, da preist er sich marktschreierisch mit Mikro an, er hat die Sprache bekommen, die Unschuld verloren und will jetzt ganz sein wie wir. Die Tische werden zu einer großen Tafel sortiert und einen nach dem anderen rückt Kaspar uns mit unseren Stühlen dort ran.

Peymann wehrt sich ein bisschen

In die Mitte des Kopfendes, dort wo auf Feiern das Familienoberhaupt sitzt, verschlägt es bei der Premiere zufällig (er wehrt sich ein bisschen) den BE-Intendanten Claus Peymann, der Handkes Stück 1968 in Frankfurt uraufführte und dem der hauseigene Regienachwuchs nun zeigt, wie man sowas heute macht.

Dem Berliner Ensemble kann das nur gut tun. Was aus Kaspar wird, ist am etwas hastigen Ende nicht ganz klar, er erkennt zwar, dass er da ist, wo er hinwollte, aber auch, dass er dabei kein Mitspracherecht hatte. "Ich bin nur zufällig Ich", stellt er fest und geht schweigend ab. Ob er noch mal wieder kommt, man weiß es nicht. Von Sebastian Sommer allerdings wünscht man sich das ganz unbedingt.

Berliner Ensemble, Bertolt-Brecht-Platz 1, Mitte. Tel.: 28 40 81 55. Nächste Termine: 23. Februar, 19.30 Uhr; 2. März, 20 Uhr

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