Musical

Auf musikalischer Kreuzfahrt mit Udo Jürgens

Am 25. März ist Premiere im Theater des Westens. Die Proben zu „Ich war noch niemals in New York“ laufen auf Hochtouren. Wir haben die Regisseurin und die Hauptdarstellerin besucht.

Foto: Christian Kielmann

Eine Karrierefrau schiebt ihre Mutter ins Altenheim ab. Die verliebt sich dort in einen Mitbewohner und beide beschließen, auf Kosten der Tochter auf eine Kreuzfahrt zu gehen, um in New York zu heiraten. Die Tochter ist empört und reist den Ausreißern hinterher. Auf dem Schiff trifft sie auf den Sohn von Mutters Angebetetem, der wiederum seinem Vater hinterherjagt. Etliche emotionale Turbulenzen später liegen sie sich am Ende alle glücklich in den Armen.

Was klingt wie eine Episode aus dem Drehbuch für das ZDF-„Traumschiff“, ist der Stoff, aus dem ein deutscher Musicalhit gemacht ist. Was vor allem an den Liedern von Udo Jürgens liegt, die diese Show auskleiden. Von „Siebzehn Jahr, blondes Haar“ bis „Aber bitte mit Sahne“, von „Merci, Chérie“ bis „Griechischer Wein“. Im Dezember 2007 erlebte im Hamburger Operettentheater das Musical „Ich war noch niemals in New York“ seine Uraufführung. Es war die erste deutsche Eigenproduktion des Musicalkonzerns Stage Entertainment. Am 25. März feiert das Stück seine Berliner Premiere im Stage Theater des Westens.

Das Musical ist eine Baustelle

Das Musicalhaus an der Kantstraße gleicht einer Baustelle. In allen zur Verfügung stehenden Räumen wird gesägt und gehämmert, getanzt und geprobt. Raumteiler durchschneiden auch das Foyer im ersten Rang mit seinen hohen Fenstern und prachtvollen Kronleuchtern. Überall stapeln sich Kisten, Kulissenteile und Flight-Cases mit Werkzeug, Kabeln, Elektronik. Nachdem „Ich war noch niemals in New York“ in Hamburg vom Stapel gelaufen war, ging es in Wien, Stuttgart, Zürich und Oberhausen vor Anker. 2011 kam es sogar in japanischer Sprache im Imperial Garden Theater in Tokio auf die Bühne.

Rund vier Millionen Menschen haben das Musical bis heute gesehen. Und doch ist in Berlin alles anders. Denn es wird die erste Premiere sein, die ohne Udo Jürgens stattfindet. Am 21. Dezember ist der Sänger im Alter von 80 Jahren in der Schweiz gestorben. Von Anfang an war der Sänger mit im Team. Es ist sein Musical. Er hat es konsequent mit Rat und Tat begleitet. Der österreichische Dramatiker Gabriel Barylli hat das Buch nach einer Idee von Schriftstellerin Hera Lind verfasst. Seit der Wiener Aufführung 2010 hat die niederländische Schauspielerin und Regisseurin Carline Brouwer die Regie übernommen. Und probt jetzt mit den Darstellern im Theater. Ohne Ratgeber Udo Jürgens. „Wir haben uns sehr oft getroffen“, sagt sie. „Udo Jürgens ist ein Phänomen. Er war so nett, so höflich und so professionell. Er hat immer mitgedacht und Tipps gegeben. Es gab Dinge, die ihm nicht gefallen haben, Sachen die er geliebt hat oder Szenen, die er anders haben wollte. Aber er war immer charmant und respektvoll.“

Das ultimative Glücksgefühl

Die an der Maastricht Actors Academy in Holland ausgebildete Carline Brouwer stand als Julia in „Romeo und Julia“, als Ophelia in „Hamlet“ oder als Polly Peachum in der „Dreigroschenoper“ auf der Bühne. „Ich habe immer eine große Liebe für das Musical gehabt“, sagt sie. „Das war immer mein Traum. Aber ich bin Schauspielerin geworden, weil es sich so ergeben hat. Ich wollte auf die Musicalschule, aber ich bin auf die Schauspielschule gekommen. Dann habe ich nach der Schauspielschule Auditions für ein Musical gemacht, was sich dann aber als Theaterstück herausstellte. Letztlich habe ich 20 Jahre kein Musical gemacht. Und jetzt bin ich Regisseurin hier. Schauspiel, Tanz und Musik, das ist das ultimative Glücksgefühl. Ich fühle mich noch immer wie Alice im Wunderland.“

Dabei hat sie bereits Musicals wie „Ich will Spaß“ in Essen, „Der Schuh des Manitu“ in Berlin und „Sister Act“ in London inszeniert. „Ich bin noch niemals in New York“ ist für sie ein Stück, das sich mit jedem neuen Spielort und jedem neuen Darstellern immer wieder verändert. „Das ist das Schöne daran, wir wollen ja kreativ bleiben“, sagt sie. „Wir ändern sehr viel, damit es besser und besser wird. Wir haben auch das Buch überarbeitet und fast 20 Minuten rausgenommen, damit es peppiger, knackiger und zeitgemäßer ist. Und es gibt neue Darsteller, die neue Energie mitbringen. Ich sage immer: Als Regisseur bin ich ein Dieb, der einfach klaut, was spannend oder interessant ist. Damit fange ich an zu basteln und zu bauen.“

Von einem Udo zum anderen

Im großen Saal nimmt währenddessen das aufwendige Bühnenbild Form an, entworfen von Broadway-Spezialist David Gallo. Ein ausgewachsenes Kreuzfahrtschiff, das sich drehen, heben und schieben lässt. „Wir müssen die Kulissen an die Bühnengröße in Berlin anpassen“, sagt der technische Leiter der Produktion, Frank Stährs. „ Es gibt zwar Sets von früheren Spielorten, aber die funktionieren hier nicht. Wir haben rund 80 Prozent neu gebaut. In Hamburg kam das Kreuzfahrtschiff von links auf die Bühne gefahren. Aber in Berlin gibt es keine großen Seitenbühnen. Dafür ist die Bühne sehr tief, deshalb kommt das Schiff jetzt von hinten nach vorn. Das wirkt sehr imposant.“ Etwa zwei Wochen dauert der Einbau, dann beginnen die Proben auf der Hauptbühne.

Zum neuen Berliner Ensemble zählt auch Sarah Schütz, die zuletzt im Lindenberg-Musical „Hinterm Horizont“ am Potsdamer Platz auf der Bühne stand. Von Udo Lindenberg zu Udo Jürgens. Sie spielt die Hauptrolle der Karrierefrau Lisa Wartberg. „Das ist eine Frau, die ganz viel an ihrer Karriere arbeitet, dadurch aber wenig Zeit hat für Privates, für die Familie oder auch einen Mann“, sagt sie. „Obwohl das Gefühl da ist, dass da irgendwas fehlt. Sie widmet sich mit ganzer Leidenschaft ihrer Arbeit, aber dadurch, dass ihre Mutter einfach mit ihrem Schatz abhaut, wird sie aus der Bahn geworfen. Da wird neu gewürfelt. Das ist schön zu spielen. Auf der einen Seite die Karriere, auf der anderen das Gefühl, und wie sich das zusammen bringen lässt. Es ist ein Kampf. Das finde ich spannend.“

Die Zusage kam per Telefon

Als sie das Angebot bekam, war sie London. „Nach meinem Studium in Deutschland habe ich an der Royal Academy studiert“, sagt Sarah Schütz. „Ich war gerade bei einem Klassentreffen, bei dem unsere Schulleiterin in den Ruhestand geschickt wurde, als mich die Nachricht per Telefon erreichte. Sie haben Erstbesetzung gesagt, aber ich war gar nicht sicher, ob ich das richtig verstanden hatte. Ich hab versucht ruhig zu bleiben. Aber ich stand tagelang wie unter Schock.“

Für Sarah Schütz ist „Ich war noch niemals in New York“ Neuland: „Ich komme ganz frisch rein in dieses Stück und diese Musik.“ Natürlich kenne sie Udo Jürgens aus ihrer Kindheit. „Aber begleitet hat sie mich nicht. Erst durch dieses Stück lerne ich jetzt Lieder kennen, die ich vorher nicht kannte. Aber sich mit jemandem zu befassen, bei dem man vorher nicht so viele Anknüpfungspunkte hatte, das war auch schon bei Udo Lindenberg und ,Hinterm Horizont‘ so.“ Ihr Musical-Debüt feierte sie 2006 als Kate in „Kiss me, Kate!“ am Staatstheater Braunschweig. „Da war ich 26 und hab schon die Kate gespielt. Eine ganz junge Kate, das weiß ich noch gut. Das war auch so eine Zähmung, wie jetzt hier.“ Sagt’s und zieht sich mit ihrer Regisseurin Carline Brouwer wieder zurück auf die Probenbühne.

Vom 25. März bis zum 27. September wird „Ich war noch niemals in New York“ in Berlin aufgeführt.

© Berliner Morgenpost 2018 – Alle Rechte vorbehalten.