Staatsballett

Polina Semionova nährt die Aussicht auf einen Aufbruch

Nacho Duato bleibt seinem entschieden unentschiedenen Kurs treu: „Vielfältigkeit. Formen von Stille und Leere“ in der Komischen Oper wird zu einer Schau unterschiedlicher Bewegungsstile.

Foto: Jörg Carstensen / dpa

Draußen droht der Streik, die Gewerkschaften machen mobil: „Arbeitskampf der Tänzer, Herr Wowereit“, ruft Miriam Wolff von Ver.di und reicht dem Ex-Regierenden ein Flugblatt. Der greift den Zettel und geht ab. Drinnen, im samtverspiegelten Foyer der Komischen Oper, herrscht ungestört der schöne Schein. Das magere finanzielle Auskommen und der aufreibende Arbeitsalltag der Tänzer, die das Gebäude später, nach einer ihrer rund 120 jährlichen Vorstellungen an den drei Berliner Opernhäusern, wohl über den Seiteneingang verlassen werden, hat bei einer Ballettpremiere nichts zu suchen. Heute wird gefeiert: Staatsballett-Intendant Nacho Duato zeigt den zweiten eigenen Abend seit seinem Amtsantritt – das als sein Meisterwerk gerühmte Bach-Medley „Vielfältigkeit. Formen von Stille und Leere“. 1999 entstand der Ballettabend als Auftragsarbeit für Weimar, der damaligen Kulturhauptstadt Europa.

Noten und Instrumente, elegante Hofdamen, ruckend belebte Automaten und wunderliche Wesen verkörpert das Ensemble zu Auszügen aus Bach-Werken von den Goldberg-Variationen bis zur Kunst der Fuge. Eine Schau unterschiedlicher Bewegungsstile ist „Vielfältigkeit. Formen von Stille und Leere“, lose chronologisch geklammert von der Figur des Komponisten. Bach wird verkörpert von Michael Banzhaf, in der Mode der Zeit mit Rock und Perücke. Er dirigiert das Tänzerensemble, sinniert über sein Schaffen, tanzt als Partner in wechselnden Pas de deux oder Pas de trois und wird am Schluss vom Tod (Polina Semionova) abberufen. „Ich hatte nicht die Absicht, eine konkrete Geschichte zu erzählen“, lässt Nacho Duato dazu im Programmheft wissen. „Dennoch habe ich mir erlaubt, gewisse Ideen spielerisch anzudeuten, den Tod, die Inspiration, die Arbeit eines Komponisten, seine Größe und seine Einsamkeit.“ Das Ergebnis ist denn auch ein entschiedenes Sowohl-als-auch.

Eine Hommage an Bach und das klassische Künstlerballett

Eine Hommage an Bach und das klassische Künstlerballett, wie es Duatos Vorgänger Vladimir Malakhov pflegte, mag man in der knapp zweistündigen, auf Abwechslung bedachten Szenenfolge erkennen. Enge Trikots und verspielt-komische Bewegungsfolgen erinnern an Artisten unter der Zirkuskuppel, ein schwarzer Schleppenrock an den Flamenco aus Duatos Heimatland Spanien. Moderne Bewegungssprache im Stile eines Mats Ek – angewinkelte Beine, zuckende Glieder, ruckende Köpfe – trifft auf die weichen Linien eines klassischen, die spektakuläre Pose betonenden Pas de deux. Fäuste oder aufgestellte Handflächen, gerundete Rücken und Ellbogen, aus mehreren Leibern gebildete Geschöpfe und skulpturale Formationen: Der so formal-elegante wie fabulierend-einfallsreiche Duktus von Duatos künstlerischem Ziehvater Jiří Kylián, der ihn 1981 als Tänzer ans Nederlands Dans Theater holte und zum Choreographieren anregte, trifft auf die mitunter plakative narrative Logik eines Handlungsballetts.

Da fiedelt Banzhafs Bach mit dem Cellobogen auf dem Körper von Giuliana Bottino – die schlechthin ikonische Szene von Duatos Ballett –, und was als Allegorie auf die Beherrschung eines Handwerks oder die Zähmung einer widerspenstigen Muse gedacht sein mag, wirkt eher wie eine Reminiszenz an die schwarze Pädagogik. Der Bogen wird über die Beine der Tänzerin gezogen wie der Rohrstock eines Lehrers, und fast meint man einen schmerzhaften Schnitt zu spüren. Ein künstlerischer Fauxpas, so wie der Schluss, bei dem Polina Semionova ein schwarzes Tuch herunterreißt, das sich aus dem Schnürboden drehte, Bach tot umsinkt – und die Tänzer, wohl als Elemente von Bachs Musik, zu einer weiteren Goldberg-Variation über die parkdeckartigen Ebenen der Gerüstbühne von Jaffar Chalabi nach oben schreiten: eine reichlich banale Himmelfahrt.

Das Staatsballettensemble scheint sich erstaunlich wohl zu fühlen

Vieles von allem Möglichen also bietet „Vielfältigkeit. Formen von Stille und Leere“. Das passt zu Duatos Amtsantritt, seit dem er sich künstlerisch unschlüssig zeigte. Mit dem Kostümkracher „Dornröschen“ studierte er schon ein weiteres Werk aus seinem choreographischen Fundus mit dem Staatsballett ein. Erst Mitte Mai wird man bei seiner Uraufführung im Rahmen von „Duato | Kylián“ sehen, welche Bewegungssprache er sich für die Berliner Truppe vorstellen kann. Das Staatsballettensemble jedenfalls scheint sich mit Duatos klassisch-modernem Idiom erstaunlich wohl zu fühlen, es schwappt ein bislang kaum gespürter Enthusiasmus über die Rampe.

Die Ensembleleistung wird betont in „Vielfältigkeit. Formen von Stille und Leere“, Erste Solistinnen treten zurück ins Glied, Corps-Tänzerinnen glänzen in Pas de deux, und erst die Applausordnung hebt die Ballerina Polina Semionova als Gaststar hervor. Auch das passt zu Duatos Linie: Er wollte erst einmal alle 88 Tänzer kennen lernen, hat dann vorsichtige Verjüngungsmaßnahmen eingeleitet und nun scheint er an den klassischen Hierarchien vorbei auch neue Tänzer in Stellung zu bringen. Sich ins Begeisterte steigernder Beifall feiert das Ensemble und den Intendanten, den die Semionova zweimal aus den Kulissen auf die Bühne holt. Die Aussicht auf einen Aufbruch scheint das Publikum zu beflügeln, und „Vielfältigkeit. Formen von Stille und Leere“ lässt durchaus auf eine mögliche Erneuerung hoffen. Vielleicht ist ja auch der angedrohte Arbeitskampf vor den Pforten der Komischen Oper ein Signal des Neuanfangs – Zeichen der Solidarität im Ensemble, eines vorsichtigen Selbstbewusstseins nach zehn zunehmend zähen Jahren unter Malakhov.