Ballett

Die „Dornröschen“-Premiere bietet prächtigen Spitzentanz

Nacho Duato geht bei seinem Einstand als Intendant des Staatsballetts Berlin mit „Dornröschen“ auf Nummer sicher. Das war zwar nicht mutig, sorgte aber für reichlich Jubel.

Foto: FABRIZIO BENSCH / REUTERS

Was sind schon drei Stunden Spitzentanz zu den 100 Jahren, die Dornröschen auf ihren Prinzen warten muss. Dem Choreografen Nacho Duato werden aber schon die drei Stunden wie eine Ewigkeit vorgekommen sein. Die „Dornröschen“-Premiere in der Deutschen Oper war sein Einstand als Intendant des Staatsballetts Berlin. Am Ende kam er mit schnellen Schritten auf die Bühne, erhielt einen kurz aufbrausenden Jubel – und damit war eigentlich alles geklärt. Duato ist vom Berliner Publikum angenommen worden. Jedes Buh wäre bitter für ihn gewesen.

Aber das Märchenballett nach Musik von Peter Tschaikowski ist sowieso die bezauberndste Mogelpackung, um sich beim Publikum beliebt zu machen. Die Bühnenbilder und Kostüme von Angelina Atlagic sind so bunt und prächtig, dass man die ganze Zeit Ah und Oh hauchen möchte. Es spricht ja auch nichts dagegen, dass der Spanier, der sich eigentlich einen Namen mit modernen Choreografien gemacht hat, in Berlin auf Nummer sicher gehen wollte. Ganz unumstritten ist das Ganze dennoch nicht. Nacho Duato hat eine Inszenierung aufgewärmt, mit der er bereits 2011 bei seiner vorherigen Compagnie am Mikhailovsky-Theater in St. Petersburg geglänzt hat. Mit „Dornröschen“ hat er einen beliebten Klassiker, bei dem sich alle Nachahmer an den Schritten von Ballett-Urvater Marius Petipa messen lassen müssen, aufgepeppt. Es ist ein „Dornröschen light“ geworden. Das hat auch etwas von Zeitgeist-Hybris.

Mona Lisa mit Bärtchen

Keiner würde auf die Idee kommen, der Mona Lisa im Louvre einen Bart anzumalen, weil Conchita Wurst gerade ein Travestie-Popstar ist. Echte Klassiker stehen zeitlos für sich. Duato hat etwa die Pantomimen gestrichen, die bei Balletttänzern oftmals so peinlich wirken wie die gestelzten Sprechtexte von Opernsängern. Der Berliner Theaterregisseur Michael Thalheimer hat kürzlich bei Webers „Freischütz“ an der Staatsoper die Dialoge gnadenlos zusammen gestrichen. Thalheimer und Duato sind stringente Geschichtenerzähler, die beiden verbindet in ihrer ästhetischen Denkweise der Verknappung einiges. Dazu gehört auch das Schelmische in kleinen Gesten.

Dramatisch geht es im Orchestergraben zu

Sieht ja aus wie Conchita Wurst, entfuhr es einem Mann im Publikum in Hörweite, als die böse Fee Carabosse auf die Bühne stürmte. Der Russe Rishat Yulbarisov tanzt die schwarze Hexe mit so viel unverschämtem Genderbewusstsein, es ist köstlich. Eine der schönsten Ideen von Duato sind die sechs Begleitfiguren von Carabosse, die wie in Fantasy-Filmen als Teil des Bösen die Bühne beherrschen. Ansonsten bleibt „Dornröschen“ wieder Spitzentanz, das Stück ist hervorragend besetzt.

Iana Salenko wird als geschmeidig mädchenhafte Prinzessin Aurora vom Publikum geliebt. Ihr Wachküsser Leonid Sarafanov verbindet in der Rolle des Prinzen Desiré kraftvolle Technik mit großer Leichtigkeit. Dramatisch geht es im Orchestergraben zu. Dirigent Robert Reimer lässt das Orchester der Deutschen Oper aus dem Vollen schöpfen, es erinnert zunächst mehr an Wagner als an Tschaikowski. Aber Stück für Stück kommt atemvolle Eleganz in den Abend. Am Ende sehen sich alle Künstler bejubelt.

Deutsche Oper, Bismarckstr. 35, Charlottenburg. Staatsballett zeigt „Dornröschen“ am 20.2.; 6., 15.3.; 3., 6.4. Tel. 030-206092630