Die an der Staatsoper bejubelte „Macbeth“-Wiederaufnahme mit Starbesetzung macht beiläufig deutlich, wie dicht in der Oper die Darstellung und das Leben der Künstler beieinander liegen. Man muss nur einmal auf die Könige achten. Irgendwann schleppt sich der alte König über den Hügel, den Bühnenbildner Erich Wonder in der Mitte errichtet hat, in sein Schlafgemach, wo er gemeuchelt wird. Der König zieht müde sein Schwert hinter sich her. Es ist sofort zu sehen, dass das nur gespielt ist.
Die beiden Königsanwärter klettern gleich zu Beginn aus einem Loch des Hügels heraus. Banquo scheint geradezu von seinem Schwert gezogen zu sein. Der Bassist René Pape, er ist gerade auf dem Zenit seiner Karriere, singt den Helden wie in Stein gemeißelt, mit sonorer Fülle und kraftvollen Farben. Der zweite Feldherr hat dagegen einige Probleme, sich aus dem Loch heraus zu winden. Er muss sich auf sein Schwert stützen und fällt für einige Sekunden wackelnd aus seiner Rolle. Das ist der Macbeth von Placido Domingo.
Es geht natürlich um die Libido
Der Starsänger, inzwischen 74 Jahre alt, ist ein König der Opernwelt. Domingo ist der größte lebende Tenor, der aber keiner mehr ist. Mit der Partie des Macbeth hat er sich jetzt eine weitere Bariton-Rolle erschlossen. Es ist gleichsam ein Zurückschalten, die gefährlichen Kurven der Partien werden behutsamer, teilweise durchaus auch genussvoller durchfahren. Zuletzt war der Neu-Bariton Domingo als Graf Luna an der Seite von Anna Netrebko in Verdis „Il trovatore“ in der Staatsoper zu erleben. Bei seinem Rollendebüt als Macbeth zeigt sich Domingo an diesem Sonnabend stimmlich in deutlich besserer Verfassung. Als Routinier weiß er seine Kräfte einzuteilen, und zwischendurch wird das Publikum mit dem altvertrauten Domingo-Sound verwöhnt. Er war nie ein Mann der Zwischentöne. Ihm gelingt ein Macbeth zwischen Stattlichkeit und Resignation.
Ein Text von Siegmund Freud findet sich im Programmbuch. Es geht natürlich um die Libido, diesmal speziell um Frauen, die nach dem erreichten Erfolg zusammen brechen. Freud befasst sich ausgiebig mit dem Fall der Lady Macbeth nach Shakespeare, vieles davon möchte man gar nicht wissen. Frauen sind kompliziert, weiß Freud. Wohingegen der Komponist Giuseppe Verdi seine Mörderbraut etwas schlichter sah, vor allem ungestalt, hässlich, teuflisch sollte sie sein. Regisseur Peter Mussbach, von dem die zeitlose Inszenierung aus dem Jahr 2000 stammt, folgte Verdi darin aber nicht.
Es ist ein großer Abend voller gepflegter Melancholie
Mussbach, von Hause aus selbst ein Psychiater, zeigt die Lady als eine Frau, die begehrt sein will und Lust auf Glamour, auf Macht hat. Liudmyla Monastyrska gibt ihr dieses Format. Die Sopranistin gefällt nicht nur in den hohen Lagen, sondern weiß auch mit geschmeidiger Tiefe zu verführen. Darüber hinaus ist mit Rolando Villazon ein weiterer Opernliebling mit von der Partie, der sich wieder mit Leidenschaft in Szene setzt. Allerdings ist Verdis „Macbeth“ keine Oper, die auf smarte Tenöre hört.
Daniel Barenboim gewinnt am Pult der düsteren Musik viel Leichtigkeit ab. Staatskapelle und Opernchor sind ein Genuss. Es ist ein großer Abend voller gepflegter Melancholie. Das Publikum ist hingerissen, nur Domingo muss im Jubel ein einzelnes, ja fast verschämtes Buh einstecken. Sämtliche Vorstellungen im Schiller-Theater sind bereits ausverkauft.





