Philharmonie

Angela Denoke hat einen ermüdenden Traumberuf

Sie hat eine große Stimme. Aber sie ist keine Anna Netrebko. Angela Denoke ist eine Anti-Diva. Am 1. Dezember gibt die Opernsängerin einen Weill-Abend in der Philharmonie.

Foto: Johannes Ifkovits

„In ihren frühen Aufnahmen singt Lotte Lenya mit einer ganz reinen, fast kindlichen Stimme. Diese Stimme hatte Kurt Weill beim Komponieren im Ohr“, sagt Angela Denoke. Die Sopranistin, 53, gehört zu jenen Interpretinnen, die genau wissen, was sie der Bühne schuldig sind. Also wird alles drum herum gelesen, gehört, verglichen. Irgendetwas könnte für ihre Liederabende ja wichtig sein. „Two Lives to Live“ heißt ihr Programm am heutigen Montag im Kammermusiksaal der Philharmonie.

Es ist dem jüdischen Komponisten Kurt Weill gewidmet, seinem Wirken in Deutschland und seinem späteren Leben in den USA. „Die Ballade von der sexuellen Hörigkeit“, „Alabama Song“, „Surabaya Johnny“ oder „September Song“ sind angekündigt, die Texte stammen von Bertolt Brecht. „Die Musik Weills passt sich diesen Texten auf kongeniale Weise an“, sagt Angela Denoke, die 1999 zur „Sängerin des Jahres“ gewählt worden war. Der Name Weill begleitet ihre Karriere, er steht ihr nahe. Sie schwärmt von seiner musikalischen Vielseitigkeit.

Fremdeln mit dem Glamour

Bei Weill und seiner Muse Lenya reicht das Interesse der Sängerin übrigens bis ins Private hinein. „Die Beiden hatten eine sehr moderne Auffassung von Partnerschaft. Oder anders gesagt: Sie ging oft fremd. Aber sie haben immer wieder zusammen gefunden“, sagt Angela Denoke. „In ihrem ausführlichen Briefwechsel spiegeln sich Spannungen und das Miteinander wieder. Es ist spannend zu lesen, wie liebevoll Weill an Lenya geschrieben hat. Seine Briefe sind voller Koseworte, ihre dagegen fast nüchtern.“ Für eine Liedausdeuterin ist das nicht unwichtig zu wissen. In unserem Gespräch, wir sitzen im Foyer der Philharmonie, wird sie mehrfach auf die Lenya zurückkommen.

Angela Denoke singt in den großen Opernhäusern und Konzerthäusern und bei wichtigen Festivals. Dabei wirkt die schlanke kurzhaarige Frau so überhaupt nicht wie eine angeschickerte Soprandiva, die nur Champagner trinkend durch die Welt fliegt und sich vom Jetset feiern lässt. Die Norddeutsche, 1961 in Stade geboren, hat zunächst Schulmusik und später erst Gesang an der Hamburger Musikhochschule studiert. Sie ist eher geprägt von der Nüchternheit und dem Understatement, wie sie im Hamburger oder auch im Berliner Musikbetrieb üblich sind. 2009 wurde sie zur Österreichischen Kammersängerin ernannt. Aber die glamouröse Überschwänglichkeit, mit der Künstler zwischen München und Wien hofiert werden, scheint ihrem sanften, nachdenklichen Wesen fremd zu sein.

Ein Fehler, Brünnhilde abzusagen

Dass sie zu den zehn wichtigsten Sängerinnen hierzulande zählt, merkt man wie so oft an ganz anderen Dingen. Etwa an den öffentlichen Reaktionen, wenn Stars wie Anna Netrebko, Jonas Kaufmann oder Rolando Villazon einen Schnupfen haben oder aus anderen Gründen etwas absagen. Auch Angela Denoke steht unter Beobachtung des Klassikbetriebs. Diskussionen löste ihre Entscheidung aus, 2013 doch nicht in Frank Castorfs „Ring des Nibelungen“ bei den Wagner-Festspielen in Bayreuth mitzumachen. „Es gibt immer wieder einmal Fehlentscheidungen“, sagt sie: „Ein Fehler war etwa, in Bayreuth die Brünnhilde zuzusagen. Ich habe alle drei Opern ausführlich studiert, aber ich war mit meinen Möglichkeiten in dieser Partie nicht zufrieden. Entscheidend für meine Absage aber war, die drei Opern mit nur einem Tag Pause dazwischen singen zu sollen.“ Ein Jahr vor Probenbeginn hat sie die Rolle zurückgegeben. „Man hatte Verständnis dafür“, sagt sie und meint die Festspielleitung. Darüber hinaus wurde es in den Zeitungen und im Internet diskutiert.

Sie schaffe es immer besser, Nein zu sagen, fügt sie hinzu. Genau genommen gehört Angela Denoke zur Generation der Anti-Diven, die den verschleißenden Musikbetrieb und sich selbst ständig hinterfragen. Auf die Frage, ob sie den richtigen Beruf gewählt habe, antwortet sie mit aller Deutlichkeit: „Jein. Einerseits ist es ein Traumberuf, andererseits ist das Reisen mit immer neuen Hotels in wechselnden Umgebungen irgendwann ermüdend. Inzwischen nehme ich mir mehr Auszeiten. Gerade habe ich ein ruhigeres Jahr vor allem mit Konzerten. Es gibt ein ausgefülltes Privatleben, das ich ohne Oper und Konzert wirklich genießen kann.“ Die Sängerin ist gemeinsam mit ihrem Mann, Tenor David Kuebler, wieder in die Gegend ihrer Kindheit zurückgekehrt. „In Stade haben wir die Natur vor der Haustür. Wir fahren viel mit dem Fahrrad und spielen Golf. Es ist ein anderes Leben als in der Großstadt. Außerdem ist Hamburg ja nur einen Katzensprung entfernt.“

Zum Regietheater hingezogen

Das Zurückschrecken vor Wagners Wahnsinnspartie hat sie offenbar nachdenklicher werden lassen. Sie erklärt ausführlich, warum sie diese oder jene Partie singen kann. Dass manche Frauenpartien meist zu jung oder zu alt besetzt werden. Und warum sie einige Rollen nicht mehr annehmen werde. „Ich bin keine hochdramatische Sängerin und das werde ich auch nie werden. Ich habe eine jugendlich-dramatische Stimme“, sagt sie: „Bei der Brünnhilde habe ich gemerkt, dass meine Stimme schwerer wurde. Es hätte mir den Weg zurück zu meinen anderen Rollen verbaut.“

Im kommenden Jahr meldet sie sich wieder in der Oper zurück, in Wien folgt eine Partie der nächsten. Es beginnt mit der Küsterin in der „Jenufa“, die Skandalregisseur Calixto Bieito in Stuttgart inszeniert hat. Die Küsterin wird oft mit älteren Damen besetzt. „Ich halte das für falsch“, sagt Angela Denoke, „die Küsterin ist eine relativ junge Frau.“ Bieitos Inszenierung hat sie bereits gesehen. Es sei anders, als man es erwartet, aber der innere Kampf der Küsterin komme deutlich heraus. Die Sängerin fühlt sich durchaus zum Regietheater hingezogen.

Oft in Schubladen gesteckt

„Aber die Arbeit auf der Bühne sollte für mich gerade mit Regisseuren partnerschaftlich sein. Manchmal will und kann man eine Zusammenarbeit nicht wiederholen, was ich dann auch direkt sage. Sehr gerne arbeite ich zum Beispiel mit Christoph Marthaler zusammen. Er führt mich an Grenzen heran, ich lerne meine Ausdrucksmöglichkeiten zu erweitern, er bereichert mich.“ Bei den Dirigenten, mit denen sie gerne arbeitet, nennt sie Sylvain Cambreling und Ingo Metzmacher.

Angela Denoke ist eine Sängerin für die komplexen, schwierigen Frauenfiguren. Es läge ihr, sagt sie, schauspielerisch zu arbeiten. „Die einzige Rolle, die mir noch fehlt, wäre die Isolde.“ Die würde sie gerne noch singen. „Ich habe sehr oft die ,Wozzeck’-Marie gesungen. Es ist eine von meinen Lieblingspartien und ich habe sie bereits in zwölf Produktionen gesungen. Nächstes Jahr folgt eine Neuproduktion in Chicago. Auch die Marschallin im ,Rosenkavalier’ begleitet mich schon sehr lange. Man wird in diesem Beruf oft in Schubladen gesteckt und dagegen habe ich mich erfolgreich gewehrt. So singe ich eigentlich schon immer fächerübergreifend.“

Wozu auch die Liederabende gehören. Das ist eine ganz andere Spielwiese. Zumal, wenn sich die Weill-Kenner an der späten Lotte Lenya, Gisela May oder Ute Lemper orientieren. „Dass ich eine ausgebildete Stimme habe, kann und will ich ja nicht verleugnen“, sagt Angela Denoke. „Gerade bei den Weill-Liedern hat man Sänger im Ohr, die das mit einer sehr rauen, verlebten Stimme interpretierten. Am Ende muss aber jede Sängerin die Lieder auf ihre Art und Weise interpretieren.“