Dieter Hallervorden lässt die Gläser klirren. Also nicht Hallervorden als Hallervorden, sondern als Monsieur Jourdain, seine neueste Rolle. Er spielt eine Person, „die alles können möchte, aber nichts kann“. Einen reichen Kaufmann, der zum Adel schielt und den eigenen Aufstieg plant. Es dürfte die ehrgeizigste Produktion dieser Saison am Schlosspark Theater sein – und wohl auch Hallervordens liebste. Er selbst bezeichnet die Inszenierung „Der Bürger als Edelmann“ als „Edelstein der sechsten Spielzeit“ und sagt, dass Molière „schon zu Studienzeiten mein absoluter Lieblingsautor war“. Hallervorden hat ja Romanistik studiert, er übersetzt gelegentlich neue Stücke aus Frankreich für sein Theater.
Diesmal war das nicht nötig, denn erstens gibt es zahlreiche Übersetzungen des 1670 uraufgeführten Werkes, und zweitens vertraut er der Fassung seines Regisseurs Folke Braband. Denn der gehöre zu den Autoren, die nicht an jedem Komma hängen, sagt Hallervorden, ergo gab es einige Veränderungen während der Proben. Wir treffen den Regisseur und die beiden Hauptdarsteller im Anschluss an eine Fotoprobe, bei der Ausschnitte aus einzelnen Szenen gezeigt werden. Danach steht ein Durchlauf auf dem Programm. Deshalb behält Dagmar Biener, die Madame Jourdain spielt, ihr Kostüm beim Gespräch zwischen den Proben praktischerweise gleich an.
Im Bademantel im Champagner-Foyer
Der Hausherr kommt, leider ohne Perücke, im blauen Bademantel ins Champagner-Foyer seines Theaters. Ein ziemlicher Kontrast zu seiner Bühnenfigur. Monsieur Jourdain lässt den Schneider kommen, probiert einen Morgenmantel aus „feinster Kaschmir-Seide“ an und wundert sich darüber, dass die Blumen unten hängen. Das sei très chic und außerdem trage man das so, erwidert der Schneider, eine von zwei Rollen von Harald Effenberg, einem der ganz langen schauspielerischen Weggefährten von Hallervorden.
Effenberg stand schon bei den legendären TV-Sketchen an seiner Seite. Außerdem gibt er den Fechtmeister, also den im Stück. Es gibt auch einen realen, denn seit Hallervorden als 23-Jähriger seine Schauspielausbildung beendete, hat er auf der Bühne nicht mehr gefochten: „Das war nicht nötig.“ Deswegen sei jetzt eine „Erinnerung nötig“.
Blick auf menschliche Schwächen
Die Inszenierung spielt in der Entstehungszeit des Stückes. Nicht nur im Bühnenbild lebt die Zeit des Barocks wieder auf, auch die Kostüme sind von der Mode der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts inspiriert. Gespielt wird ein Klassiker im klassischen Ambiente, das war der Wunsch von Hallervorden, der beim Publikum eine Sehnsucht nach bekannten Werken spürt.
In seinen ersten Jahren als Intendant des Schlosspark Theaters hatte er viele deutschsprachige Erstaufführungen im Spielplan gehabt, jetzt gibt es eine kleine Kurskorrektur. Oder wie Hallervorden sagt: „Dieses Stück entspricht genau unserem Motto ,Geist mit Humor‘.“ Molière habe einen „wunderbaren Blick auf die menschlichen Schwächen“. In der Rolle des Monsieur Jourdain „gehen Dummheit, Eitelkeit, Ignoranz und Selbstüberschätzung eine so innige Verbindung ein, wie man sie zu allen Zeiten bei vielen Menschen beobachten konnte und kann.“
Im Gegensatz zu „Tartuffe“ oder dem „Menschenfeind“, die häufiger aufgeführt werden, sei „Der Bürger als Edelmann“ schon „lange nicht mehr in Berlin zu sehen gewesen“, sagt Hallervorden. Heute Abend ist Premiere. Und weil eine solche Molière-Produktion aufwendig ist, braucht das als Privatbühne finanziell nicht gerade auf Rosen gebettete Schlosspark Theater einen Kooperationspartner. Die Steglitzer Bühne teilt sich die Kosten mit dem Ernst Deutsch Theater, und weil die Hamburger noch eigene Werkstätten haben, entstanden dort das Bühnenbild und die Kostüme. Hallervorden, Biener und die anderen reisen dann samt Aufführung im kommenden Sommer in die Hansestadt und spielen dort knapp sechs Wochen lang.
Immer diese Dienstmädchen
Dagmar Biener kennt das Gastspielgeschäft, sie ist gerade von einer Tournee mit dem „Eisernen Gustav“ zurückgekommen. Zwei Wochen war sie unterwegs, konnte bei den Proben in Steglitz nicht dabei sein. Sie haben die Szenen vorab geprobt. Dagmar Biener spielt zum ersten Mal mit Hallervorden, der sogleich die „Erzkomödiantin“ lobt: „Es macht großen Spaß, mit ihr zu spielen“. Obwohl sie auf der Bühne in ihrer Rolle als Gattin, die das Spiel der anderen durchschaut und den Verlust des Vermögens fürchtet, eher eine Spaßbremse ist. Immer wenn Monsieur Jourdain ein paar Leute empfängt, kommt sie grollend und schimpfend in den Salon. „Das hat sie 40 Jahre lang zu Hause geübt“, sagt Hallervorden, der auch jenseits der Bühne verlässlich für Lacher sorgt.
Dagmar Biener lacht mit. Sie mag Rollen wie die der Madame Jourdain. „Ich hab’ mein Lebe lang immer die Dienstmädchen gespielt und nicht die vornehmen Damen – macht ja mehr Spaß.“ Im Schlosspark Theater hat sie sogar ihren ersten Molière gespielt. 1957 war das, „Der eingebildete Kranke“. Sie war damals noch ein Kind gewesen, hatte die Rolle der kleinen Louison bekommen, die mangels Besetzungsmöglichkeiten gern gestrichen wird. 1990 hat sie im gleichen Stück an der Tribüne die Dienerin Toinette gespielt. Der Regisseur hat sie gefragt, wie alt denn ihre Tochter sei (sie war damals neun Jahre alt) – und sie dann als Louisan auf die Bühne geholt. So schließen sich Theaterkreise.
Eigentlich ist „Der Bürger als Edelmann“ ja eine Ballettkomödie. Nachdem sich die politische Freundschaft zwischen Frankreich und dem Osmanischen Reich abgekühlt hatte, gab Ludwig XIV. den Auftrag, eine „cérémonie turque“ zu inszenieren, mit dem das Osmanische Reich auf der Bühne verulkt werden sollte. Einen spöttischen Blick warf Molière dann aber auch auf die französische Gesellschaft. Während Regisseur Braband die Tanzeinlagen in der Inszenierung zugunsten der Komödie reduziert hat, ist die Mamamutschi-Szene geblieben – im Schlosspark Theater wird gerappt.



