Mit 77 Jahren fangen wenige Menschen an, sich noch einmal einer neuen Herausforderung zu stellen. Dieter Hallervorden hat es getan. Der Schauspieler und zweifache Theaterdirektor war über sein Blödelimage, über die Gleichsetzung von Didi mit Hallervorden, nie sonderlich erfreut. „Palim palim“ haftete ihm hartnäckig an, obwohl er die legendäre Fernsehfigur schon im vergangenen Jahrhundert begraben hatte. Aber erst jetzt, wo Hallervorden auf die 80 zugeht, wandelt sich seine Wahrnehmung. Er hat dafür hart gearbeitet.

Imagewandel mit Ironie

Man kann das an einem Ereignis festmachen. Nachdem „Sein letztes Rennen“ im vergangenen Herbst in die Kinos kam, Hallervorden spielt in seinem ersten Film seit 20 Jahren einen selbstbewussten Altenheimbewohner mit Marathonambitionen, ist er der Mann für die Charakterrollen. Der heute 78-Jährige bekommt die Angebote, auf die er so lange gewartet hat.

Für Hallervorden sei die Rolle wie eine Wiedergeburt, die ihm noch ganz neue Wege eröffnen werde, prophezeite die FAS zum Filmstart. Ein halbes Jahr später wird Hallervorden für seine Rolle des rennenden Rentners in der Kategorie bester männlicher Hauptdarsteller für den Deutschen Filmpreis nominiert. Am Freitagabend hat er ihn nun gewonnen. Ein Ritterschlag.

Dieter Hallervorden ist kein Freund des Ruhestands. Vor fünf Jahren hat er das Schlosspark Theater wiederbelebt. Als Direktor kümmert er sich nicht nur um den Spielplan, er besucht Proben, übersetzt Stücke aus dem Französischen und steht regelmäßig selbst auf der Bühne.

Er spielt gelegentlich in Fernsehproduktionen mit und synchronisiert Filme. Und dann hat er auch noch ein zweites Haus, die Wühlmäuse in Charlottenburg. Der Schauspieler registriert den Imagewandel, den er selbst mit seinem „Herzensprojekt“, der Übernahme des Schlosspark Theaters, eingeleitet hat, mit einer Mischung aus Genugtuung, Demut und Ironie. „Jetzt habe ich eine neue Phase und es macht natürlich Spaß, im Alter noch mal so eine Herausforderung zu haben. Ich hätte es auch schon vor 30 Jahren gekonnt.“

Aber da hat man ihn nicht gelassen. Das Vertrauen von Regisseuren und Produzenten gewann er erst mit „Sein letztes Rennen“, danach „habe ich viele Angebote bekommen“. Einige hat er abgesagt, weil die „zu weit weg vom dem Weg liegen, den ich im Moment beschreiten darf“.

Bei anderen hat er zugesagt. Seit Ende April laufen die Dreharbeiten für Til Schweigers neuen Film „Honig im Kopf“. Erneut eine Hauptrolle, diesmal an der Seite von Emma Schweiger, der jüngsten Tochter des Regisseurs.

Hallervorden hat erst gezögert, sich Bedenkzeit ausgebeten, das Drehbuch studiert (und für gut befunden) und seine Zusage schließlich davon abhängig gemacht, ob die Chemie zwischen ihm und Emma stimmen würde. Der von ihm gespielte Großvater driftet langsam in die Demenz ab, zur Vorbereitung hat Hallervorden Alzheimer-WGs besucht, Fachbücher gelesen und mit einem Professor gesprochen.

Nicht das Budget eines Films ist für seine Mitwirkung entscheidend, sondern der Inhalt. So spielte Hallervorden in dem aserbaidschanischen Film „Quisas almadan ölme“ (sinngemäß: „Sterben in Versöhnung“) mit, eine Rachegeschichte vor dem Hintergrund der Vertreibung der Kaukasiendeutschen in der Stalinzeit.

Der Regisseur Oktay Mir-Qasim wollte ihn unbedingt haben, erzählt Hallervorden. Er spielt seine Beteiligung an dem Film etwas herunter. „Es war eigentlich eine kleine Rolle, es sieht nach einer großen aus, weil ich im Off als Kommentator zu hören bin. Im Prinzip war ich nur fünf Tage da.“ Das Team sprach Russisch, das Hallervorden entsprechende Sprachkenntnisse aus der Schulzeit hatte, erleichterte die Arbeit am Set. Er wuchs in Dessau auf, studierte Romanistik an der Berliner Humboldt-Universität, konnte sich mit dem politischen System im Osten nicht anfreunden, floh 1958 in den Westteil der Stadt und setzte sein Studium an der Freien Universität fort.

Die „Didi“-Zeit will er nicht missen

Ob der Film jemals in die deutschen Kinos kommt, ist ungewiss. Bei der Premiere in der aserbaidschanischen Hauptstadt Baku im Februar konnte Hallervorden nicht dabei sein. Er stand auf der Bühne des Schlosspark Theaters. Wenn der Chef persönlich auftritt, sorgt das verlässlich für ein gut gefülltes Haus.

Auch dank „Didi“ und anderen Fernsehshows konnte er sich das Theaterwagnis überhaupt leisten. Hallervorden sagt: „Diese Zeit möchte ich nicht missen, denn sie hat mich in die Lage versetzt, Geld zu verdienen, mit dem ich das Theater eröffnen konnte. Irgendwie gebe ich dem Publikum einen Teil von dem zurück, was es mir gegeben hat durch die Treue über Jahrzehnte hinweg.“

Er hat über eine Million Euro in die Sanierung gesteckt, versucht, abseits des Zentrums ein der Unterhaltung verpflichtetes, gleichwohl ambitioniertes Theater zu machen. Mit bescheidener öffentlicher Unterstützung.

Ein paar hunderttausend Euro gibt Berlin aus dem von der rot-schwarzen Koalition neu geschaffenen Boulevardtheatertopf dazu – im Vergleich zu der Zwei-Millionen-Euro-Förderung für das programmatisch ähnlich aufgestellte Renaissance-Theater ist das ziemlich wenig.

Eine Auslastung von etwa 70 Prozent bräuchte er, im vergangenen Jahr lag sie darunter. Seit Anfang des Jahres „läuft es richtig gut“, die Stücke und die Besetzungen ziehen das Publikum ins Haus.

Aber ein Theaterbetrieb ist immer ein Risiko, Erfolge kommen manchmal so unverhofft wie Flops. Gerade der Sommer ist eine schwierige Bühnenzeit, zudem gibt es in diesem Jahr wieder eine Fußballweltmeisterschaft. Und Hallervorden kann ja schlecht jeden Abend selbst auf der Bühne stehen. Gerade jetzt, wo ihn der Film entdeckt hat.