Sammlung

Die Kunstschenkung wurde für Pietzsch zur Enttäuschung

Vor fünf Jahren schenkte Heiner Pietzsch seine Sammlung dem Land Berlin. Es sollte sie der Öffentlichkeit zugänglich machen. Seitdem ist wenig passiert. Von der Politik ist Pietzsch enttäuscht.

Foto: Amin Akhtar / Amin Akhtar/VG Bild-Kunst, Bonn 2014

Für den kommenden Montagabend hat sich Hermann Parzinger einen feinen Plan zurechtgelegt. In der Neuen Nationalgalerie möchte der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz die letzte Ausstellung eröffnen, bevor die zum Jahresende mindestens für drei Jahre schließen wird.

„20 Werke für das 20. Jahrhundert. Sammlung Pietzsch“ heißt diese Präsentation. Sie soll nicht nur einen Einblick geben in die wertvolle Sammlung des Berliner Ehepaars Pietzsch, die Max Ernst, Joan Miró, Salvador Dalí und Pablo Picasso umfasst. Sie soll auch ein Signal sein: Die Politik soll sich gefälligst beeilen damit, dass der Weg für einen Neubau im Umfeld der Nationalgalerie freigemacht wird. Schließlich ist auch fünf Jahre nach der Schenkung immer noch kein Ort für die 120 Bilder gefunden worden. Und für das Ehepaar Pietzsch soll die Minischau ein Akt der Versöhnung und Befriedigung sein – nach dem Motto: Schaut einmal, was wir für euch tun.

Der Plan geht nicht auf

Parzingers Plan geht zumindest an einer Stelle nicht auf. Denn Heiner Pietzschs Verärgerung wird sich nicht durch eine Schau beheben lassen. Lange hat er geschwiegen, sich das vergangene Jahr in Geduld geübt, um sich als Sammler nicht in den Vordergrund zu drängen. Schließlich will er kein eigenes Museum. „Ich glaube an nichts mehr“, sagt Heiner Pietzsch nun der Berliner Morgenpost. Er hat das Vertrauen in Berlins Museumspolitik verloren. „Noch einmal“, sagt er mit Bedacht, „würden wir das Geschenk nicht machen. Wir glaubten, Berlin freut sich über alle Maßen.“ Mittlerweile, sagt er, hätte sich bei ihm eine „große Enttäuschung“ eingestellt.

Seine Reaktion ist verständlich. Heiner Pietzsch ist 84 Jahre alt. Er hat das Lebenswerk von sich und seiner Frau Ulla dem Land Berlin zu Lebzeiten vermacht, in dem Glauben und dem Vertrauen, dass Berlin sich verantwortungsvoll und rasch um ein Domizil kümmert. Konkret ist noch nichts geschehen.

Fünf Jahre ist es her, da überschrieb das Ehepaar Pietzsch ihre Sammlung („unsere Kinder“) dem Land Berlin. Unter einer Voraussetzung: Die Werke müssen teilweise gezeigt werden und dürfen nicht im Dunkel der Depots verloren gehen. Klar war von Anfang an, dass die Schenkung nicht in den beengten Mies-Bau passt. Der eigene Bestand dort ist selbst unterpräsentiert, weil einfach Platz fehlt. Gezeigt werden kann nur rund ein Fünftel der Sammlung. Das ist keine gute Situation, und sie ändert sich nur, wenn ein Neubau kommt. 2009 zeigten Heiner und Ulla Pietzsch ihre Sammlung – unter dem Titel „Bilderträume“ – erstmals in der Nationalgalerie, 200.000 Besucher strömten damals in den Mies-Bau. Das stimmte die beiden optimistisch.

Die Zeit drängt

Hermann Parzinger, das wiederholte er die letzten Monate immer wieder, bemüht sich um eine „Richtungsentscheidung“ – bis „Ende des Jahres“. Für Pietzsch dürfte das nicht mehr sein als ein Lippenbekenntnis: Alle reden und betonen die Dringlichkeit der Integration der Sammlung in ein Moderne-Projekt, aber irgendwie passiert nichts. Die Machbarkeitsstudie zur Standortfrage des Erweiterungsbaus der Nationalgalerie liegt nun auch schon ein Jahr zurück. Die kleine Lösung für das Gebäude gleich hinter der Neuen Nationalgalerie an der Sigismundstraße galt als Empfehlung. Dort sollte die Moderne ihr neues Domizil haben, inklusive der Surrealisten von Pietzsch. Die vor zwei Jahren heftig umstrittene Rochade der Gemäldegalerie auf die Museumsinsel war damit vom Tisch.

Als Monika Grütters (CDU) ihr Amt als Kulturstaatsministerin antrat, kam wieder Bewegung in den Fall „Museum der Moderne“. Grütters ist eine Verfechterin des Masterplans, der langfristig den Umzug der Alten Meister auf die Museumsinsel vorsieht. Doch das eine schließt bei ihr das andere nicht aus, denn sie weiß um die Dringlichkeit im Falle Pietzsch und kümmert sich auch intensiv darum. Von Anfang an schrieb sie sich das Museum der Moderne auf die Fahnen.

Doch die mit bis zu 200 Millionen Euro veranschlagten Kosten dafür bei den Haushältern genehmigt zu bekommen, erwies sich als schwierig. Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble will unbedingt einen ausgeglichenen Bundeshaushalt vorlegen und erwartet Ausgabendisziplin. Immerhin erreichte Grütters erneut eine Steigerung ihres Budgets, unter anderem konnte sie eine Erhöhung des Bauetats der Preußenstiftung um 26 Millionen Euro durchsetzen, die Summe wird in die kostspielige Sanierung des Mies-Baus fließen.

Private Finanzierung des Projekts

„Ich wünsche mir“, sagte Monika Grütters im August, „dass der Bund nicht allein dasteht, sondern dass es auch ein Mitwirken von der privaten Seite und von Berlin gibt.“ Man arbeite mit Hochdruck daran, „alle Möglichkeiten auszuloten, um diesen Prozess zu beschleunigen“. Da war klar, dass sie nach Alternativen sucht. Parzinger sagte in einem Interview in dieser Woche, dass als eine Variante eine Art Public-private-Partnership für den Neubau geprüft werde. Das wäre ein neues Modell der privaten Kulturfinanzierung, mit dem man in Berlin noch wenig Erfahrung hat. Ein Investor würde das Gebäude finanzieren, die Preußenstiftung könnte dann mieten oder leasen und hätte eine Option für den späteren Kauf des Museumsbaus.

Noch hängen die Bilder bei dem Ehepaar Pietzsch in ihrer Villa. Ihm entstehe also noch kein Schaden, sagt Heiner Pietzsch, allerdings den „Berliner Bürgern und der Stadt, wenn wir die Bilder verkaufen oder anderswo unterbringen“. Deutlicher kann er nicht mehr werden. Denn in Pietzschs Geburtsstadt Dresden kann man sich die Kollektion mit den Surrealisten auch gut vorstellen. „Wir halten uns bis Ende des Jahres an unsere Zusage bezüglich der Schenkung“, sagte Pietzsch jetzt gegenüber der Morgenpost. Eine letzte Frist. Die Zeit für eine Entscheidung über den Neubau drängt.

„20 Werke für das 20. Jahrhundert. Sammlung Pietzsch“. Neue Nationalgalerie, Potsdamer Str. 50., Di, Mi, Fr 10-18 Uhr, Sa, So 11 – 18 Uhr. Bis 31. 12.