Konzertkritik

Gemma Ray ist immer auch in bisschen gefährlich

Mit „Milk For Your Motors“ hat die in Kreuzberg lebende Britin Gemma Ray ihr achtes Album vorgelegt. Kleine Popdramen, die sie im Columbiaclub vorstellte – auch unter Einsatz eines Küchenmessers.

Foto: Steve Gullick

Die Atmosphäre ist gelöst und düster zugleich. Bühnennebel zerfasert im kühlen Licht, als würden Gemma Ray, die Sängerin und Gitarristin, und ihre Musiker mal kurz den Staub der Vergangenheit von ihren Schultern wischen. Diese Musik drängt direkt aus den 60er-Jahren ins Heute, mitten in den gut zur Hälfte gefüllten Columbiaclub. Es ist der sich verzehrende Beat der Girl-Groups, die Moll-Melodienseligkeit eines Lee Hazelwood, der Twang-Gitarrenklang eines Duane Eddie, Dick Dale oder Hank Marvin, der die dunklen Pop-Songs der in Kreuzberg lebenden Britin Gemma Ray so unnachahmlich prägt und auf betörende Weise so einzigartig macht.

„Milk For Your Motors“ ist der obskure Titel ihres neuen Albums, das die retroverliebte Songschreiberin am Mittwochabend live vorstellt. In Stiefeln, kurzem Kleidchen und umgeschnallter halbakustischer Gitarre steht sie an der Bühnenrampe. Schlagzeug, Bass, Keyboards und zwei Chorsängerinnen stehen ihr zur Seite, als sie nach einem längeren Vorprogramm der Berliner Sixties-Band The What … For! mit „The Wheel“, einem scharfkantigen, bluesgetränkten Stück vom neuen Album, mit viel Hall auf der Stimme das Konzert eröffnet. Der Sound wird noch besser an diesem Abend.

Bereits 2004 erschien ihr erstes Album. „Milk For Your Motors“ ist ihre mittlerweile achte Songsammlung, auf der sie ihren zwischen Retro und Moderne mäandernden Stil noch einmal verfeinert hat. Das rein instrumentale, nur auf Vinyl erschienene „Down Baby Down“ als auch das letzte reguläre Studioalbum „Island Fire“ von 2012 sorgten für einen ersten Popularitätsschub. Vor vier Jahren hat die 1980 in Essex geborene Gemma Ray das für Musiker attraktive und noch immer erschwingliche Berlin als neue Heimstatt erkoren und pflegt hier ihre Kunst, aus unterschiedlichsten Stilanleihen ihre eigene, höchst individuelle Klangwelt zu erschaffen.

Großes Küchenmesser an der Gitarre

Sixties-Beat und Surfer-Rock, Westernanklänge und imaginäre Filmsoundtracks, Chanson-Melancholie und Popleichtigkeit sind für Gemma Ray Bausteine, die ihre Erzählungen von Liebe und Lust, Schmerz und Verlust, Enttäuschung und Neuanfang zum Klingen bringen. Neue Stücke wie „Shake Baby Shake“ oder „Buckle Up“ sind schwermütige kleine Pop-Dramen, die sich in mehrstimmigen Refrains in bester Girl-Group-Manier auflösen. Doch immer bleibt da etwas unnahbares, etwas Gefährliches. Und das liegt nicht nur an dem beachtlich großen Küchenmesser, das an Gemma Rays Gitarre hängt und mit dem sie kurzfristig auch mal die Saiten bearbeitet und wild aufkreischen lässt.

Sie spielt ihr Instrument in offener Stimmung. Der Vibrato-Hebel ist konsequent im Einsatz. Die Technik wirkt etwas schlicht, aber überzeugend. Das klingt mysteriös nach „Twin Peaks“ und markant wie aus einem Tarantino-Thriller. Und würde auch bestens den Soundtrack für die Krimis von John D. MacDonald oder Elmore Leonard hergeben. „You changed me and I changed“, singt sie mit mädchenhafter Stimme und berückender Coolness. „I felt the difference, when love came.“ Auch so ein neues, wunderbares Stück Retro-Pop, dem dennoch so gar nichts Nostalgisches anhaftet.

Suicide-Sänger Alan Vega gehört zu den Gästen

Überhaupt bleibt die neue Platte im Fokus an diesem Abend. Schon auf „Island Fire“ hat Gemma Ray mit illustren Gästen zusammen gearbeitet. Gleich zwei Song der Sparks hatte sie dafür aufgenommen, eingespielt gemeinsam mit den kalifornischen Sparks-Brüdern Ron und Russell Mael. Auf „Milk For Your Motors“ sind unter anderen Suicide-Sänger Alan Vega und Man-Gitarrist Deke Leonard dabei. Die bleiben an diesem Abend in Tempelhof freilich außen vor, doch auch mit der Live-Band entwickeln die Songs ihren ganz eigenen, elegisch knisternden Charme.

Gemma Ray sucht nicht die Nähe zum großen Musikbusiness. Sie ist offensichtlich keine, die sich schnell verbiegen lassen will. Sie geht ihren Weg, selbstbewusst und auch ein bisschen querköpfig. Denn sie weiß um die Gefahren des schnellen Aufstiegs. „Only one way to the top, but once you fall down you never stop“ singt sie in „If You Want To Rock And Roll“, neben „Runaway“ eines der wenigen älteren Stücke im Repertoire. Nach knapp 60 Minuten und einem abschließenden „So Do I“ ist diese Begegnung mit einer Ausnahmekünstlerin schon wieder vorbei. Doch für drei Zugaben kehrt sie noch einmal zurück. Hingebungsvoller Applaus huldigt der Meisterin des Pop Noir.