Berlin-Konzert

Karen O bringt den Heimathafen zum Kuscheln

Wenn etwas zu lange schön ist, dann wird es wieder langweilig. Doch Karen O schafft es, ihr Berliner Publikum mit ihrem Milka-Herzen-Sound zu verzaubern - schmusig und immer großartig.

Foto: Getty Images

Bei den „Yeah Yeah Yeahs“ ist Karen Orzolek so eine Art singender Orgasmus. Man denke nur an die Hit-Single „Date with the Night“. Wie sie schreit: „Choke, choke, choke“ – so lange bis ihr die Stimme versagt. Sie ist kein schüchtern unter dicken Daunen kieksender Höhepunkt im heimischen Bett. Sie ist richtige Lust. Mitunter aggressive, dem Partner die Luft abdrückende, orgastische Begierde. Singend zieht sie dem Hörer ihre Fingernägel über den Rücken, sie schreit, sie presst. Ein bisschen psychotisch. Ein bisschen Borderline. Aber so herrlich.

Wenn Orzolek als Karen O solo unterwegs ist, wie am Dienstagabend im Neuköllner Heimathafen, dann klingt sie nicht nach Sex, dann klingt sie nach einer großen Packung Vollmilch-Herzen von Milka, nach Knutschen und glasigen Augen. Ihr erstes Solo-Album "Crush Songs" ist eine vertonte Anleitung zum durchs Herbstlaub Stöbern. Hand in Hand versteht sich. Es ist ein bisschen Engtanz. Ein bisschen bekitscht. Aber so herrlich.

Herrlich und bekitscht

Und genau so war auch das Konzert. Begleitet von zwei Singer-Songwritern, den Kalifornier Moses Sumney und der New Yorkerin Miranda Holly, steht sie in einem goldenen Paillettenkleid auf der Bühne, die Augen unter dem brünetten Pagenkopf die meiste Zeit geschlossen. „Left my Baby in New York City, oh what a pity“ singt sie gleich eingangs vom süßesten Vermissen und findet immer wieder findet Platz minutenlange U-Laute – die Moses Sumney noch mit einem Loopgerät verlängert – einzubauen, so dass in wirklich jedem Zuschauer, der dringenden Wunsch erwacht, sich jetzt wirklich sofort zu verlieben.

Unter den Singles bedeutet das ein Menge suchende Blicke. Wen könnte man jetzt mal schnell an die Hand nehmen? Und unter den Paaren bedeutet das die sofortige Bekuschelung. Zartes sich gegenseitiges in den Nacken atmen, wohin man blickt. Der Heimathafen, der an diesem Abend auch noch granatapfelrot leuchtet, wird zum „Crush Palace“, so liest man hinter Karen. Die Pärchenbildung, die Prom-Night-Stimmung, das war genau ihr Plan.

Andächtig hält sie ihr Mikro an die Brust gepresst, wie Picassos Mädchen mit der Taube seine Taube. In der ersten Reihe bläst jemand Seifenblasen dazu. Es könnte eigentlich nicht mehr schöner werden. Aber wenn etwas sehr lange sehr schön ist, dann wird es eigentlich auch schon wieder langweilig.

Die Liebe kennt das gleiche Problem. Karen O's Lieder vom Verliebtsein sind auch vielleicht deswegen sehr kurz. Und dann, gerade noch rechtzeitig, genau in dem Moment, wo es aufhören wollte nur noch schön zu sein, und die Langeweile gerade beginnen wollte, da stimmt Karen dann das wirklich wundervolle „Body“ an.

Zu ihren Zeilen „If you love somebody, anybody“, beginnt Sumney zu schnalzen, und Karen O lässt Glöckchen klingen. Vor seinem inneren Auge sitzt das Publikum nun also auf einer Pferdekutsche und saust im winterlichen St.Moritz durch das Schneegeglitzer, bis ein Schrei erklingt.

Irgendwann ist mit Harmonie Schluss

Er geht durch Mark und Bein. Die Gitarren werden lauter und lauter. Ein schöner Moment. Ein Aufwachen aus dem Liebesdusel. Zum Tanz, bitte. Zu „King“, einem Song über Michael Jackson, stülpt sich die Sängerin einen goldenen Glitzerhandschuh über und zu „Day go by" bittet sie die Berliner Elektroclash-Sängerin Peaches mit ihr Tamburin zu spielen. Immer wieder schreit sie jetzt auch „Berlin!!“, so wie nur eine Karen O "Berlin!!" schreien kann.

Bei der Zugabe verrät sie, das eben dieses Berlin, die letzte Station ihrer Welt-Tournee ist. Sie lacht. Sie verteilt Luftküsse und dann spielen sie und Holly Miranda ein Cover von Radioheads „High and Dry“. Und High und Dry sind nach diesem Konzert, wirklich nur die Zuschauer, die es solo besucht haben.