Konzertkritik

Peter Hook & The Light schwarz und pastell-bunt im „K17“

Stück für Stück lassen sich Peter Hook & The Light im „K17“ in Berlin-Friedrichshain von den zunehmend elektronischen Stücken New Orders davontragen. Ein Abend, der am Ende grell leuchtet.

Foto: Marta Perez / picture alliance / dpa

Peter Hook hat das erste Stück, das er an diesem Abend singt, für seine begrenzte Stimmkraft geschickt gewählt. Es ist „Atmosphere“, schon im Original von Joy Division die Klage eines geschundenen Mannes in gebrochenem Ton. Doch zuvor tritt der Ex-Bassist von Joy Division und New Order aus dem nordenglischen Salford, das bis vor kaum einem Tag außerhalb Großbritanniens nicht viele kannten, an sein Mikrofon, und sagt, er widme das Stück dem jüngsten Opfer der Terrormiliz „Islamischer Staat“, Alan Henning. „Ein Sohn Salfords“, sagt Hook. „God bless his soul“.

Die Synthiewellen der großen Hymne nahen und Peter Hook & The Light haben die gut 400 Zuschauer im Friedrichshainer Club „K17“ sofort auf ihrer Seite. Die Musik von Hooks beiden großen Bands hatte immer zwei Seiten: Die eine schwarz, die andere pastell-bunt. Dunkel beginnt das dreistündige Konzert. „Isolation“, „A Means To An End“ und „Heart and Soul“ erkennen und bejubeln die Besucher schon nach den ersten Noten. Man tanzt den eckigen Tanz der Szene-Diskos der späten 70er. Zärtlich schmiegen sich Gruftie-Paare aneinander.

Jedes Konzert von Gewicht bringt dem Zuschauer eine wichtige Erkenntnis. Dieser Auftritt nun zeigt, was für ein ausgebufftes Quartett Joy Division waren. Kaum dem Punk entwachsen, arrangierten sie ihre Musik wie die ganz großen Tonsetzer ihrer Zeit, ganz wie Philip Glass und Kraftwerk. Sparsam, mit viel Raum für jedes Instrument und doch kompakt wie ein Nummer-Eins-Hit. Im K17 hört man den Apachen-Beat der Schlagzeug-Tiere Klaus Dinger und Jaki Liebezeit, die repetitiven Gitarrenfiguren von Velvet Undergrounds Sterling Morrison, die Keyboard-Flächen Brian Enos und die im ganzen Arrangement tatsächlich unvergleichliche Stimme des unglücklichen Ian Curtis.

Peter Hook spielt Bass wie kein anderer

Nach kurzer Pause stellen Peter Hook & The Light dann um auf New Order, jene Band, die nach Ian Curtis Suizid aus Joy Division wurde. Die Alben „Low-Life“ und „Brotherhood“ von 1985/86 stehen auf dem Programm. Es ist eine Konzertnacht wie ein Crash-Kurs mit der Fragestellung: „Konnten die Erfinder des Düster-Rock auch 'lustig'?“

Drei Non-Album-Stücke schickt Hook voraus. Das letzte ist „Thieves Like Us“, der für viele beste New Order Song. Es ist einer der vielen großen Momente der Nacht, denn Peter Hook spielt Bass wie kein anderer. Neben Paul McCartney ist er der Einzige seines vier-saitigen Fachs, den man sogar erkennen würde, wenn er in die Musik-Gattung „Polka“ wechseln würde.

Hook kann nicht anders, er hat es nicht anders gelernt: Sein erster großer Bass-Verstärker, gekauft von seinem ehemaligen Lehrer, war so miserabel, dass man ganz weit oben am Hals auf der höchsten Saite spielen musste, um die Instrumente der Bandmitglieder zu übertönen.

Daher steht Peter Hook mit einem zweiten Bassisten auf der Bühne, seinem Sohn Jack Bates, der reguläre Bassfiguren beiträgt, während der Vater seine ausufernden Melodien spielt, die das Publikum mitsingt als seien es die in die Rock-Geschichte eingemeißelten Riffs von „Satisfaction“ oder „Should I Stay Or Should I Go“. Überall im Saal singen die Leute mit viel „Deng-Deng-De-Deng“ die Bass-Melodien von Peter Hook.

Die Alben des Abends beginnen. Keyboarder Andy Poole muss sich dafür Tag und Nacht die Original-Platten angehört haben, immer tiefer gegraben haben nach den Sounds von damals, den Rhythmus-Maschinen-Klängen der 80er-Jahre. Ein Archäologe des Klangs.

Ein Mann mit erdverbundenem Pub-Besitzer-Charme

Peter Hook greift zur Melodica und spielt die naive Melodie von „Love Vigilantes“, einer grotesken Kriegs-Geschichte aus den Zeiten Ronald Reagans. Dennoch ist Hook da ein Vorbild für jeden Mann, der irgendwann auch mal 58 Jahre alt werden möchte. Ernst bei der Sache, durchtrainiert, kein Hüne, aber einer, der hinten die Stürmer bremst, vorne die Tore macht und mit erdverbundenem Pub-Besitzer-Charme zwischen VIP-Tribüne und Stehplätzen die Herzen erobert. Am Ende des Konzerts wird er sein T-Shirt ins Publikum werfen.

David Potts ist für viele die wunderbare Entdeckung des Abends. Er spielte mit Hook in dessen Band Monaco. Mit einer schlichten Telecaster-Gitarre ausgerüstet, ist er heute Abend der musikalischer Kopf der Band. Potts bringt sie alle auf die Bühne: Disco-Maschine Nile Rodgers, Jazzer Wes Montgomery und sogar Pat Metheny, wenn Potts das Effektgerät mit den Synthie-Teppichen anstellt. Er hat bei Bernard Sumner, dem Gitarristen von Joy Division und New Order genau nachgehört. Peter Hook und Sumner mögen – momentan – verfeindet sein. Aber was Potts da aufführt, grenzt an eine Hommage. Da er zudem exakt singt wie Sumner, ist er eine perfekte Ergänzung, wenn sich Hook eine Oktave tiefer durch die quecksilbrigen Songmelodien New Orders kämpft.

Stück für Stück lassen sich Peter Hook & The Light von den zunehmend elektronischen Stücken New Orders davontragen. „The Perfect Kiss“ ist wieder ein Meisterwerk des Arrangements, ein Frage- und Antwort-Spiel zwischen Bass und Gitarre. Bei der Ennio-Morricone-Verneigung „Elegia“ lässt sich Hook für die Herbeiführung jener Extra-Portion filigranen Spiels einen Hocker bringen. Und bei „Bizarre Love Triangle“ singt die ganze Halle „Every time I see you falling, I get down on my knees and pray“ – alles will in diesem Augenblick einzig vor der/dem Angebeteten in die Knie gehen. Da ist die Musik von New Order überhaupt nicht mehr schwarz. Da leuchtet der Abend nur noch in himmelhoch jauchzendem Pastell.