Konzertkritik

Pete Doherty und die Libertines zelebrieren ihre Reunion

Das Geniale an der Post-Punk-Indie-Rockband ist die Sexyness ihrer Beiläufigkeit. Merke: Pete Doherty braucht kein Trikot, kaut aber Käsebrötchen. Dabei waren die Fans in der Arena erst skeptisch.

Foto: Britta Pedersen / dpa

Die Arena ist kein guter Ort für dieses Konzert. Es ist groß, nein, es ist riesig, es ist halbdunkel, es hat den Charme einer Contipark-Tiefgarage und da hinten, da wo der Bass rummst und die Schweinwerfer blitzen, da spielen die Libertines. Und es ist 2014. Zehn Jahre nach der Auflösung dieser Band, die so viel größer, so viel ewiger scheint, als die zwei Jahre, die sie tatsächlich existierte, passiert das, was niemand mehr für wahrscheinlich gehalten hat. Die Wiedervereinigung.

Die Post-Punk-Indie-Rockband mit der Doppelkopfspitze hatte sich bereits in mehrere Solo-Projekte gespalten. Pete Doherty, dieser Dampfnudel-Kopf, dieser Süße, der mit dem Trilby-Hut, wollte seine Nachfolgeband Babyshambles schon in The Libertines umbenennen. Ein Riesenstreit. Carl Barât, dieser unscheinbarere zweite Kopf, der mit den Haaren, hat ihn nicht gelassen. Er selber nennt seine Nachfolgeband Dirty Pretty Things. Die sind Geschichte. Solo tourt er als Carl Barât & the Jackals, das ist aktuell, fast noch aktueller als London, Hyde Park, Juli 2014: The Libertines – die offizielle Reunion.

Reunion klingt nach Merchandising neben Käse-Nachos

Reunion. Das klingt nie gut. Das klingt nach Berechnung, Rückschau und Palooza. Nach Merchandising neben Käse-Nachos, nach fade, nach herzlos. Budget-Aufguss. Und was könnte diesen Klang noch besser untermalen, als ein Veranstaltungsort wie die Arena? Drei Lieder lang lässt sich das Publikum, das eigentlich noch sehr jung ist, aber nun angetreten ist, um sich nochmal zehn Jahre jünger zu fühlen, kritisch auf Abstand. Prüfend schaut es sich dieses Gewitter aus von Genuschel begleiteten Gitarrengeschrammel da hinten in der großen Halle an – eine Deutschlandflagge hängt da, Aufschrift: The Libertines.

Dann: Campaign of Hate. Die Flagge fällt, eine Leinwand zeigt die Londoner U-Bahn, sie rauscht in rot und Pete und Carl, erst sangen sie in Kussnähe über dem Mikro, sie küssen sich jetzt wirklich. Den Fans zieht es die Arbeitsleben-Trenchcoats aus. Mit der Faust nach oben, geht es Richtung Bühne, es ist ein weiter Weg, aber der einzig richtige, die Libertines, die will man eigentlich in seinem Wohnzimmer spielen sehen. Maximal noch in einer Bar oder in einem U-Bahnschacht, aber man will bloß nah dabei sein. Die Boys wollen die Boys in der Band sein. Und die Girls wollen, dass die Boys in der Band es mitkriegen, wenn sie ihr schales Bier aufstoßen, während sie ihre Brüste zeigen, und tanzen, tanzen, tanzen, bis die eigenen Haare verschwitzter sind, als die von Carl Barât.

Einfach mal die Nationalhymne angespielt

Nah sein. Auf dem linken Bühnenrand stehen Fans aufgereiht, wie auf einer Perlenkette. Bei jedem Hit reißt sie und ein Fan kullert auf die Bühne. Die Security räumt die Fans weg, und das alles passiert so beiläufig, wie die Libertines spielen, wenn sie Songs wie „What Katie did“ unendlich in die Länge schrammeln, wenn sie zwischendrin aufhören, wieder ansetzen und dann einfach mal kurz die deutsche Nationalhymne anspielen, während BHs und noch ein Bayer-Leverkusen-Trikot auf die Bühne fliegen – Doherty: „Nein, das brauche ich nicht.“

Ihre Genialität liegt in der Sexyness ihrer Beiläufigkeit. Aus dem kompletten Chaos ihres Zusammenspiels entsteht was so vollkommen kantiges, wie rundes. Es fasziniert, wenn Carl Barât raucht während er Mundharmonika bläst und Pete Doherty Käsebrötchen kaut, als er für die erste Zugabe wieder auf die Bühne kommt. Chesterkäse verrät er aus vollen Dampfnudelwangen und es ist völlig richtig so. Genau wie auch diese Reunion richtig ist. Und dieses große, lässige Richtigsein, lässt den Zuschauer zum Schluss dann auch die Palooza-haftigkeit der Halle vergessen, sie sogar schätzen, wenn bei „Music when the lights go out“ Tausende von Menschen singen: „But all the highs and the lows, and the tos and the fros, they left me dizzy, oh won't you please forgive me“

Die Lights der Libertines sind noch nicht aus. Auf Deutsch zählt Doherty ein neues Lied an. Eins, zwei, drei. Sie wollen das neue Album in Hamburg aufnehmen.