Heute arbeitet er seltener mit Tänzern zusammen. Umso mehr freut er sich auf die Begegnung mit dem Béjart Ballet Lausanne. Der Generalmusikdirektor der Deutschen Oper Berlin leitet zwei der drei Abende im Tempodrom. Nur am 19. Oktober übernimmt der junge amerikanische Dirigent James Feddeck das Pult.

Tänzer zu begleiten, ist für Donald Runnicles nicht grundsätzlich anders als mit Opernsängern zu arbeiten. „Ballett kann wie die Oper vom Moment leben. Man kann musikalisch genauso spontan agieren und reagieren – vorausgesetzt, man hat eine hervorragende Choreografie und eine tolle Truppe von Tänzern, die genau auf die Musik hört“, meint er. Natürlich studieren Tänzer die Stücke normalerweise mit einer bestimmten Aufnahme ein und sind dann mehr oder weniger stark von genau dieser Aufnahme geprägt. Donald Runnicles erkundigt sich erst einmal, mit welchen Aufnahmen das Béjart Ballet gearbeitet hat. Vor den Proben bespricht er dann mit Gil Roman, worum es dem Choreografen Maurice Béjart ging, welche Tempi festgelegt werden sollen, was den Tänzern sonst wichtig ist und wo die flexiblen Spielräume liegen.

Maurice Béjart bezeichnet der Dirigent als „Giganten“. Als Runnicles an die Deutsche Oper Berlin kam, schwärmten hier alle von Béjarts „Ring um den Ring“. Das machte ihn neugierig, und er sah sich das Video der legendären Berliner Produktion an. Seitdem ist er ein besonderer Fan von Béjarts Arbeit. Er bedauert, dass er den Choreografen nicht mehr persönlich kennengelernt hat.

Die Musik von Gustav Mahler hat Maurice Béjart und andere Choreografen immer wieder inspiriert. Donald Runnicles kann das gut verstehen: „Mahler versetzt uns in eine völlig neue, spirituelle Welt.“ Die dritte Sinfonie fordert eine Riesenbesetzung. Ronnita Miller (Mezzosopran), Kinderchor, Chor und Orchester der Deutschen Oper Berlin unterstützen die Tänzer.

Für seine 1896 vollendete Natursinfonie hatte der Komponist ein Programm erstellt, das er auch später als gültig anerkannte. Béjarts Choreografie beschränkt sich auf die ineinander übergehenden Sätze vier bis sechs: „Was mir der Mensch erzählt“, „Was mir die Engel erzählen“ und „Was mir die Liebe erzählt“. Nach diesem letzten Satz heißt Béjarts Stück „Ce que l’amour me dit“. „Es kann letzten Endes auch bedeuten: Was mir der liebe Gott erzählt. In dieser Phase seines Lebens hat Mahler fest an Gott geglaubt“, so der Dirigent.

An eine szenische oder tänzerische Umsetzung seiner Sinfonie hat Gustav Mahler sicher nicht gedacht. Die anderen beiden Stücke im Programm sind dagegen als Ballettmusiken entstanden. Maurice Ravel hat seinen „Boléro“ 1928 im Auftrag der russischen Tänzerin Ida Rubinstein geschrieben.

Musikalisch ist das Stück so einfach wie genial und einzigartig. Eine 18-taktige Melodie im Boléro-Rhythmus wird durch zahlreiche Wiederholungen in einem einzigen großen Crescendo vom zarten Pianissimo bis zum wildesten Fortissimo geführt. Béjarts Version der rauschhaften Ekstase ist nur am 19. Oktober zu erleben.

An den anderen beiden Gastspiel-Abenden steht „Le Sacre du Printemps“ auf dem Programm. Igor Strawinskijs urgewaltiges Frühlingsopfer entfesselte bei der Pariser Uraufführung 1913 einen ungeheuren Skandal. Noch immer gilt es als Prüfstein für Orchester. „Die Rhythmen und Akzente waren damals radikal neu, aber trotzdem ist es eine hochromantische Partitur. Darin steckt viel Debussy, viel Impressionistisches. Das Stück lebt von der Farbe, der Atmosphäre, dem großen symphonischen Bogen. Das rhythmische Gerüst zu beherrschen, ist eine Herausforderung. Aber am Ende muss es leben und atmen“, erklärt Donald Runnicles.

Oft hat der Generalmusikdirektor „Le Sacre du Printemps“ im Konzertsaal dirigiert, aber noch niemals als Ballett. Auf diese persönliche Premiere freut er sich besonders.