Berlin bei Tageslicht

In diesen Berliner Open-Air-Clubs wird nachmittags gefeiert

Feiern bis in die Mittagsstunden: Wer nicht auf seinen Schlaf verzichten möchte, kann die Berliner Club-Szene auch bei Tageslicht erkunden. Wir haben die angesagtesten Open-Air-Clubs besucht.

Foto: Dagmar Schwelle/laif

Wann genau es losging, kann man gar nicht mehr sagen. Irgendwann war es plötzlich cooler, nach einem gediegenen Sonntagsbrunch und mit geputzten Zähnen frisch und ausgeschlafen ins Berghain zu tingeln, als nach zehn Stunden und mit verstrahltem Zombiegesicht mittags immer noch dort zu sein.

Das Feiervolk scheint aus der Not eine Tugend gemacht zu haben, man wird schließlich auch nicht jünger. Was soll man tun, wenn der Asphalt abends einfach nicht mehr glänzen will, die Lust auf einen Kamillentee größer ist als auf einen Meter Schnaps und man Zigarettenqualm, ganz ehrlich, eigentlich eklig findet? Wenn sich die Wahrheit – ich will nachts schlafen! – nicht länger leugnen lässt?

Kein Problem, denn Berlin bietet auch für älter gewordene Junggebliebene genug Möglichkeiten, feiern zu gehen: tagsüber und draußen. Das soll ja auch viel gesünder sein. Das Feiern am helllichten Tage hat diverse Reize, man lernt Nüchternheit ganz neu zu schätzen. Das Hauptargument: „Ich find’ die Musik geil und will dazu abgehen, aber hab’ keinen Bock auf Absturz.“ Will heißen: Tanzen ja, Komasaufen nein. Außerdem lassen sich in Clubs gegen Mittag hervorragend Sozialstudien betreiben. Ein beliebtes Spiel: Die Leute, die noch da sind, von denen, die schon da sind, zu unterscheiden zu versuchen. An ihrem Verhalten geht das ganz einfach.

1. Siysphos

Der angesagteste Club zur Zeit. Hier kann man den Pommes-Test durchführen, denn Sisyphos hat sich auf die Gelüste der Gäste auch gastronomisch eingestellt: Der Pommes- und Pizzastand ist für manchen am Morgen die letzte Rettung. So kann es passieren, dass ein bis dato Unbekannter sich mit einem eher feststellenden als fragenden „Darf ich mal!“ aus den soeben erstandenen Pommes bedient. Diese Person ist dann höchstwahrscheinlich noch da. Das Sisyphos wird trotz seiner Lage im für manche fernen Rummelsburg sehr gut besucht, von einigen gar als die neue Bar25 gefeiert, vor allem von Leuten, die noch nie da waren. Den Vergleich hören die Betreiber, wie wohl jeder andere Club der Stadt, ungern. Immerhin hat man sich hier etwas Eigenes aufgebaut. Medienscheu sind die Sisyphoser, weshalb eine Selbstbeschreibung auf der Homepage des Clubs hier reichen soll: „Sagenumwobene Gestalten feiern, bis Mondsicheln aus dem Boden wachsen und die Sternschnuppen Karussell fahren.“ Wer das nicht glaubt, fährt am besten selbst hin.

Sisyphos, Hauptstraße 15, Rummelsburg (S Rummelsburg; Tram 21 bis Gustav-Holzmann-Str.)

2. ://about blank

Falls man es zwar bis nach Ostkreuz geschafft hat, die lange Hauptstraße bis zum Sisyphoser Märchenwald aber nicht mehr auf sich nehmen will. Das Publikum ist hier tendenziell etwas älter als der durchschnittliche Clubgänger. „Weniger Glitzer und mehr Gelassenheit sowie ein respektvoller, multisexueller Umgang“, wie es das Gründungskollektiv ausdrückt, das den Club gemeinsam betreibt und nach außen auch mit einer Stimme spricht. Schwerpunkte sind hier House und Techno, aber auch Disco- und Dubstep-Freunde kommen ab und an auf ihre Kosten. Und während der Garten im Winter ein Lagerfeuer bereithält, legen hier im Sommer DJs auf, am Wochenende auch tagsüber. Bekanntheit hat der Club vor allem durch seine Gay-Partyreihe homopatik erlangt, die vor einigen Jahren von Bologna nach Berlin gezogen ist. Ganz ohne Werbung und nur über Mundpropaganda und Facebook verursacht sie jeden Monat immense Schlangen vor dem Club.

://about blank, Markgrafendamm 24, Friedrichshain (S Ostkreuz)

3. Else

Der Club Else hat seinen Nahmen von der Elsenbrücke. Vom S-Bahnhof Treptower Park aus kann man direkt auf die Location hinuntersehen. Hier wird allerdings nur am Sonntag draußen getanzt. Um 22 Uhr werden die Gäste dann freundlichst in Elses Indoor-Schwester, den Salon zur Wilden Renate, gebeten. Zwar kann dann in der Else noch gechillt werden, aber an lauten Bässen stören sich die Nachbarn.

Else, An den Treptowers 10, Friedrichshain (S Treptower Park)

4. Suicide Circus

Hier scheint es weniger Probleme mit den Bässen zu geben. Doch um im Suicide Circus am Wochenende im Sommergarten noch ein wenig zu House und Tech House zappeln zu können, muss man früh aufstehen. Um 10 Uhr ist meistens Schluss, denn ein typischer „After-Hour-Club“ ist das Suicide nicht. Betreiber Ralf Brendeler, der schon größere Clubs wie das Casino unterhielt, hat darauf einfach keine Lust mehr. „Ich will am Sonntagmittag nicht über verpeilte Drei-Tage-wach-Kinder stolpern“, so Brendeler. Aber manchmal geht eine Party schon bis 13 Uhr oder länger, am besten, man versucht es einfach.

Suicide Circus, Revaler Straße 99, Friedrichshain (S+U Warschauer Straße)

5. Yaam

Wer Elekto nicht mag, oder zu spät zum Suicide kommt, der spaziert die Spree entlang bis zur Schillingbrücke, wo Ende Mai das Yaam mit einer rauschenden Reopening-Party wiedereröffnet hat. Das Reggae-Mekka Berlins zog erst vor kurzem auf das Gelände der Magdalena, die voraussichtlich im Sommer am Osthafen einen neuen Standort im ehemaligen Redaktionsgebäude des Neuen Deutschland beziehen wird. Wie schon am Stralauer Platz wird auch hier neben Reggae- und Dancehallrhythmen viel Basket- und Fußball gespielt, denn das Yaam ist auch ein Jugend- und Kulturverein mit breitem Sportangebot. Doch Tanzen verbietet einem hier niemand, und auch mit einem Bierchen im Liegestuhl oder direkt auf dem warmen Sand lassen sich hier großartig sommerliche Wochenendtage verbringen.

Yaam, An der Schillingbrücke, gegenüber vom Ibis Hotel (S Ostbahnhof)

6. Lichtpark

Reggae ist zwar chillig, aber zu Elektro tanzt es sich doch halt besser? Den Lichtpark auf der anderen Seite der Spree, an der Michaelkirchstraße, finden Feierwütige unter der Woche ab dem Nachmittag, am Wochenende ganztägig geöffnet. „Eine der schönsten Open-Air-Locations der Stadt“, wie Daniel Mizgalski findet. Er ist für das Booking zuständig und schätzt am Lichtpark vor allem den schönen Strand und die weniger strenge Türpolitik. „Wir sind offen für alle, die feiern wollen“, so Mizgalski. „Aber wir schauen schon, ob die Leute Stress machen oder zu betrunken sind.“ Von Dienstag bis Sonntag kann man hier zu elektronischen Beats tanzen oder anderen dabei vom Liegestuhl aus zusehen. Angefangen hat der Laden vor fünf Jahren mit vereinzelten Open Airs, spontanen Partys also zu der sich die Menschen zusammen fanden.

Den Lichtpark könnte noch in diesem Jahr dasselbe Schicksal wie so viele Clubs vor ihm ereilen, es soll auch hier Probleme mit dem Vermieter geben, diese Saison könnte also die letzte am alten Standort sein. Doch Kater Holzig, Magdalena, Yaam und Co. haben gezeigt, dass, wenn nur genügend Menschen feiern wollen, sich auch immer ein Ort dafür findet. Und im Prinzip ist es ja auch egal, ob das nun tagsüber oder Nachts oder rund um die Uhr getanzt wird.

Lichtpark, Michaelkirchstr. 22/23, Mitte (S Jannowitzbrücke; Bus 265 bis Michaelkirchstr.)