Berlin

Warum Paul Linckes „Frau Luna“ immer noch beliebt ist

Herbert Fritsch inszeniert mit „Frau Luna“ eine Operette, obwohl sie eins der Lieblingsstücke der Nationalsozialisten war. Beim Interview beginnt der Regisseur zu singen.

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Vielleicht macht das die Berliner Luft, das sich Herbert Fritsch an der Volksbühne jetzt einer Operette zuwendet. Er inszeniert „Frau Luna“, heute ist Premiere. Uraufgeführt wurde das Werk 1899 im Apollo-Theater in Berlin, der Komponist Paul Lincke war dort als Kapellmeister angestellt. Herbert Fritsch spielte bis 2007 an der Volksbühne, meistens in Inszenierungen des Intendanten Frank Castorf. Vor zwei Jahren kehrte er mit „Eine (s)panische Fliege“ an die Volksbühne zurück – als gefeierter Regisseur. Mit Herbert Fritsch sprach Stefan Kirschner.

Berliner Morgenpost: Herr Fritsch, über „Frau Luna“ hat ein Kritiker kürzlich geschrieben: Der Plot ist überholt, die Texte sind zu lang und die Witze platt.

Herbert Fritsch: Stimmt.

Warum machen Sie das?

Genau deswegen (lacht).

Passt gut zur „Spanischen Fliege“, Ihrer ersten Regiearbeit an der Volksbühne.

Ja, aber es gibt einen großen Unterschied. Die „Spanische Fliege“ hat eine sehr raffiniert gebaute dramaturgische Mechanik. Da ist eine Energie drin, die beim Spiel hilft, die Sachen vorantreibt. So etwas gibt in „Frau Luna“ nicht. Die Musik ist auch nicht so einfach zu handhaben, weil eigentlich alles ziemlich überholt ist. Aber für mich ist das immer so eine Frage: Was ist zeitgenössisch, was passt in unsere Zeit? Ich finde, es passt vieles nicht in unsere Zeit, was sich zeitgenössisch gibt und es passt so vieles in unsere Zeit, was völlig out ist.

Unter den Nazis wurde „Frau Luna“ gern gegeben.

Die waren große Fans von dem Ding. Die mochten auch Nietzsche und Wagner, die mag ich auch. Das hängt so seltsam irgendwo in dem Werk drin. Auf der Probe ist das eine Quälerei. Ich kann ja nicht einfach so singen (Fritsch intoniert und klopft dazu einen Marsch-Rhythmus): „Ist die Welt auch noch so schön, einmal wird sie untergehen.“ Was macht man damit? Oder mit dem Oberschlager „Das ist die Berliner Luft, Luft, Luft“ (singt erneut). Da kriegt man auch die Motten.

Wird aber jedes Jahr von den Philharmonikern auf der Waldbühne gespielt.

Das ist natürlich so eine Berliner Hymne, als solche will ich sie auch nehmen. Das Stück erzählt etwas über Berlin, über den Berliner Geschmack. Das meine ich jetzt nicht abfällig. Jeder denkt sich seinen Teil dazu. Ich nehme das einfach als Anlass, bestimmte Dinge so wahrzunehmen, wie sie sind. Wenn man sagt, die Witze sind platt, naja, was so in letzter Zeit alles in Berlin passiert, ist auch ziemlich platt.

Sie wenden sich verstärkt dem Musiktheater zu, kürzlich haben Sie in Zürich eine Oper inszeniert, nächste Saison machen Sie Mozart an der Komischen Oper.

Ich habe schon immer musikalisch gearbeitet. Wie ich mit Rhythmus umgehe im Stück, wie die Schauspieler spielen, wie sie sprechen, hat bei mir immer sehr viel mit Musik zu tun. Bei „Nora“ habe ich zu den Schauspielern gesagt, daraus machen wir eine Oper. Diese Haltung, die finde ich interessant. Diese extremen Gesten in der Oper oder dem Ballett. Dass man während eines Dialoge fünfmal eine Pirouette macht, das würde man da draußen nicht machen, aber es ist schön anzugucken. Es geht um eine Art von musikalischem Denken, das ist ein anderes als dieses pur inhaltliche, wo man permanent erklärt, worum es geht und wo auch jeder begreift, ah, das hat jetzt zum Beispiel mit unserer Zeit zu tun, ah, da wird die Wirtschaftskrise angesprochen, ah, ja, genau. Aber was sprechen sie an? Dieses sogenannte politische Theater, das nur zum Kopfnicken verführt, ist ein Feigenblatt für die Politiker, die dann in ihrem Theater diese Themen nicht mehr zu behandeln brauchen. Wenn wir sehen, was für Kapitalistenschweine wir alle sind, wie brutal wir sind, was für eine Schuld wir auf uns geladen haben, dann bringt uns das nicht weiter.

Sondern?

Ich finde SA oder SS-Uniformen auf der Bühne oder im Film nach wie vor schrecklich. Damit verscheucht man diesen ekligen Geist nicht. Für mich geht es darum, dass man sich öffnet und sagt: wir wollen jetzt anders leben. Das zum Leben erwecken, was die Nazis gekillt haben. Nicht Schuld abladen, die man niemals abladen kann. Ich will eine andere Lebensform. Das wilde, urbane Leben, das kann man im Theater behaupten, das hat eine Bedeutung für mich. Deswegen mache ich „Frau Luna“. Das kann natürlich schiefgehen. Ich will an Grenzen gehen.

Der Geist der Zwanzigerjahre.

Und dann kamen diese Vollidioten, die das, was wirklich intelligente Unterhaltung war, getötet haben und statt dessen eine flache und dämliche Unterhaltung etabliert haben. Das ist ja der wahre Nationalsozialismus, der bis heute noch wirkt: diese dämliche Form der Unterhaltung. Die dazu führt, dass es einen Gegensatz dazu geben muss, die Hochkultur. Natürlich hätte ich eine andere Operette nehmen können, eine, die wesentlich intelligenter ist als „Frau Luna“, aber irgendwie hat mich genau dieses Naive an dem Stoff gereizt.

Wie gehen Sie mit der Lincke-Musik um?

Ich hab vor allem eine wunderbare Musikgruppe unter der Leitung von Ingo Günther, den Chor und die Sänger/Schauspieler, die mich berauschen. So befreit mich die Musik und regt mich zu etwas an. Auch gestalterisch auf der Bühne. Wir müssen die Partitur nicht verlassen, aber wir können sie so oder so interpretieren, da gibt es ganz große Unterschiede. Bei Lincke haben wir natürlich andere Eingriffsmöglichkeiten, wir probieren was damit, wie man das anders singen kann, wie man das anders instrumentieren kann, da sind ganz viele Freiheiten drin, das finde ich viel interessanter als das von mir so verhasste, pure Sprechtheater.

Das verhasste, pure Sprechtheater?

Ja, allein schon das Wort: Sprechtheater. Der Begriff treibt mich in den Wahnsinn. Auch Musiktheater ist ein Pleonasmus. Theater ist Musik, ich kann Theater nur musikalisch begreifen. Wenn jemand gut schreibt, dann ist Musik in der Sprache. Rhythmus, Melodie, dann kann man die Texte singen. Das ist wunderbar.