Berliner Philharmonie

Plácido Domingo entfaltet noch immer jugendliche Kräfte

Daniel Barenboim erklärt das ursprünglich patriotische „Requiem“ von Max Reger zum zeitlosen Antikriegs-Werk - und findet mit Plácido Domingo in der Berliner Philharmonie einen wertvollen Verbündeten.

Foto: Zeljko Hladika/PIXSELL / picture alliance / PIXSELL

Am Vorabend noch kroch er schweißströmend dem Tod entgegen, im bläulichen Nachtgewand zuckte sein giftzerfressener greiser Körper. Und nun die feierliche Zugabe im edlen Zwirn.

Plácido Domingo, der sturmbejubelte Simon Boccanegra der osterlichen Festtage an der Staatsoper – er reckt den stolzen Zeigefinger: „Seele, vergiss die Toten nicht“, mahnt seine wohltönende Baritonstimme wie aus dem dichten Jenseits.

Gütig neigt Domingo sein Haupt in die Partitur von Max Regers spätem Orchesterlied op. 144b nach Friedrich Hebbel, dem so genannten „Hebbel-Requiem“. Die Staatskappelle taucht den Spanier in nachtschwarzes d-Moll, lässt mysteriös die chromatischen Orgelpunkte wandern. Der Staatsopernchor gedenkt unerbittlich von den Podiumsplätzen herab.

Daniel Barenboim ballt das Orchester mit drohender Faust zusammen. Er entfacht eisernes Kriegsbrausen, erzeugt verglühende Momente der Liebe, schaudernde Einsamkeit.

Grandioses Violinkonzert

Vermutlich kann sich nur ein Barenboim erlauben, dieses Werk von Max Reger dem Vergessen zu entreißen. Ein Werk, das der Komponist in patriotischen Absichten während des 1. Weltkriegs vertonte – um die gefallenen deutschen Soldaten des 1. Weltkriegs als Helden zu ehren. Barenboim entzieht dieser Komposition jeglichen Nationalismus. Er erklärt Max Regers „Requiem“ zum zeitlosen Antikriegs-Werk. In Plácido Domingo hat er einen wertvollen Verbündeten gefunden. Trotz der mehr als stattlichen Kartenpreise platzt die Philharmonie vor Publikumsfülle. Smartphones und Tablets aller Altersklassen und Größen schnellen in die Höhe, um den berühmten Gast einzufangen.

Nach der Pause lässt sich der 73-jährige Domingo als Zuschauer auf einer der Podiumsreihen nieder. Sein mächtiger Oberkörper schwankt unter den fatalen Energien von Richard Strauss‘ „Heldenleben“ op. 40. Barenboim fährt ein monströses Es-Dur auf, kehrt eisige Avantgarde hervor. Souverän wie ein dritter Weltstar schält sich der junge Konzertmeister Wolfram Brandl aus dem Orchester hervor. Seine bebend intensiven Geigensoli sind der eigentliche Höhepunkt des Abends. Er verwandelt Strauss‘ Tondichtung zwischenzeitlich in ein grandioses Violinkonzert. Vom zweisprachigen großformatigen Programmheft wird Brandl sträflich vernachlässigt, dafür bleibt für Max Reger, Barenboim und Domingo umso großzügiger Raum.

Barenboim und Domingo ähnlich im Inneren

Barenboim und Domingo – so unterschiedlich sie nach außen hin scheinen, so ähnlich sind sie sich doch im Innern: zwei Marathon-Männer der klassischen Musik, zwei einflussreiche Alpha-Tiere, von einem Erfolg zum nächsten drängend, trotz ihres voranschreitenden Alters noch immer von schier unerschöpflichen Kräften getrieben. Die Musik macht sie stark, euphorisiert sie, schenkt ihnen zusätzliches Leben. Nichts stachelt sie mehr an, nichts zwingt sie leidenschaftlicher zu Höchstleistungen als ein ausverkaufter Saal. Ein Segen für ihr Publikum. Ein Fluch für ihre Konkurrenz.

Weit über dreißig Jahre hat Plácido Domingo als Tenor die Opernbühnen der Welt dominiert. 1968 sprang er für Franco Corelli in New York an der Metropolitan Opera ein. Seither kamen und gingen zahlreiche Tenorlegenden. Plácido Domingo dagegen blieb und wuchs unaufhörlich weiter. Legte ein unglaubliches Arbeitspensum vor, verleibte sich Opernrollen mit enzyklopädischem Feuereifer ein. Reihte Gesamtaufnahme an Gesamtaufnahme. Er mutete sich und seiner Stimme Übermenschliches zu. Und triumphierte dank überlegener Technik und unverwüstlicher Konstitution. Im Verbund mit José Carreras und Luciano Pavarotti eroberte er in den 80ern ganze Arenen. Förderte ab den 90ern mit weiser Hand den begabten Sänger-Nachwuchs, trat auch als Dirigent in Erscheinung. 2007 verkündete Domingo den baldigen Wechsel ins Baritonfach – eine ebenso überraschende wie logische Entscheidung. Selbst zu seinen besten Tenorzeiten war er eher für geschmeidige dunkle Farben bekannt gewesen als für souveräne hohe Cs.

Das Publikum taumelte vor Glück

Barenboims Simon Boccanegra, eine Co-Produktion mit der Mailänder Scala, bot Domingo 2009 den perfekten Einstieg in seine zweite Sänger-Laufbahn. Die werkdienliche, statische Inszenierung des Italieners Federico Tiezzi kam der Physis und Ausdruckskraft des alternden Spaniers trefflich entgegen. Während der Festtage an der Staatsoper war Domingo nun zweimal in dieser Rolle zu bestaunen.

Das Publikum taumelte vor Glück. Es tobte vor Beifall. Domingo brachte Glanz ins Schiller Theater. Und machte fast vergessen, dass in diesen Tagen auch noch zahlreiche andere Weltstars Barenboims durchdringendem Lockruf in die Hauptstadt gefolgt sind. Darunter die Wiener Philharmoniker, Sasha Waltz und die scheue Klavier-Titanin Martha Argerich.

Unaufhörlich scharte Daniel Barenboim die Berühmtheiten um sich. Immer wieder säumten „Suche Karte“-Pappen die Eingänge von Philharmonie und Staatsoper. Am Abend des Reger-Requiems wirkte der große Saal der Philharmonie so eng wie lange nicht mehr. Hunderte zusätzliche Karten hätten verkauft werden können, doch wohin noch mit den Zuhörern? Ein größerer Saal müsste her. Und ein zweiter Daniel Barenboim. Ansonsten scheint eine Steigerung der diesjährigen Staatsopern-Festtage kaum noch möglich.