Staatsballett Berlin

Vladimir Malakhov verabschiedet sich mit Witz und Eleganz

Premiere des Staatsballetts im Schiller Theater: „Ratmansky/Welch“ ist der künstlerische Schlusspunkt der Ära Malakhov. Der scheidende Staatsballett-Chef tanzte seine letzte Premiere in Berlin.

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Den alten Bach kann man so oder so spielen. Die Staatskapelle entscheidet sich dafür, mit den Tänzern auf der Bühne wohlig weich mitzufedern. Bachs Konzert für Violine und Oboe sorgt für die ersten Aha-Effekte. Barenboims Spitzenorchester, und das wünschte man sich viel öfter, begleitet Berlins Spitzenballett im Schiller-Theater. „Ratmansky/Welch“ ist der Abend überschrieben. Genau genommen bleibt es ein Insidertitel. Es handelt sich um eine Premiere mit zwei Choreografen. Das Ganze ist ein neoklassischer Abend, typisch amerikanisch und in der brillanten Umsetzung durch das Staatsballett sehenswert.

Stanton Welch ist der Mann für Bach. Sein Stück „Clear“ entstand 2001 als Reaktion auf den Anschlag auf das World Trade Center. Das muss man aber nachlesen, es ist der Bühnenhandlung nicht abzulesen. Vorgeführt wird eine Gegenwelt. Das hängt nicht nur mit den körperbetonenden, hautfarbigen Kostümen des New Yorker Modeschöpfers Michael Kors zusammen, die auch etwas Archaisches suggerieren, sondern vor allem mit dem genialen Bach. Seine Musik, die von Paul Connelly dirigiert wird, liefert gleichsam Struktur in einem ewigen Lebensfluss. Dahinein suchen die sieben Tänzer und eine Tänzerin, Elisa Carrillo Cabrera ist wieder einmal die Verführerin, nach dem Sinn des Lebens.

Das Adagio ist Vladimir Malakhov vorbehalten. Es ist die letzte Premiere des russischen Startänzers. Ende der Saison wird er Berlin verlassen, in drei Wochen stellt bereits der neue Intendant Nacho Duato seine Pläne fürs Staatsballett vor. Dieser Abend ist ein künstlerischer Schlusspunkt der Ära Malakhov. Der gibt sein Bestes, zweifellos.

Etwas krude Handlung ist weit herunter gebrochen

Und wer keine großen Sprünge mehr erwartet, wird von Malakhov berührt sein. Er führt jetzt hochkonzentriert, ja fast behutsam die fast gymnastische Selbstfindung im Adagio vor, Mikhail Kaniskin hat ihn zeitversetzt zu kopieren, irgendwann verwickeln sich die Beiden in ein beinahe kontrapunktisches Geflecht á la Bach. Glücklicherweise erhebt sich der jüngere, kraftstrotzende Kaniskin in keiner Sekunde über den Tanzsenior Malakhov hinaus – und so wird es ein Abschied mit einem Hauch Melancholie.

Auch Ratmansky, dem die zweite Hälfte des Abends gehört, hat einiges mit Malakhovs Lebensweg zu tun. Sein früherer Moskauer Ballettschulkamerad Alexei Ratmansky hat ihm das 2010 für das New York City Ballet entstandene Divertissement „Namouna“ mit den Berliner Tänzern aufgefrischt. „Namouna“ basiert auf der gleichnamigen Ballettkomposition des Franzosen Edouard Lalo von 1882. Die Produktion lebt vor allem von Ratmansky, der auf faszinierende Weise das neoklassizistische Bewegungsrepertoire gleichsam mit Noblesse und Witz zu paaren versteht.

Die ursprüngliche, etwas krude Handlung ist weit herunter gebrochen. Ein Matrose, den Rainer Krenstetter in aller Exaltiertheit vorführt, sucht nach der Liebe und hat allerlei Versuchungen zu durchleben. Eine der köstlichsten und mondänsten Szenen liefert Elena Pris als rauchende Verführerin. Mal auf Spitze, in klassischer Pose, dann qualmend und in ordinärer Haltung. Ratmansky setzt auf ein humorvolles Wechselspiel. Es bleibt großes Ballett, selbst wenn Ulian Topor einmal seine beiden Tänzerinnen hinaustragen muss. Oder Purzelbäume geschlagen werden. Das Publikum darf schmunzeln. Es ist eine Choreografie mit unheimlich vielen Schritten. Sie werden so fein gesetzt, dass man kaum aus dem Staunen heraus kommt.

Schiller Theater, Bismarckstraße 110, Berlin-Charlottenburg. Tel. (030) 20 60 92 630. Termine: 26., 30.3.; 4., 5., 8. und 21.4.2014