Premiere

Sasha Waltz macht den „Tannhäuser“ zum „Tanzhäuser“

Die Berliner Choreografin hat ihr Regiedebüt bei den Festtagen der Staatsoper gegeben. Gemeinsam mit Daniel Barenboim hat sie sich Wagner vorgenommen. Das sorgt für viel Applaus, aber auch Buhruhe.

Foto: Stephanie Pilick / dpa

Eines ist am Ende dieser gefeierten Wagner-Premiere klar: Der „Tannhäuser“ von 1845 und zeitgenössischer Tanz sind zwei grundverschiedene Dinge, die nur schwer zusammen finden. Die Berliner Choreografin Sasha Waltz hat sich für die Festtage der Staatsoper den Opernkoloss vorgenommen und ist bei ihrem Regiedebüt im Schiller-Theater auf grandiose Weise gescheitert. Zuletzt wohl auch daran, dass sie sich als feinfühlige Bewegungsästhetin, die immer irgendwie einen Geschlechterkampf aus weiblicher Sicht inszeniert, einer erlösungshungrigen Männeroper angenommen hat.

Am Ende bekommt sie reichlich Buhs, aber man kann sich nur wünschen, dass sie ihre Regieansätze in weiteren Produktionen ausprobiert und verfeinert. Auch wenn der große Opernatem fehlt, der immerhin 4 Stunden und 45 Minuten inklusive der beiden Pausen zu tragen hat, es sind einige schöne Bilder und Stimmungen auszumachen.

Der Sängerkrieg als Kulturevent

Während die Oper traditionell auch vom Rückblickenden, vom Statischen an der Rampe lebt, denkt die Choreografin alle Bewegungen und Entwicklungen im Jetzt. Das reibt sich natürlich mit der Wagnerschen Handlung und leider manchmal auch mit seiner Musik. Das Bühnenbild, das Sasha Waltz gemeinsam mit Pia Maier entwickelt hat, macht zwischendurch Staunen. Das Bachanal – die Nacktheit und Geilheit der Tanzenden ist eher nebensächlich – entführt in das Innere eines riesigen Auges.

Die Wartburg dagegen ist eine Art 50er-Jahre-Hofstaat, in dem eine Grace Kelly skurile Glamourfiguren zu einem Kulturevent, dem Sängerkrieg, empfängt und zugleich wie eingesperrt wirkt. Die 18 Tänzer sind regelmäßig zugange, manches macht Sinn, anderes ist Unsinn. Manchmal finden Oper und Tanz zusammen, manchmal läuft es nur parallel auf der Bühne ab. Auf jeden Fall ist das Ganze schon ein Art „Tanzhäuser“ geworden. Auch wenn Stardirigent Daniel Barenboim das im Vorfeld verneint hat.

Taumeln in Liebe

Immerhin schaffen es die Tänzer, den Pilgerchor in seinem statischen Charakter aufzusprengen. Überhaupt bekommt die Oper mehr Leichtigkeit. Die atemvollste Szene gelingt dem auch am Ende gefeiertsten Sänger: Peter Mattei als Wolfram. Der desillusioniert Liebende beginnt sein „Wie Todesahnung“ düster im Liegen, erhebt sich langsam und besingt den Abendstern in brüchiger Schönheit, dabei taumelt er in seiner Orientierungslosigkeit. Die für Sänger untypischen Bewegungen muss ihm die Waltz gezeigt haben. Andere Szenen karikieren die Hauptfiguren, um das eigentlich zuinnerst Gefühlte vorzuführen. Das ist schon komisch.

Peter Seiffert ist ein rundum stattlicher Tannhäuser, René Pape ein charakterstarker Landgraf. Marina Prudenskaya überzeichnet ihre Venus und Ann Petersen weiß als Elisabeth, die strahlende Grace Kelly, zu berühren. Der Chor ist wieder einmal überwältigend. Daniel Barenboim am Pult der Staatskapelle lässt die Musik sehr breit auskosten. Eine interessante Produktion.