Zu Beginn des Gesprächs mit Wallis Bird gibt es einen Schnaps. „Als ich nach Berlin gezogen bin, habe ich erst mal richtig gefeiert”, sagt die irische Sängerin. „Ich liebe die vielen Bars mit guter Musik und guten Drinks.”

Geboren wurde die 32-Jährige in Enniscorthy im Südosten Irlands. Als Einjährige verlor sie bei einem Unfall mit einem Rasenmäher alle Finger der linken Hand. Nur vier Finger konnten wieder angenäht werden. Dennoch bekam sie im Alter von nur 18 Monaten von ihrem Vater die erste Gitarre geschenkt. Seitdem hat sie das Instrument stets begleitet. „Mein Vater dachte wohl, das wäre irgendwie süß. Für mich war die Gitarre damals einfach nur ein Spielzeug”, sagt die Musikerin. „Heute glaube ich, es war Schicksal. Die Gitarre fühlt sich an wie ein Teil von mir. Wie eine Verlängerung meiner Arme.”

Als Linkshänderin entwickelte Wallis Bird nach ihrem Unfall eine besondere Technik. Sie spielt eine Rechtshändergitarre seitenverkehrt, ohne dabei die Saiten umzuspannen. Eine Methode, die den besonderen Sound ihrer Songs ausmacht. „Wenn ich spiele, sind bei mir oben die höheren Saiten und der Winkel ist verändert. Deshalb klingt meine Musik viel obertoniger”, erklärt sie. Beigebracht habe ihr das das Instrument selbst. „Die Gitarre hat mit mir gesprochen”, sagt Bird. „Sie begleitet mich schon mein ganzes Leben. Mit einer Gitarre ist man nie allein.”

„Ich spiele alles, was Saiten hat“

Neben der Gitarre spielt Wallis Bird auch Bass, Schlagzeug und Klavier. „Eigentlich spiele ich alles, was Saiten hat”, sagt sie. „Ich liebe Musikinstrumente.” Eine Liebe, die ihr von ihrer Familie mit auf den Weg gegeben wurde. „Mein Vater war DJ, und meine Mutter liebte es, zu singen”, sagt sie. Während ihre Schwester Bookerin wurde, einer ihrer Brüder Schlagzeuger und ein anderer eine Band gründete, zog Wallis Bird nach Dublin, um an der Ballyfermot Rock School Songwriting zu studieren. Dort traf sie ihre spätere Bandkollegin Aoife O’Sullivan. Bei einem Workshop in Bayern machte sie am Ende ihres Studiums die Bekanntschaft mit dem Schlagzeuger Christian Vinne und folgte ihm 2005 nach Deutschland. „Wir hatten sofort eine besondere Verbindung zueinander”, erinnert sie sich. „Ich wollte einfach mit ihm Musik machen, also bin ich nach Mannheim gezogen.” Sie blieb drei Jahre. „Eine geile Zeit”, wie sie sagt, in der sie mit Christian Vinne, seinem Bruder Michael und dem Musiker Aidan ihre perfekte Band gefunden habe, wie sie sagt. „Ich spiele mit diesen Leuten, weil sie mich inspirieren. Zwar schreibe ich die Musik, aber jeder von ihnen interpretiert sie auf seine Weise”, sagt sie.

Eine Band, die Wallis Bird in ihrer Jugend nachhaltig beeindruckt hat, waren die Spice Girls. „Es war damals nicht wirklich cool, die Spice Girls zu mögen”, gibt sie zu. „Aber ich finde das bis heute guten und intelligenten Pop. Sie hatten eine tolle Einstellung, weil sie so stolz waren, Frauen zu sein. Sie haben dazu beigetragen, dass sich die Sicht auf Frauen in der Musikbranche verändert hat.”

Seit eineinhalb Jahren wohnt sie an der Spree

Im Laufe der Jahre sind Musiker wie St. Vincent und Villagers aber auch deutsche Interpreten wie Casper, Cäthe, Seeed und Sizarr zu ihrer persönlichen Playlist hinzugekommen. In ihrer Mannheimer Zeit veröffentlichte Wallis Bird ihr Debütalbum „Spoons”. Es folgten „New Boots” (2009) und „Wallis Bird” (2012) mit Einflüssen von Irish Folk, Jazz und Rock. Auf ihrem jüngsten Werk „Architect”, das am heutigen Freitag erscheint, hat sich die Künstlerin von ihrer neuen Heimat Berlin inspirieren lassen.

Seit eineinhalb Jahren wohnt die Irin jetzt schon an der Spree – ein Umzug, der ihre Kreativität gerettet hat. „Ich war vorher in London, dort habe ich nichts geschrieben”, sagt sie. „Ich war in einer Beziehung, die nicht gut für mich war, fühlte mich vollkommen uninspiriert”, so Bird. „In Berlin angekommen habe ich ein ganzes Album in sechs Monaten geschrieben. Seit ich hier bin, fühle ich mich endlich wieder wie ich selbst. Ich habe mich plötzlich wieder daran erinnert, was für ein Mensch ich einmal war und was ich am Leben liebe.”

Am Leben in Berlin liebt Wallis Bird vor allem ihre Neuköllner WG, das viele Grün und das Licht der Straßenlaternen in der Nacht. Zusammen mit zwei befreundeten Musikern aus Irland wohnt sie in der Nähe des Tempelhofer Feldes. „In unserer Wohnung feiern wir sehr viele Partys. Ich brauche immer andere Leute um mich herum”, sagt Bird. „Wenn ich einen schlechten Tag habe, gibt mir das so ein heimeliges Gefühl. Das ist wie ein Familienersatz zu Hause.” Dabei ist Heimweh Wallis Bird eigentlich fremd. „Mir fehlt hier nichts”, sagt sie. „Ich liebe Berlin und hasse es, die Stadt zu verlassen.” Das liege vor allem daran, dass sie sich hier sofort willkommen gefühlt habe. „Berlin ist mein Zuhause. Deshalb heißt das neue Album auch ‘Architect’. Ich musste mir ein neues Zuhause bauen.“ In Berlin hat sie es gefunden.