Berliner Spaziergang

Elżbieta Steinmetz von Elaiza ist Berlins neue Pop-Botschafterin

Das Berliner Trio Elaiza kam aus dem Nichts und qualifizierte sich spektakulär für den Eurovision Song Contest. Wie ist es, so plötzlich berühmt zu sein? Eine Begegnung mit Sängerin Elżbieta Steinmetz.

Foto: Jakob Hoff

Am Tag, bevor sie berühmt wurden, gaben die drei Mädels des Berliner Trios Elaiza ihr vorerst letztes Spontan-Konzert in einem Bonbonladen in Köln. Ela muss immer noch kichern, wenn sie daran denkt. Am Abend sollten die drei jungen Frauen, 21, 28 und 29 Jahre alt, beim Vorentscheid für den Eurovision Song Contest (ESC) in Köln antreten. Große Aufregung. „Noch aber war Zeit für einen Spaziergang durch die Kölner Innenstadt“, erinnert sich Ela, die Sängerin der Band. Yvonne sah als erste den kleinen Laden mit handgemachten Bonbons: „Ich will einen Lolli!“. Als ihr die anderen folgten, wurde es eng im Laden. Denn die Berlinerinnen waren mit großem Gepäck unterwegs: einem Akkordeon und einem Kontrabass.

Als dann im Laden neugierige Fragen gestellt wurden, packten sie ihre Instrumente einfach aus. Und sangen los, statt viel zu reden. Ela schnappte sich einen blauen Lolli als Mikrofon, Akkordeonistin Yvonne klemmte ein grünes Zuckerteil zwischen die Finger. Natalie, die den Kontrabass zupfte, lachte sich halb tot: „Es kamen immer mehr Leute, klatschen und sangen mit, es war einfach cool.“

Wenige Stunden später hatten die drei Berliner Mädels gewonnen. Nach dem ESC-Vorentscheid am Abend stand fest: Elaiza, die bisher vollkommen unbekannte Band aus Berlin, wird Deutschland beim Eurovision Song Contest (ESC) im Mai in Kopenhagen vertreten. Seitdem ist ziemlich viel anders geworden im Leben von Elżbieta Steinmetz, wie Sängerin Ela bürgerlich heißt. Die 21-Jährige ist nicht nur jüngstes Mitglied, sondern auch Gründerin und Frontfrau des ungewöhnlichen Trios.

Plötzlich gibt es viele Fragen

Für unseren Spaziergang haben wir uns um neun Uhr früh in Prenzlauer Berg verabredet. Ob das die optimale Uhrzeit für eine Sängerin ist, die bis in den späten Abend arbeitet? Zweifel sind unbegründet. Ela ist pünktlich. Überpünktlich sogar, als sie um fünf vor neun in der Tür ihres Stammcafés „Moppette“ an der Dunckerstraße steht. Eine zierliche Frau, weißblonde Strubbelfrisur überm bunten Halstuch, perfektes Make-up. Sie wirft einen kurzen Blick aus hellblauen Augen durch den Raum, steuert den Tresen an und bestellt einen Latte Macchiato, bevor sie sich setzt. Neun Uhr, sagt sie, sei für sie zurzeit nicht wirklich früh. Sie hatte auch schon Termine früh um fünf. Sie muss ja jetzt viele Fragen beantworten. Und sie hat noch viel vor an diesem Tag.

Der Barmann serviert den Kaffee. „Und, waren sie gestern Abend nett zu dir?“, fragt er Ela. Sie guckt einen Moment lang irritiert. „Ach, die Talkshow bei Lanz! Ja, klar!“ Sie lacht. „Gestern“ ist aus ihrer Sicht schon sehr lange her. Was zählt, ist, was vor ihr liegt.

Am Abend wird Elaiza bei der Echo-Verleihung als Show-Act auf dem Berliner Messegelände auftreten. Live übertragen im Ersten, 3,7 Millionen Menschen werden zuschauen. Auf der Bühne wird die gesamte deutsche Fernseh-Glamour-Welt versammelt sein. Bis vor kurzem spielten die drei Mädels von Elaiza noch in Berliner Kneipen und ließen den Hut rumgehen. Aufgeregt? „Nö “, Ela lächelt, „die Vorfreude überwiegt“.

Wenn sie aufgeregt sind, sagt Ela, machen sie es wie im Bonbonladen. Sie albern herum. „Das ist der Vorteil, wenn man zu dritt ist. Und wenn die Band nur aus Frauen besteht.“ Ela beschreibt ihre Ungeduld, endlich auf die Bühne zu kommen. „Wenn es so weit ist, gucken wir uns alle einmal an, nicken, und dann geht es los. Und dann sind wir in unserer eigenen Welt“.

Musik, dem Leben abgerungen

Elas Welt: Ab und zu unterbricht sie sich für ein „Krass!“ oder „Ich fasse es nicht!“, dann klingt sie wie ein vom Erfolg überforderter Teenie. Nach dem Erfolg beim Vorentscheid hatte sie ins Mikrofon gesagt: „Ich muss sofort meine Mama anrufen!“ Als sie jetzt weiterspricht, ruhig und ernsthaft, ahnt man, dass in der jungen Frau mehr steckt. Die Musik, mit der Elaiza Deutschland beim ESC vertreten wird, ist nicht nur ein einfach lebensfroher Mix aus Pop und osteuropäischer Folklore. Sondern steht auch für Elas persönliche Lebensgeschichte und deren aktuelle Bezüge.

Elżbieta Steinmetz ist gebürtige Ukrainerin. Sie war sieben, als ihr Vater starb, und acht, als sie mit ihrer Mutter, einer Polin, nach Deutschland ins Saarland zog. Noch bevor sie die ersten Interviews zu ihrer Musik gab, befragten die Tageszeitungen sie zu der Krise in der Ukraine. „Natürlich macht mich das sehr besorgt, wir haben viele Freunde und Bekannte dort“, sagt sie. Ela spricht neben Deutsch Russisch, Polnisch und Englisch. Auf die Frage nach „Heimat“ zögert sie. Das Saarland ist ihr Zuhause. In Polen lebt die Familie mütterlicherseits. Ihre Kindheit verbrachte sie in der Stadt Smila in der Mitte der Ukraine, wo sowohl Russisch als auch Ukrainisch gesprochen wird. Ihre Texte verfasst Ela auf Englisch, „weil das jeder versteht". Und Berlin ist für sie die Stadt der Musik. Ela, so viel ist klar, wird eine andere Art Deutschland-Botschafterin beim ESC sein als viele Vorgänger.

Wir machen uns auf Richtung Helmholtzplatz. Den Kaffee im Pappbecher in der Hand, erklärt Ela ihre Musik. Neo-Folklore wird der Stil genannt, den es in Varianten in vielen Ländern gibt. Elaiza, sagt Ela, reflektiert sowohl Einflüsse osteuropäischer Folklore als auch den Alltagspop, der dank Internet heute über die Grenzen hinweg gehört wird.

Die Chance der Außenseiterinnen

An jenem Abend beim Vorentscheid des ESC in Köln war Elaiza aufgefallen zwischen all den singenden Seebären, liebeskranken Sangeshelden und Rock’n’Roll-Imitatoren, die das deutsche Schlagergeschäft dominieren. Elaizas „Show“ bestand schlicht aus drei Frauen mit ungewöhnlichen akustischen Instrumenten, viel Spaß am Spiel und, so klang es, fundiertem musikalischem Können. Möglich, dass das den Ausschlag gab, beim ESC auch musikalisch mal etwas anderes zu wagen. Möglich auch, dass dieser Stil beim ESC gut ankommt, bei dem ja die Zuschauer aus ganz Europa den Ausgang bestimmen.

„Is it right“, „ist es richtig?“ lautet der Titel, mit dem Elaiza in Kopenhagen auftreten wird. Die Frage passt auf die diesjährige Wahl der deutschen ESC-Kandidatinnen. Denn Elaiza war eine Überraschung. Das Trio war nur über eine sogenannte Wildcard in die Auswahl gekommen, gehörte nicht zu den Favoriten. Das Trio hatte sich mit einem Videoclip auf Youtube gegen mehr als 2000 Bewerber durchgesetzt. Dann traten die drei Berlinerinnen in Köln gegen Schlager-Stars wie Unheilig, Santiano oder The Baseballs an – und gewannen. Seitdem buchstabiert die Schlagerwelt den ungewöhnlichen Namen („sprich: Ela-i-sa“) und fragt: Wer sind die drei eigentlich? Und wer hat sie erfunden? Elas Antwort klingt einfach: „Wir erfinden uns selbst.“

In den vergangenen Jahren standen hinter den deutschen ESC-Kandidaten meist namhafte Produzenten wie Stefan Raab, der Guildo Horn (1998), Max Mutzke (2004) und ESC-Gewinnerin Lena Meyer-Landrut (2010) betreute. Die erste deutsche ESC-Gewinnerin Nicole produzierte 1982 Ralf Siegel, der auch ihren Song geschrieben hatte. „Ein bisschen Frieden“ dürfte bis heute zu den bekanntesten, aber auch meistparodierten deutschen Schlagern gehören.

Und wie kriegt man das hin?

Wie erfindet man eingängige Songs, die nicht peinlich sind? Ela war 16, als sie begann, in den Valicon-Studios in Berlin- Hohenschönhausen zu arbeiten. Hier gehen auch Bands mit großen Namen wie Silly oder Silbermond ein und aus. Ela singt nicht nur, sie spielt auch Klavier, komponiert ihre Songs selbst – und wurde als Nachwuchstalent gefördert. So hat sie in den Studios ihre erste Mit-Musikerin gefunden, die 29-Jährige Akkordeonistin Yvonne Grünwald. Die Kontrabassistin Natalie Plöger, 28, kam erst später dazu, durch einen Zufall. „Wir wussten irgendwann, dass wir einen Kontrabass brauchten – und den sollte eine Frau spielen“, sagt Ela. Es war eine ambitionierte Idee. Kontrabass ist eine Männerdomäne. Die Lösung fand sich schließlich per Zufall. „Auf einer Schnapsverkostung“. Ein Bekannter von Yvonne hatte die beiden dazu eingeladen, „irgendwo hier in Prenzlauer Berg“. Bei der Verkostung entdeckte Ela das Foto einer Kontrabassistin an einer Pinnwand. „Das war Natalie. Der Bekannte hat uns dann den Kontakt vermittelt.“

Dass Natalie sowohl musikalisch wie menschlich so gut zu ihr und Yvonne passte, entlockt Ela einen weiteres begeistertes „Krass!“, als wir am Helmholtzplatz ankommen. Die Sonne wirft flirrendes Licht durch das erste Frühlingsgrün der Bäume. Ela wohnt gleich um die Ecke, wenn sie in Berlin ist. Sie pendelt seit fünf Jahren zwischen dem Saarland und hier. Musikerin zu werden sei ihr Kindheitstraum gewesen, sagt sie. „Ich bin mit Musik aufgewachsen.“

Ihr leiblicher Vater war Rockmusiker, die Mutter studierte Operngesang und Jazz. Für Ela, das Mädchen mit den drei Nationalitäten, kam nur Berlin für die Karriere in Frage. „Natürlich war es als Schülerin schwierig, ich musste ja immer sehen, dass ich nicht zu viel Unterricht verpasse.“ Das Abitur am musikbetonten Gymnasium hat sie trotzdem geschafft. Nur gegen das Studium hat sie sich vorerst entschieden. „Is ist right?“, der ESC-Song, ist in dieser Zeit der Entscheidung entstanden. „Alle meinten, ich sollte studieren. Aber ich dachte, nein, ich will lieber Musik machen.“

Public Viewing im Saarland

Wenn sie im Saarland ist, wohnt Ela bei ihren „Eltern“, wie sie Mutter und Stiefvater nennt. Dort in der Kleinstadt wird sie in zwischen schon auf der Straße erkannt. Zum ESC wird es ein großes Public Viewing geben. Im coolen Prenzlauer Berg dagegen ist höfliches Wegschauen angesagt. Als wir die Fotos zum „Spaziergang“ machen, machen Radfahrer und Passanten mit Hunden genervt einen Bogen um uns.

Am Sonntag besucht sie gern die jungen Designer auf dem Flohmarkt im Mauerpark. Allzu viel Freizeit bleibt dem Trio allerdings nicht. Ela hat bis vor einigen Wochen noch im Saarland als Verkäuferin im Kaufhaus gejobbt. Natalie, die Kontrabassistin, wollte eigentlich ihre Diplomarbeit fertig schreiben, bis jetzt der ESC-Auftritt dazwischen kam. „Sie pendelt zwischen Berlin und Detmold“, sagt Ela.

Yvonne, die studierte Akkordeonistin ist, gibt nebenbei Musikunterricht in Beeskow und Fürstenwalde in Brandenburg. Es sind drei unterschiedliche Leben, die das Trio Elaiza vereint, mit zwei wichtigen gemeinsamen Nennern: Berlin und die Musik.

Inzwischen haben wir den Helmholtzplatz überquert, wo auf der einen Seite Mütter mit Kindern in den Cafés in der Sonne sitzen. Auf dem Platz hocken paar Biertrinker mit schwarzen Lederjacken und Sonnenbrillen. Vögel zwitschern. Ela bricht plötzlich in lautes Lachen aus. „Was ist das denn?“ In der Baumkrone über uns hängen haufenweise alte Schuh-Paare. Sie schüttelt den Kopf. „Das ist eine verrückte Mode hier, oder?“

Chansons, Klezmer, Jazz

Dann sind wir wieder beim Thema Musik, die für Ela eine ähnlich bunte Welt sein muss wie Berlin. Erst vor gut einem Jahr hat sich die Band Elaiza gegründet. Am 28. März ist das erste Album erschienen. „Gallery“ heißt es. „Die Stücke sind wie Bilder, die zu unterschiedlichen Momenten passen. Deswegen der Titel.“ Die Songs ergeben ein musikalisches Porträt der drei unterschiedlichen Musikerinnen. Popmusik ist die Grundlage, „die hören wir alle“, sagt Ela. Sie selbst bringt Einflüsse aus der Volksmusik in Polen und der Ukraine mit. „Natalie hat klassische Musik studiert und viel Jazz gemacht.“ Und Yvonne spiele auf dem Akkordeon einfach alles: „Chanson, Scarlatti, Klezmer, die verrücktesten Sachen.“ Die Lieder klingen mal nach Ballade klingen, nach Soul, Pop, mal nach Ohrwurm zum Mittanzen.

Wir haben eine weitere Runde um den Platz gedreht, jetzt ist es zehn, Ela schaut auf die Uhr. Was liegt als nächster Termin an? Sie grinst und macht eine Geste über ihren Kopf hinweg. „Haare!“ Schließlich muss sie am Abend gut aussehen. Dann macht sie sich auf, im Sturmschritt Richtung Straßenbahn. Niemand dreht sich nach ihr um, noch nicht. Doch das könnte sich spätestens ab dem 10. Mai ändern.