Ausstellung

Ai Weiwei wird im Berliner Gropius-Bau gefeiert

Unter dem Titel „Evidence“ (Der Beweis) ist von Donnerstag an in Berlin die weltweit größte Ai-Weiwei-Ausstellung zu sehen. Doch der chinesische Künstler darf nicht kommen.

Es hätte gut sein können, dass Ai Weiwei irgendwo da steht, inmitten der Kulisse mit den 6000 abgeschabten Hockern im Lichthof. Hunderte Jahre „made in China“ haben sie auf dem Holzbuckel.

Vielleicht hätte er sich gewundert, über die weißen Stehtische mit den weißen Vasen und den Tulpen zur Eröffnung. Über all die Gespräche, Interviews und Dokumentationen, und dass er hier in Berlin gefeiert wird wie ein Star, noch bevor seine Ausstellung überhaupt eröffnet ist. Ai Weiwei scheint für diese Stadt so etwas wie die Visitenkarte demokratischen Gewissens und demokratischer Willensbildung.

Doch „Meister Ai“ ist nicht da, der Pass fehlt ihm – bis heute. Erst kürzlich forderte er ihn erneut zurück. Und die prominenten „Freunde Ai Weiweis“ appellierten an Angela Merkel, sich beim chinesischen Staatspräsidenten für seine Ausreise stark zu machen. China aber tickt anders: Auf westlichen Druck hin einzulenken, würde für die Regierung schlicht Gesichtsverlust bedeuten.

Monika Grütters, die Kulturstaatsministerin, hielt dafür die Eröffnungsrede. Sie lobte seinen „unbedingten Willen zur Freiheit“ und forderte die chinesische Regierung auf, ihm Reisefreiheit zu gewähren. Der 56-jährige Konzeptkünstler meldete sich per Videobotschaft: „Ich habe vielleicht die Möglichkeit, zu der Ausstellung zu kommen. Ich hoffe, dass es passiert, aber ich weiß nicht, ob es in naher Zukunft sein wird.“ Draußen vor dem Gropius-Bau zog sich die Schlange von wartenden Besuchern inzwischen fast bis zur Stresemannstraße.

Überwachung hat viele Gesichter

„Evidence“, so nennt Ai Weiwei seine Berliner Ausstellung, die größte überhaupt. Das heißt so viel wie „die Wahrheit beweisen“, und das auf 3000 Quadratmetern in 18 Sälen plus imposantem Lichthof. Im Entree hängen hoch oben an den Wänden vier Kameras aus Marmor. Überwachung hat viele Gesichter. Ai Weiwei wird jeden Tag gefilmt, seine Besucher sowieso und seine Bewacher dazu.

3500 Krebse bedecken den Boden eines Saals, grau und rötlich, handgemacht en détail und aus feinstem Porzellan. Eine Art „Flaschenpost“, wie Direktor Gereon Sievernich es nennt. Denn nur wer Chinesisch spricht, kennt die Doppelbedeutung von „Hexie“, was nicht nur Flusskrabbe, sondern auch Harmonie bedeutet. Eine Anspielung auf die von den Bonzen propagierte „harmonische Gesellschaft“. Mit Hexie kann der Chinese im Netz im Subtext formulieren, ohne von den Internetjägern gleich mit Zensur belegt zu werden.

Der Willkür seines Landes hat er ein mächtiges „Denkmal“ gebaut. In Form eines in wertvollem Holz gerahmten Bauschutts. Der entstand, als die Behörden 2011 – ohne Vorwarnung – sein neues Atelier in Shanghai niederreißen ließen. Tonnenweise kamen die Steinfragmente per Container nach Europa. „Souvenir aus Shanghai“ nennt Weiwei ironisch seine Installation.

Bekanntes Symbol der Beschränkung von Redefreiheit

In einer Vitrine liegt eine gläserne Skulptur, so groß wie eine Männerhand, schwerlich als „Taxifensterkurbel“ zu identifizieren. Darauf würde man so schnell nicht kommen. Auf dem hohen, schlanken Sockel überhöht der Künstler dieses in Peking bestens bekannte Symbol der Beschränkung von Redefreiheit. Vor den Kongressen der Nationalen Volkspartei werden die Taxifahrer aufgefordert, diese Kurbeln zu entfernen. Damit nur keiner das Fenster aufmacht und per Flugblatt irgendwelche kritischen Botschaften verbreitet.

>>>Der Berliner Rechtsanwalt und Kunstexperte Peter Raue hat Ai Weiwei in Peking besucht. HIER ein Gespräch mit ihm.<<<

Genau darum geht es auch in der Installation, die fein säuberlich eine Auswahl an Festplatten, Diktiergeräten, USB-Sticks, Notebooks und Speichern zeigt. Diese Materialien wurden kurz nach Ai Weiweis Verhaftung vor drei Jahren in seinem Atelier beschlagnahmt.

Weiße Armiereisen winden sich kunstvoll wie tänzelnde Schlangen. Was so ästhetisch wirkt, birgt tiefste Grausamkeit. Bei einem schlimmen Erdbeben 2008 in Sichuan starben 70.000 Menschen, darunter 5000 Schulkinder. Ai Weiwei stieß bei der Recherche auf eine Mauer des Schweigens. Die sogenannten Tofu-Schulen bestehen aus billigen Materialien. Misswirtschaft und Korruption im staatlichen Bauwesen versucht die chinesische Regierung bis heute zu vertuschen.

Auch der Westen bleibt nicht verschont

Natürlich bleibt auch der Westen mit seinem konsumorientierten Kunstmarkt nicht verschont. 2000 Jahre alte Vasen hat Ai Weiwei fast feierlich auf ein weißes Podest gehievt. Sie glitzern metallisch in rot und silber. Ein wundersamer Schein. Die Lacke stammen aus der Farbpalette von BMW und Mercedes Benz. Die Autos dieser Hersteller sind die großen Importschlager in China.

Ai Weiwei macht in Berlin, was er eigentlich immer macht. Er ist und bleibt ein großer politischer Geschichtenerzähler. Er erzählt all die Dinge und Situationen, die ihn beschäftigen und umgeben. Es geht um sein Heimatland, dieses Reich der Mitte, das sich in extremer Umwandlung befindet, und auch auf eine Jahrhunderte lange Tradition zurückblickt. Er spricht über Korruption, Freiheitsberaubung, Machtmissbrauch und fehlende Gewaltenteilung. Kunst, Politik und Leben – bei Ai Weiwei ist das einfach nicht zu trennen. Ohne China wäre Ai Weiwei, der Künstler, wie ein König ohne Land.

Kampf gegen die Schikane

Mag sein, dass derjenige, der Ai Weiweis Werk kennt, spätestens in Raum 14 leichte Ermüdungserscheinungen bekommt. Einige Arbeiten gab es in anderen Varianten und Größen schon zu sehen, wie eben die Gefängniszelle auf der Biennale in Venedig. Hier steht sie nun originalgetreu, eins zu eins im Maß und das spärliche Interieur ist mit weißem Schaumstoff gepolstert, wohl um einen möglichen Suizid des Künstlers zu verhindern. Das Neonlicht macht irre.

Einige Installationen besitzen sicher nicht mehr ganz den Reiz der Auseinandersetzung früherer Jahre. Dennoch: Sie nötigen immer wieder Respekt ab im Kampf Ai Weiweis um freiheitliche Rechte. Ai Weiwei zeigt, wie ein Einziger dem unmenschlichen und repressiven System die Stirn bietet, sich nicht brechen lässt und beweist, dass man aufbegehren kann. Stellvertretend für alle anderen Regimekritiker, denen es schlechter geht als ihm. Sein Humor hilft ihm, als Puffer gegen das Unerträgliche. In seinem Musikvideo „Drumbass“ inszeniert er seine dramatische Haft als grellen Laufsteg der Macht. Soldaten posen im flotten Stechschritt und er selbst tänzelt im grellen Tutu quer durch die Zelle.

Ai Weiwei bleibt ein gefragter Mann – bereits in zehn Tagen eröffnet die nächste große Schau im Brooklyn Museum in New York.

Martin-Gropius-Bau, Niederkirchnerstr. 7, Berlin-Kreuzberg. Mi-Mo 10-19 Uhr. Bis 7. Juli 2014, täglich von 10-20 Uhr. Katalog: 39,95 Euro.

Mehr Informationen im Internet: www.gropiusbau.de