Schau in Berlin

Peter Raues Besuch bei Ai Weiwei in Peking wurde abgehört

Der Berliner Martin-Gropius-Bau zeigt die weltweit größte Einzelschau des chinesischen Künstlers Ai Weiwei. Er darf sein Land jedoch nicht verlassen. Kunstexperte Peter Raue hat ihn in Peking besucht.

Foto: Stephanie Pilick / dpa

Rechtsanwalt und Kunstexperte Peter Raue hat Ai Weiwei in Peking besucht, um die rechtliche Seite abzuklopfen. Er gehört auch zu den Initiatoren des Offenen Briefes an die Bundesregierung, worin die Bundeskanzlerin aufgefordert wurde, sich für die Ausreise des Künstlers einzusetzen.

Berliner Morgenpost: Wie hat die Bundeskanzlerin auf den Offenen Brief reagiert?

Peter Raue: Wir haben die Sicherheit, dass der Fall Ai Weiwei auf der Agenda von Frau Merkel steht. Ich glaube, das ist auf ziemlich gutem Wege.

Wann wird man mehr davon erfahren?

Das ist Kaffeesatzlesen. Wir haben den Hilferuf in die Welt gesetzt. Einen übermäßigen Druck auszuüben, wäre unklug. Der erzeugt nur Gegendruck. Die Verantwortlichen wissen, worum es geht. Der chinesische Botschafter hat sich dahingehend geäußert, dass rechtliche Entscheidungen getroffen werden müssen. Das wäre gut. Wenn man den Fall auf die juristische Ebene herunterbricht, sind die Voraussetzungen gut, denn es liegen ja keine Vorwürfe gegen Ai Weiwei vor. Es gibt keine Begründung dafür, dass er keinen Pass bekommt.

Vom Bundeskanzleramt gab es in der vergangenen Woche keine verwendbare Antwort zum Fall Ai Weiwei. Wie erklären Sie sich das?

Angela Merkel hat sich mehrfach geäußert und mehrfach eingesetzt für den Künstler. Unmittelbar vor den Gesprächen mit der chinesischen Regierung wollte sie nicht noch einmal öffentlichen Druck machen. Ich finde diese Haltung nachvollziehbar.

Wie schätzen Sie Ai Weiweis Position vor Ort ein? Wie hält er den permanenten Druck aus, zumal er ja immer auch um seinen Sohn fürchten muss? Der Kleine wurde ja schon einmal von der Geheimpolizei gefilmt.

Ich war erstaunt, wie präzise und gelassen Ai Weiwei ist. Er ist völlig unhysterisch. Er sagt, er wird ein Leben lang dafür kämpfen, dass er reisen darf. Er wird unter keinen Umständen sein Land verlassen, das betont er immer wieder. Er hat in diesem Land seine Wurzeln und seinen jetzt 5-jährigen Sohn, den er täglich sieht und sehen will. Er bewegt sich in Peking frei, aber ständig bewacht. Er begrüßt die ihn bewachenden Polizisten mit Handschlag. Sie begrüßen ihn mit Namen. Er ist dort in intellektuellen Kreisen eine bekannte Person. Aber er hat gar keine Möglichkeit des Auftrittes. Sein Internet ist blockiert. Keine Zeitung druckt auch nur einen Satz von ihm. Ich schätze, 90 Prozent der Chinesen erfahren gar nichts von seiner Grundsituation.

Einige Kritiker finden seine Kunst spröde und handwerklich. Wie bewerten Sie seine Kunst?

Jeder hat ein Recht, seinen eigenen Blick auf das Werk zu werfen. Tatsächlich macht er viel Konzeptkunst, er macht eine intellektuelle Kunst, die sich stets auch politisch versteht. Er zeigt in der Berliner Ausstellung die Kameras, die ihn bewachen, in Marmor. Der Stein kommt aus jenen Marmorbrüchen, aus denen die Kaiser früher ihre Paläste gebaut haben. Ai Weiwei holt also das alte China in die heutige Zeit. Ein enorm politischer Prozess, den er versinnbildlicht. Auf großartige Weise, wie ich finde.

Für den Westler ist es schwierig, diese Aktionen zwischen Ai Weiwei und den Funktionären zu durchschauen. Es scheint oft wie ein Spiel.

Wenn, dann ist es spielerischer Ernst. Er ist stark. Als ich ihn besuchte, sagte Ai Weiwei zu mir: „Jeder Satz, den wir sprechen, der wird abgehört. Ist mir aber egal, ich sage sowieso, was ich denke.“ Das macht die Leute auch nervös, er trickst aber nicht.

Ist das eine Strategie?

Das ist keine Strategie, sondern eine aus dem Inneren kommende Kraft. Er ist enorm authentisch.

Woher hat er diese Stärke?

Es kann Glaube sein, es kann Selbstbewusstsein sein. Er kommt ja aus einer hochintellektuellen Familie. Sein Vater, ein großer Dichter, war unter Mao gefangen genommen. Und kam erst frei, als Mao endlich weg war. Eine Familie, die mit Widerstand umgehen kann.

Was bedeutet Berlin für Ai Weiwei?

„Es liegt auf dem halben Weg nach Amerika“, das hat er selbst so schon gesagt. Er hat Jahre dort gelebt. Berlin liegt also zwischen den beiden Polen seines Lebens. Er ist Mitglied an der Akademie, und hat eine Gastprofessur an der Universität, die er gerne antreten würde, er hat hier ein Atelier, in dem er gern arbeiten würde.

Die Ausstellung „Evidence“ – Beweis – ist ab 3. April 2014 im Berliner Gropius-Bau mittwochs bis montags von 10 bis 19 Uhr, ab 20. Mai 2014 täglich von 10 bis 20 Uhr zu sehen. Sie läuft bis zum 7. Juli 2014

Mehr Informationen im Internet: www.gropiusbau.de